Mario Doulis, Peter Ott (Hrsg.): Remediate

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Rezensiert von Thomas Nachreiner

RemediateEinzelrezension
Zur Remediation ist doch schon alles gesagt – um diesen Gedanken kommt man bei Betrachtung des Titels nicht herum. Während sich der Terminus – ausgehend von David J. Bolters und Richard Grusins begriffsprägendem Standardwerk aus dem Jahr 1998 – in aller Regel jedoch auf die “Übergangsepoche eines Wechsel des Leitmediums“ (7) bezieht, nimmt der Ansatz des vorliegenden Sammelbandes keine derart makroanalytische Perspektive ein. “Die Digitalisierung des optochemischen Mediums Film wie auch des elektromagnetischen Mediums Video ist […] abgeschlossen“ (ebd.) lautet die Diagnose und entsprechend würden sich Fragen der Intermedialität nunmehr weniger um den Übergang im Lichte des Neuen, sondern vielmehr um Formen der medienhistorischen Rückkopplung drehen – so die Einschätzung der Herausgeber.

Unter diesen Vorzeichen ist denn auch die – disziplinär wie international – recht heterogene Sammlung von Beiträgen zu verstehen: Der Band dokumentiert verschiedene Tagungen, Praxis- und Forschungsprojekte der Merz Akademie und der Akademie Schloss Solitude, die sich zwar gleichermaßen um die “Remedialisierung von, in und mit Film und Neuen Medien“ (7). drehen, denen darüber hinaus jedoch ein einheitlicher theoretischer Zugriff fehlt. Dass dies keinen Mangel darstellen muss, belegen die Beiträge des Remediate Symposium 2012, die den ersten Teil der Publikation formieren:  Beispielsweise sind Olia Lialinas Untersuchung von weitgehend vergessenen Amateurkulturen des Netzes oder auch Monika Wulz‘ Bericht über das Rekonstruktionsprojekt “Die Verlorenen“ keine generalisierenden Beschreibungen  eines Epochenwechsels, sondern verweisen auf die Verlustprozesse, die der Medienwandel mit sich bringt und die damit einhergehende “Brüchigkeit und Zerrissenheit“ (63) der Mediengeschichte. Die Studie partikularer Leerstelle(n) wird dergestalt den Masternarrativen des medialen Fortschritts gegenübergestellt. Die weitere Perspektivierungen von den “Rändern des Archivs“ beinhalten dabei auch Studien der musealen Ausstellungs- und Archivierungspraxis (Michel Vust, Jo de Witte) oder die Emergenz neuer medialer Formen (Isabelle Arvers über Machinima) bzw. kulturspezifischer ‘Medien-Atmosphären‘ (Götz Bachmann und Timon Beyes über japanische Videoplattformen).

Den zweiten Teil bildet die Dokumentation verschiedener (studentischer) Praxisprojekte, die sich in produktiver Wendung der theoretischen Probleme v. a. der Leitfrage widmen, welche funktionalen ästhetischen Nutzungsmöglichkeiten Hypermedien und Film füreinander bereitstellen. So versucht sich das künstlerische Projekt Stuttgart12 an kartographischen Integration von Videos und vernetzter Information, um den Stadtraum auf verschiedenen Ebenen wahrnehm- und erzählbar zu machen.

Im Projekt ‘Reverse Remediation: Machinima’ wiederum werden die Erzählmöglichkeiten von Machinima in ihrer medialen Spezifik ausgelotet. Zurück zur prominenten Problematik des Archivs führt schlussendlich eine Serie von Beiträgen unter dem Titel ‘Reverse Remediation: Multimediale Archive’, die sich zum Teil den Mythen digitaler Archivierung widmet: Z. B. Daniel Kurfess und Jörg Frohmayer über den ‘Mythos Memex’ (215ff.). Die sich zum Teil aber auch explizit der Gestaltung von Interfaces und Zugriffslogiken verschreibt, in denen die involvierten medialen Logiken bewusst reflektiert werden sollen: So z.B. Joscha Jäger über ‘Open Hypervideo‘ als Versuch, vernetzte Filmfragmente als Organisationsstruktur des Informationszugriffs zu verwenden (229ff.).

Wie diese notwendigerweise kursorische Lektüre des Sammelbandes verdeutlicht, erwartet die LeserInnen kein theoretischer Metaentwurf oder die Deklaration eines Epochenwechsels – vielmehr geht es, ganz gemäß dem künstlerischen Hintergrund vieler Beiträge, um die am Einzelfall praktizierte Hinterfragung und ggf. die Irritation geläufiger Grundannahmen, wie die Interfaces der medialen Geschichtswahrnehmung auszusehen haben.

Literatur:

  • Bolter, J.D.; Grusin, R. (2002): Remediation. Understanding new media. Cambridge, Mass.: MIT Press 1998.

Links:

Über das BuchMario Doulis, Peter Ott (Hrsg.): Remediate. An den Rändern von Film, Netz und Archiv. Paderborn [Wilhelm Fink Verlag] 2013, 307 Seiten, 40,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseMario Doulis, Peter Ott (Hrsg.): Remediate. von Nachreiner, Thomas in rezensionen:kommunikation:medien, 24. Februar 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18978
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Rezensent/in
Thomas Nachreiner Thomas Nachreiner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsfelder sind Medienereignisse und Mediengeschichte, digitale Kultur und kulturelles Gedächtnis sowie Medien und Terrorismus. Derzeit promoviert er zur Erinnerungskultur von 9/11 im World Wide Web.