Ivo Ritzer: Wie das Fernsehen den Krieg gewann

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Rezensiert von Katharina Gerund

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In ihrer vielbeachteten Monographie Hollywoods Kriege: Geschichte einer Heimsuchung (2013) hat Elisabeth Bronfen argumentiert, dass “das Kino als ein privilegierter Ort der Erinnerung fungiert, an dem die amerikanische Kultur kontinuierlich die traumatischen Spuren ihrer historischen Vergangenheit wiederverhandelt“ (9). Ivo Ritzer zeigt nun in seinem recht kompakten, aber lesenswerten Buch, dass auch das Fernsehen ein besonders “privilegierte[r] Raum für die Zirkulation kultureller Energien und der diskursiven Aushandlung“ ist (4). Denn die TV-Serie reflektiere in doppelter Weise das historische Geschehen des Krieges: als diskursive Intervention und als ästhetische und generische Form(ung). Sie sei “immer zugleich Memoration und Projektion“ (175).

Ritzers medienkulturwissenschaftliche Studie bedient sich theoretisch vor allem bei der Diskursanalyse à la Foucault und einer “dekonstruktivistischen Kultursemiotik“ (7) und betrachtet US-amerikanische Fernsehserien, genauer gesagt Combat Series, von den 1960er Jahren bis heute. Dabei lässt die deskriptiv-analytische Herangehensweise das Material oft für sich sprechen, liefert aber gleichermaßen präzise Analysen der jeweiligen Medienästhetik und informierte Einordnungen in größere mediale, politische und soziokulturelle Zusammenhänge und Diskurse.

Nach einer allgemeinen, teils etwas holzschnittartigen Einführung in Thematik, Methode und Objektbereich unter dem Titel “Krieg und Kultur“, skizziert Ritzer größere Entwicklungen in der amerikanischen Kriegsserie entlang diskursiver Verbindungen und in loser chronologischer Reihenfolge. In seinen Analysen, welche die Medienästhetik der Combat Series herausarbeiten, wird deutlich: Der Zweite Weltkrieg ist von zentraler Signifikanz für das Genre. Die TV-Kriegsserie setze sich initial mit dem oft zum ‘good war‘ verklärten Krieg auseinander und wisse diesen Mythos gleichermaßen “zu bedienen als auch zu desavourieren“ (28). Die ersten Serien der 1960er Jahre – The Gallant Men (1962-63), Twelve O’Clock High (1964-67) und Combat! (1962-67) – zeichneten sich durch eine entsprechende Ambivalenz aus. Sie (re)imaginierten den Zweiten Weltkrieg zunehmend vor dem Hintergrund des Koreakrieges und markierten Krisenhaftigkeit sowohl auf der Ebene der dargestellten Maskulinitäten als auch auf der Ebene der televisuellen Repräsentation.

Im Gegensatz zu dieser “Ambivalenzästhetik“ und der thematischen Fokussierung auf die Unvereinbarkeiten von Individuum und Kollektiv, vollziehe sich ab Mitte der 1960er Jahre – mit den Serien The Rat Patrol (1966-68), Garrison’s Gorillas (1967-68) und vor allem Baa Baa Black Sheep (1976-78) – eine Entwicklung hin zum “lustvollen Aufgehen[ ] im kulturellen Paradigma einer Posthistoire“, zur Performanz und zu einer Absage an scheinbar eindeutige Sinnzuschreibungen und kritischem Geschichtsbewusstsein (78). Die Darstellung und ästhetische Verhandlung des Vietnamkriegs als ‘ad war‘ untersucht Ritzer in The Lieutenant (1963-64) und Tour of Duty (1987-90). Er fasst diesen Diskurs theoretisch und analytisch unter den Schlagworten “Trauma und Tabu“. Die Serien thematisierten das ‘nationale Trauma‘ von Vietnam und inszenierten diesen kulturellen Tabubruch auf ästhetisch-repräsentationaler Ebene.

Nach längerer Absenz seien Kriegsserien dann erst wieder in den 2000er Jahren und in Bezugnahme auf den sogenannten ‘War on Terror‘ präsent. Im Rückgriff auf Herfried Münkler und Mary Kaldor versteht Ritzer die ‘Neuen Kriege‘ als gekennzeichnet durch Ökonomisierung, Privatisierung, Entgrenzung von Konflikt bzw. Gewalt sowie umfassende Medialisierung. Mit Blick auf die televisuelle (Re)Imagination des ‘War on Terror‘ konstatiert er einen “unapologetischen Ästhetizismus“ in der FOX-Produktion Over There (2005) im Gegensatz zur realistisch-naturalistischen und für HBO typischen Darstellungs- und Erzählweise in Generation Kill (2006), die sich weniger auf Aktion denn auf subjektive Erfahrung konzentriere. Beide Serien zeugten von einer “neue[n] kapitalistische[n] Medienkultur“ in der “alte dichotomische Modelle nicht mehr greifen“ und “Herrschaft und Widerstand immer ähnlicher“ werden (145).

Abschließend diskutiert Ritzer zwei jüngere televisuelle Repräsentationen des Zweiten Weltkriegs zwischen Authentizität und Allegorie. Band of Brothers (2001) konstituiere durch seine Authentifizierung mittels “historisierende[r], ontologisierende[r] und affizierende[r] Inszenierungsstrategien“ einen Paradigmenwechsel im Genre der Kriegsserie (172). The Pacific (2010) verfolge eine ähnliche Ästhetik und generische Rahmung, versuche aber nicht, den Mythos vom guten Krieg wiederherzustellen, sondern “imaginiert den Zweiten Weltkrieg […] als War on Terror“ in einem “allegorischen Darstellungsmodus“ (170, 172).

Auch wenn die Betrachtungen der einzelnen Serien hier und da etwas kurz greifen und detaillierte, kulturspezifische Analysen des Materials möglicherweise einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn erbracht hätten, ist die Gesamtschau auf die Entwicklungen der Combat Series und ihrer spezifischen medienästhetischen Strategien sehr erhellend. Ritzers Darstellungen sind – obgleich sprachlich manchmal ein wenig sperrig – durchweg theoretisch informiert und bieten eine solide und hilfreiche Einordnung der jeweiligen Serien in die amerikanische Medienlandschaft und den medienwissenschaftlichen Diskurs. Nicht zuletzt setzen sie diese produktiv in Beziehung zu korrespondierenden Entwicklungen in Politik und Gesellschaft zum einen und der Medienkultur und besonders der Geschichte des Kriegsfilms zum anderen.

Literatur:

  • Bronfen, E.: Hollywoods Kriege. Geschichte einer Heimsuchung. Übers. Regina Brückner. Frankfurt am Main [S. Fischer Verlag] 2013.

Links: 

Über das BuchIvo Ritzer: Wie das Fernsehen den Krieg gewann. Zur Medienästhetik des Krieges in der TV-Serie. Reihe: Serienkulturen: Analyse – Kritik – Bedeutung. Wiesbaden [Springer VS Verlag] 2015, 192 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseIvo Ritzer: Wie das Fernsehen den Krieg gewann. von Gerund, Katharina in rezensionen:kommunikation:medien, 3. Dezember 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18783
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Rezensent/in
Katharina GerundDr. Katharina Gerund ist Akademische Rätin (a. Z.) am Lehrstuhl für Amerikanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre Forschungsinteressen umfassen afroamerikanische Literatur und Kultur, feministische Theorie, Amerikanisierung und kulturelle Mobilität sowie US-amerikanische Populärkultur (v.a. Film und Fernsehen).