Sollten Journalisten ‘belangbar’ sein?

Essay, Rezensionen
1703 Aufrufe

Ein Essay von Siegfried Weischenberg

Anmerkungen zum Zustand der Medien- und Journalismuskritik – aus Anlass der Generalabrechnung eines Politikwissenschaftlers

Die UnbelangbarenEssay
Die Kritik am Journalismus und seinen Protagonisten ist so alt wie der (moderne) Journalismus selbst. Da gab es schon vor mehr als 150 Jahren – in Gustav Freytags Lustspiel Die Journalisten (1853) – den Schmock als Prototyp des Schmierlappen1, gefolgt von (mehr oder weniger) kulturkritischen Analysen zu den aufkommenden Massenmedien durch besorgte frühe Zeitungskundler2; Max Weber gehörte einige Zeit später zu den Wenigen, die Pauschalurteile über die Zunft öffentlich als ungerecht bezeichneten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von Philosophen und anderen, die sich Gedanken machten über die junge Demokratie und ihre Zukunft, gefragt, ob die Bevölkerung richtig informiert werde, so dass sie vernünftige Wahlentscheidungen treffen könne.3 In den 1970er Jahren geriet dann der öffentlich-rechtliche Rundfunk ins Visier vor allem konservativer Kritiker, die glaubten, dass die Bundestagswahl 1976 durch einseitige Berichterstattung linksliberaler TV-Journalisten zu Ungunsten der CDU/CSU beeinflusst worden sei.4 Im Jahrzehnt darauf musste man eher befürchten, dass diese Medienakteure so sehr domestiziert worden waren, dass Kritik und Kontrolle der Politik kaum noch stattfand; gleichzeitig wurde das duale Rundfunksystem auf den Weg gebracht, wovon sich insbesondere konservative Politiker und katholische Geistliche mehr ‘Ausgewogenheit’ versprachen.5 Die SPD hatte sich diesen ‘neuen Medien’ zumindest nicht verweigert.

Das schuf ganz neue Verhältnisse – nicht nur durch die z. T. schlüpfrigen Unterhaltungsangebote der Privatsender. Als dann die ‘Berliner Republik’ ausgerufen worden war, wurde (zumindest) die Gruppe der Hauptstadt-Berichterstatter als “Meute“ beschrieben und allgemein eine zunehmende Oberflächlichkeit und Kurzatmigkeit der politischen Kommunikation beklagt.6 Bei der Wahl 2005 erschienen diverse ‘Alpha-Journalisten’ verhaltensauffällig, wobei eine Art neoliberaler Rudelbildung und thematischer Beliebigkeit Gegenstand der Journalismuskritik wurden7. Ins Visier der Kritiker gerieten beim globalen Finanzdesaster (2008) sodann die Wirtschaftsjournalisten, ehe dem Journalismus in den letzten Jahren pauschal vorgeworfen wurde, er sei – zusammen mit den ‘Sozialen Medien’ im Internet – ganz wesentlich dafür verantwortlich, dass wir in einer Art ‘Empörungsdemokratie’ lebten, in der es immer wieder unschuldige Opfer des neuen ‘öffentlichen Prangers’ gebe. Neu war auch, dass dabei diverse Medien selbst im Büßergewand daherkamen – woran man sich erst mal gewöhnen musste. Diese Form von Kritik und Selbstkritik hat zuletzt wiederum einige hochrangige Journalisten wie den Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und Heribert Prantl, den stellv. Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, auf den Plan gerufen.

Nun gelten Journalisten prinzipiell als ziemlich dünnhäutig, wenn sie selbst – die Kritiker und Kontrolleure – kritisiert und kontrolliert werden; dafür gibt es viele Beispiele. Die ‘Alphatiere’ unter ihnen haben gewöhnlich auch die Macht, entweder die Monita in ihren Medien gleich zu unterdrücken oder aber dem Kritiker mit prominent platzierten ‘Antikritiken’ auf die Pelle zu rücken; Anlässe dafür gibt es immer wieder. So hat Brinkbäumer seine Rezension der beiden gerade erschienenen kritischen Romane von Umberto Eco und Jonathan Frantzen über alte und neue Medien8 genutzt, um aus der Hamburger Hafencity unfreundliche Grüße über wenige hundert Meter zu den Kollegen der ZEIT zu schicken. Dort könne man neuerdings Appelle lesen, die Leute von der Konkurrenz sollten damit aufhören, Krisen immer gleich zu Apokalypsen hochzuschreiben, wobei sie “immer erst die eine Krise zu Tode ritten, ehe sie die nächste bestiegen“. Bei den Kollegen sei z. B. ein “fulminanter Text“ zu lesen gewesen, “der diverse Medien prügelte und eine seltsam verträumte Erwartungsfröhlichkeit pries, ohne sie ‘constructive journalism’ zu nennen. Medien sollten lieb und netter sein […]; wieso immer diese Kritik und diese Enthüllungen, wenn man doch unter einer Decke aus Puderzucker so wundersam schmusen kann?“ Und vor allem: Bei all ihrer Katastrophen-Berichterstattung wirkten diese anderen Medien stets destruktiv, weil sie niemals einen Ausweg aufzeigten.9

Brinkbäumer ärgerte sich offenbar insbesondere über jenen üppigen Essay in der Hamburger Wochenzeitung, in dem aktuell eine Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus beschworen und den Medien eine “maßlose Lust am Skandal“ vorgeworfen worden war. In diese Kritik hatte der Autor, und das überraschte dann doch, sogar das Satire-Format der heute-show mit einbezogen; ihr Moderator Oliver Welke sei “zum Durchschnittsbürger mit Sendeerlaubnis geworden“. Gewiss dürfe Satire alles, hieß es dann vorsichtshalber. “Aber wenn sie vom Rand der Debatte in deren Mitte rückt, sagt das viel über die Gesellschaft.“ Generell verstärkten die “Mediensatiriker“ in ihren Programmen “die Abneigung gegen jene Medien, denen sie ihre Sendeplätze verdanken.“ Des Weiteren wurden zwei ZEIT-Kollegen gegen Vorwürfe in Schutz genommen, die in der ZDF-Sendung Die Anstalt aufgrund ihrer Versippung mit Interessenorganisationen erhoben worden waren, um schließlich zu beklagen: “Die permanente Skandalisierung bedeutet die Abkehr von Aufklärung und echter Auseinandersetzung.“ Dabei wird dann auch die neue Erscheinung der Empörungswellen in den ‘Sozialen Netzwerken’ thematisiert und daraus folgende Schlussfolgerung gezogen:

Für Journalisten heißt das: Übertreibt es nicht. Eure Rolle hat sich verändert. Früher waren die Journalisten für die Skandalisierung zuständig, sie mussten sich öffentlich empören, weil es sonst niemand tat. Heute findet die Empörung ohnehin statt, und nimmt man die Reaktionen bei vielen Lesern und Zuschauern auf die Germanwings-Berichterstattung ernst, dann will ein erheblicher Teil des Publikums, dass Journalisten mehr als bisher für Stabilität im öffentlichen Diskurs sorgen.10

Man könnte fragen, ob das tatsächlich die Funktion des Journalismus sein sollte. Und man könnte anhand der einschlägigen Forschung auch darüber diskutieren, ob Glaubwürdigkeitsprobleme der etablierten Medien tatsächlich eine neue Erscheinung sind (eher nein11) und ob nicht die z. T. hysterische Berichterstattung über den Flugzeugabsturz in den französischen Alpen12 genau denselben Mechanismen folgte wie vor genau anderthalb Jahrzehnten der Absturz der Concorde auf dem Pariser Flughafen “Charles de Gaulle“ und die Flugshow-Katastrophe von Rammstein zwei Jahre zuvor13. Zentral erscheint aber hier ein anderer Aspekt: Dass Publikationen wie die ZEIT sich und ihre Leser seit einiger Zeit fragen (und das sogar auf der Titelseite), “Wie guter Journalismus überleben kann“ und welche Überlegungen man zu seiner Rettung anstellen sollte. Dazu gab es von seinem Chefredakteur die Empfehlung an “das gedruckte Medium“, sich von bestimmten Verhaltensmustern zu verabschieden: “Es darf sein Relevanzversprechen nicht brechen durch eine permanente Skandalisierung des politischen Lebens oder eine auf Dauer abstoßende Konformität der Meinungen.“14 Die dahinter stehende Redaktionspolitik ließe sich aber auch als Reduzierung von Kritik und Kontrolle und generell als De-Politisierung interpretieren, und dies ist unter den Redakteuren der Wochenzeitung offenbar nicht unumstritten. So schreibt der langjährige Feuilleton-Chef des Blatts, Ulrich Greiner, in seinen Erinnerungen contra domo:

Personality-Stories […] werden mit allen Mitteln gefördert und inszeniert. Die gründliche, auf die ästhetische Eigenart bezogene Kritik tritt in den Hintergrund. Stattdessen bevorzugt man das Interview oder das Porträt. Das Feuilleton ist für die überhöhende Erläuterung des je Aktuellen zuständig geworden, während zugleich das politische Ressort […] dazu übergegangen ist, sich Formen des klassischen Feuilletons anzueignen. Man erzählt Geschichten […].15

Auf Versuche, den Beruf in der angeblichen ‘Empörungsdemokratie’ durch ‘mea-culpa’-Bekundungen weichzuspülen und sich selbst an die Kandare zu nehmen, reagiert der Spiegel-Chefredakteur mit Kopfschütteln; die “ganze wuchtige Analyse“ treffe überhaupt nicht zu. Tatsächlich, so postuliert er, müssten Journalisten wie Leser seit Jahren diverse, komplizierte Krisen zur selben Zeit verarbeiten und aufeinander beziehen. Und er weitet diese Feststellung aus zu kategorischen Aussagen über den Zustand des Journalismus:

[…] mehr kluge Medien als jemals zuvor, gedruckte und längst digitale, arbeiten zugleich investigativ und analytisch und schaffen es doch auch zu erkennen, wenn und von wem ein Problem gelöst wird. Die Journalisten loben dann diese Lösung und die Lösenden, stellen seit Langem schon Lob neben Kritik, weil Erfolge und Fehler zwei Hälften der Wirklichkeit sind und diese Wirklichkeit zu beschreiben ist. Das ist der Beruf des Journalisten.16

Diese freundliche Beschreibung unterscheidet sich in nahezu jeder Beziehung von dem Bild, das der Dortmunder Politikwissenschaftler Thomas Meyer vom deutschen Journalismus im zweiten Jahrzehnt nach dem Millenium entwirft. Schon der Buchtitel Die Unbelangbaren (er hat den Begriff von Gustav Seibt übernommen) verstört – mehr aber noch die unverhohlene Aufforderung, die (politischen) Berichterstatter in ihre Schranken zu weisen, ja, sie zu kontrollieren, also ‘belangbar’ zu machen, denn allzu offensichtlich missbrauchten sie ihre viel zu große Macht und wollten “mitregieren“, wie es im Untertitel heißt. Verantwortungslos sei insbesondere gewesen, wie der Spiegel in einem Porträt von Dirk Kurbjuweit den SPD-Kanzler-Kandidaten Peer Steinbrück im Wahlkampf 2013 behandelt habe und das ZDF den (in Interviews chronisch auf Krawall gebürsteten) SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel in einer Befragung durch Marietta Slomka. Dabei handelt es sich um sozialdemokratische ‘Retour-Kutschen’, die in ihrer Argumentation stark an die heftigen Vorwürfe – damals von Seiten der Christdemokraten – in den 1970er Jahren erinnern, als der angeblich wahlentscheidende Einfluss der Medien dann letztlich zu kommunikationspolitischen Aktivitäten führte.

Solche Art von Medien- und Journalismuskritik, die sich im Wesentlichen nur auf diese zwei Fallbeispiele stützt17 (ergänzt, wieder einmal, durch den ‘Fall Wulff’18), hat Prantl animiert, über das Buch einen Text zu schreiben, der in der SZ mehr als eine halbe Zeitungsseite füllt – was für die Rezeption wissenschaftlicher Analysen durch Journalisten bekanntlich eher unüblich ist.19 Der SZ-Innenpolitiker nimmt das eher schmale Werk aber ohnehin nur als ‘Streitschrift’ wahr und hebt hervor, dass der Autor nicht nur SPD-Mitglied, sondern immerhin stellvertretender Vorsitzender der Grundwertkommission der Partei ist – was bei einem solch ambitionierten Generalangriff auf den Journalismus nicht unbedingt einen Bonus auf dem Feld der ‘Werturteilsfreiheit’ bedeutet. Doch, so Prantl, werde hier andererseits ja angestrebt, “die Journalismus- und Journalistenkritik auf eine seriöse Ebene“ zu heben. Also etwas anderes anzubieten als die Journalistenverachtung á la Pegida (‘Lügenpresse’20) oder die erstaunlich (?) erfolgreiche Abrechnung des früheren FAZ-Redakteurs Udo Ulfkotte (Prantl: heute “Verschwörungsjournalist“) mit der ganzen Branche.21

Auch Prantl stellt die naheliegende Frage, wie Thomas Meyer die angeblich ‘Unbelangbaren’ – vorwiegend, aber nicht nur, sind damit bei ihm ‘Alpha-Journalisten’ gemeint – künftig belangen will, denn wir leben ja nicht in einer Diktatur. Sie sollten sich wohl (irgendwie) verantworten, wenn sie über die Stränge schlagen, also z. B. Kampagnen inszenieren und aus der Rolle fallen.22 Der Journalist wirft dem Politologen aber vor allem seinen SPD-Bias vor; gewiss sei Pressefreiheit für die Demokratie da – aber nicht, wie es Meyer es wohl gerne hätte, als Privileg für die Sozialdemokratie. Dessen blinden Fleck beschreibt er deshalb mit deutlichen Worten:

Meyers Kritik liest sich wie eine mitleidheischende Schimpferei bei der Vorstandsrunde im Willy-Brandt-Haus. Es schadet der Meyerschen Kritik am selbstgefälligen Habitus von Journalisten, dass er diese Kritik sozialdemokratisiert. Da ist ein SPD-Herz wund und aufgescheuert. Die Fragen zum Selbstverständnis des politischen Journalismus, die Meyer aufwirft, müssen nicht in weinerlichem Ton vorgetragen werden; sie verdienen bessere Antworten als gekränkte Räsoniererei.

Man könnte aus Brinkbäumers und Prantls ‘Antikritiken’ (wieder einmal) schlussfolgern, dass (einflussreiche) Journalisten ziemlich kritikresistent sind; prinzipiell ist da gewiss etwas dran. So beharren immer noch viele Berufsvertreter in bornierter Weise darauf, dass sie überhaupt nur von ‘gelernten Journalisten’, also veritablen Praktikern attackiert werden dürften; alle anderen gelten als ‘Theoretiker’, die man nicht ernst nehmen müsse. Andererseits ist aber auch nicht zu übersehen, dass die Bereitschaft der Journalisten zur (auch: öffentlichen) Fehlerdebatte und Selbstkritik zugenommen hat und dass man sich viel stärker als früher auf das Publikum und seine Reaktionen einlässt/einlassen muss. Dies ist natürlich das Verdienst der neuen Feedback-Möglichkeiten, welche das Internet schafft. Und natürlich spielt auch die schwindende ökonomische Basis des herkömmlichen Journalismus eine Rolle: Man muss sich Gedanken machen, wie man die Leute bei der Stange hält.23 Zudem hat es gerade in den vergangenen Jahren Beispiele für reflektierte, empirisch gesättigte Analysen von Journalisten zum Zustand ihres Berufs gegeben; sie fallen jedenfalls differenzierter und fundierter aus als die neuerdings feststellbare ‘Ranschmeiße’ an den Zeitgeist der Medienschelte, die aus Blogs und Foren quillt.24 Dass diese Bücher nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit in den Medien gefunden haben wie Meyers wenig profunde Auseinandersetzung mit der Branche, könnte der Autor eigentlich als weiteren Beleg für seine Generalthese verwenden, dass der deutsche Journalismus ein Problem mit der Relevanz von Themen, Leistungen und Personen hat…

Die z. T. sehr heftigen negativen Reaktionen auf sein Buch25 hat sich Thomas Meyer vor allem deshalb eingehandelt, weil er an vielen Stellen allzu ‘parteilich’ selektiert und argumentiert. Meine Kritik geht jedoch weiter, denn Meyer hatte schon den Ehrgeiz, sozusagen wissenschaftlich gestützt daher zu kommen. Doch im Eifer des Gefechts ist  ihm da einiges durcheinander geraten. Es kommt hinzu, dass seine (überschaubaren) kommunikationswissenschaftlichen Bezüge bemerkenswert uninformiert ausfallen.26  Vor allem aber: Was er uns als Journalismuskritik anbietet, trifft die aktuellen Probleme – auch da haben die Rezensenten recht – nicht wirklich.

Wenn man die parteipolitisch motivierte Polemik des Autors weglässt, die hier weniger interessiert, so startet das Buch eigentlich erst mit einem Kapitel, das mit “Die Logik der Massenmedien“ überschrieben ist (75 ff.). Die bis dahin beschriebenen Beispiele für “Grenzverletzungen“ konfrontiert der Autor darin gleich zu Beginn mit der angeblichen “systemtheoretischen Vorstellung“, wonach die Journalisten Marionetten seien, die nur binär zwischen ‘neu’ und ‘alt’ zu wählen hätten, denn das sei schließlich das Programm, nach dem der Journalismus funktioniere. Direkt danach geht es dann um die Gesetze des Medienmarktes, so dass, alles in allem, geradezu zwangsläufig “ein verzerrend simples Bild politischer Vorgänge“ geliefert und geradezu unmöglich gemacht würde, dass “Journalisten das Politische angemessen und erfolgreich wiedergeben“. Immer wieder ist dabei von ‘Theater’ und ‘Inszenierung’ die Rede – Meyers traditionellen Metaphern aus seinen Studien zur politischen Kommunikation27, was dann zur These von der autonomen Rolle der Journalisten ausgebaut wird; diese agierten

wie Impresarios, die auf ihrer Schaubühne mit einiger Phantasie wechselnde Stücke inszenieren, und zwar oft Stücke mit einem eher lockeren Bezug zur politischen Realität.
Auch darüber, wer auf dieser Schaubühne wie auftreten darf, wachen die medialen Gatekeeper mit rigoroser Strenge. (77)

Es ist schon verblüffend, wie hier auf wenigen Seiten Erkenntnisse der Systemtheorie, des Konstruktivismus, der Nachrichten- und Gatekeeperforschung auf eine Weise zusammengebracht werden, dass man sie nicht wiedererkennt.28 Auffallend dabei vor allem, in welch unreflektierter Weise Meyer Begriffe wie ‘Verzerrung’ und ‘erfolgreiche Kommunikation’ immer wieder einsetzt. Überflüssig zu sagen, dass das alles mit Luhmanns ‘Realität der Massenmedien’, auf die häufig rekurriert wird, nichts zu tun hat. Richtig – aber dann auch wirklich überraschend – ist der Satz, “dass die Logik des Politischen vollkommen anders funktioniert als die ihrer medialen Darstellung.“ (80) Das hätte Meyer natürlich gerne anders, zumal er unter der Überschrift “Eine antagonistische Symbiose“ (80 ff.) behauptet, die Politik sei “von den Medien gleichsam kolonisiert“ (84) worden – was nun wiederum Habermas ziemlich auf den Kopf stellt. Direkt danach heißt es auf einmal, dass die Medien durch die Politik instrumentalisiert würden:

Man holt Journalisten und andere Medienprofis als Berater oder Pressesprecher in die Parteien und politischen Stäbe, um die gesamte Kommunikation von Anfang an so zu steuern, dass man die Aufmerksamkeit der Zeitungen, Fernsehsender etc. und damit auch des Publikums erobert. (86)

‘Steuerung’ – das ist die Zauberformel politikwissenschaftlichen Denkens (hier in Tateinheit mit sehr simplen Vorstellungen von Medienwirkungen), die freilich quer liegt zur systemtheoretischen These von der operativen Geschlossenheit gesellschaftlicher Funktionssysteme. Die angebliche “Überlagerung des Politischen durch das Mediensystem“, von der dann die Rede ist, führe dazu, so Meyer weiter, dass “die Medienleute“ als “nach wie vor entscheidende Gatekeeper“ alleine bestimmten, “wer auf der großen Bühne brillieren darf und wer der Lächerlichkeit preisgegeben wird“. (87) Dazu wird vom Autor die These nachgeschoben, Politik und Medien seien heute zu einem nach derselben Logik funktionierenden “politisch-medialen Supersystem“ verschmolzen –  als Beleg dient hier eine 30 Jahre alte Quelle (89 f.). Zur Begründung für die Behauptung, in diesem ‘Supersystem’ seien die Berufsrollen fluid geworden, dienen wieder zwei Beispiele (die Politiker Schmidt und Clement) – wobei übersehen wird, dass Karrierewege von der Politik in den Journalismus und umgekehrt keineswegs eine neue Erscheinung sind.29

Meyer stützt sich im Kontext seiner Philippika gegen den angeblichen Einfluss der ‘mitregierenden’ politischen Journalisten auf Max Webers Machtbegriff (105 ff.), verzichtet aber wohlweislich darauf, Webers differenziertes Urteil über die Geschäftsgrundlage des Journalismus und die berufliche Verantwortung der Journalisten zu referieren30; dies würde der stromlinienförmigen Argumentation wohl allzu sehr entgegenlaufen. Entgegen Meyers Behauptungen spricht aber alles dafür, dass der Journalismus der klassischen Massenmedien sogar an Einfluss verloren hat:

• durch den Monopolverlust als ‘Gatekeeper’, der sich schon in den 1980er Jahren ankündigte31,
• durch gerade daraus resultierende Probleme mit dem klassischen Geschäftsmodell insbesondere der Printmedien (Anzeigen-basierte Finanzierung), welche die journalistischen Ressourcen reduzieren,
• durch deutlich größer gewordene Abhängigkeit von den Institutionen, über die berichtet wird, denn die haben mit einer Armada von PR-Leuten und Krisenkommunikations-Strategen merklich ‘aufgerüstet’.

Es erstaunt, in welch erkenntnistheoretischer Unschuld hier ein Sozialwissenschaftler (!) unterwegs ist, wenn er grundsätzlich unterstellt, dass es absolute Qualitätsmaßstäbe für die ‘Abbildung von Wirklichkeit’ gebe, die man den Journalistinnen und Journalisten oktroyieren könne. Die Pointe ist dabei, dass der Autor auch hier gern auf Luhmann und dessen konstruktivistische Systemtheorie rekurriert, die er aber gerade im Zusammenhang mit dem von jenem artikulierten prinzipiellen Manipulationsverdacht gegenüber den Massenmedien offensichtlich missversteht (Beispiele: 13, 75 ff., 118 ff.). Später bringt er unter dem Titel “Journalistische Selbstbilder“ (116 ff.) als “Gegenstück zur subjektlosen Medienwelt Luhmanns“ zwar Carsten Brosdas Ansatz des ‘diskursiven Journalismus’ sowie dann noch Otto Groth und Glotz/Langenbucher mit ihrem seinerzeitigen Plädoyer für einen publikumsorientierten Journalismus in Stellung32. Doch auch diese Quellen passen nicht richtig zu Meyers Basso continuo vom allmächtigen, manipulativen, arroganten, Realität und Objektivität missachtenden Journalismus in Deutschland – und das gilt auch für die referierten Befunde aus den JouriD-Studien33. Es sei denn, man geht nach dem Motto vor: ‘Was nicht passt, wird passend gemacht’.

Der Autor beklagt, dass es in den Medien keine Debattenkultur mehr gebe so wie weiland in der ‘Bonner Republik’ und nennt in diesem Zusammenhang die Beispiele Notstandsgesetzgebung, Brandts Ostpolitik, Schmidts Nato-Doppelbeschluss, Kernenergie und den Historikerstreit (140). Ja, das ‘Jahrhundert des Journalismus ist vorbei’34: Die großen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Debatten laufen längst außerhalb der Massenmedien oder mit den Massenmedien, aber längst nicht mehr exklusiv durch die Massenmedien. Insofern bedürfte auch Luhmanns Satz über ihr Monopol als Wissensvermittler – den Meyer gleich zu Beginn zitiert (13) – der aktuellen Interpretation seines Medienbegriffs. Denn seit der Soziologe das vor zwei Jahrzehnten schrieb, hat das Internet die Kommunikationsverhältnisse gründlich durcheinander gewirbelt. Doch das erwähnt Meyer nur am Rande, ehe er dieses Versäumnis am Ende durch ein kurzes Kapitel zu beheben sucht, das er “Hoffnung Netz“ überschrieben hat (177 ff.). Hier wird aber nur höchst kursorisch und zum Teil auch schief erörtert, was der Strukturwandel von Öffentlichkeit und Privatheit und insbesondere die neue Macht des Publikums in den Netzforen bedeuten. Immerhin räumt er dann ein, das Internet biete “die Gelegenheit, die sonst weitgehend unbelangbaren Journalisten der etablierten Medien zu kritisieren und zu kontrollieren.“ (180) Offenbar ist ihm bewusst, dass eine weitergehende Erörterung der Feedbacks und Shitstorms, denen (nicht nur) der Journalismus heute ausgesetzt ist und die ihn gewaltig unter Druck setzen35, seine ganze Kanzel Marke Eigenbau zum Einsturz bringen würde. Hartnäckig postuliert der Autor stattdessen in seinem Schluss-Satz (ehe er dann noch mit sehr unoriginellen Vorschlägen zur “Trendumkehr“ aufruft, 183 ff.): “Mediokratie und Unbelangbarkeit behaupten einstweilen das Feld.“ (181)

Vor mehr als 100 Jahren hat Max Weber gefordert, Medien und Journalismus empirisch zu untersuchen – ehe man Urteile über ihre Macht, ihren Einfluss, ihre Wirkungen abgibt36. Meyers Buch zeigt, dass dieses Postulat in (Teilen?) der Wissenschaft von der Politik immer noch nicht angekommen ist. Polemisch zugespitzt: Wenn dieses Buch repräsentativ wäre für den Umgang der Politologie mit dem Journalismus und seiner Qualität, sollte das Fach von diesem Thema besser die Finger lassen. Medienkritik, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will, eignet sich jedenfalls nicht für überzogene Werturteile und normative Rundumschläge auf dünner empirischer Basis.

Das Bild, das Meyer vom deutschen Journalismus zeichnet, ist eine Karikatur. Seine Medien- und Journalismuskritik passt insofern in die Zeit, als sie sich mit der Schelte deckt, die im Umfeld von ‘Pegida’, aber auch weit darüber hinaus geübt wird; natürlich will Meyer damit im Grunde nichts zu tun haben – auch wenn er Verständnis dafür äußert37. Doch auch seine Generalabrechnung mit dem Journalismus ist vordergründig, in wesentlich Teilen schlecht begründet, widersprüchlich – und in jedem Falle nicht wissenschaftsfähig.38 Sie deckt sich freilich mit vielen wütenden Kommentaren zur ‘performance’ der Medien, die wir jeden Tag in den Netz-Foren finden. Es wäre dem Journalismus, ja uns allen zu wünschen, dass es in diesen unübersichtlichen Zeiten eine Form der Auseinandersetzung mit den Leistungen von Medien und Journalismus gibt, die nicht nur mit Leidenschaft daherkommt, sondern auch mit Augenmaß39 – und dabei hinreichende fachliche Kompetenz vorweisen kann. Dafür wäre eigentlich die Kommunikations- und Medienwissenschaft zuständig.

Links:

  1. Diese Figur erfreut sich immer noch einer gewissen Popularität – sogar in der Blogosphäre. Ein Beispiel dafür ist der um den Hamburger SV kreisende Blog “HSV-Arena“ (http://www.hsv-arena.hamburg/), der dem anderen monothematischen, vom Hamburger Abendblatt produzierten ‘Tagebuch’ “Matz ab“ (http://hsv-blog.abendblatt.de/) in tiefer Abneigung verbunden ist und von seinem Betreiber ‘Gravesen’ (nickname) “SchmocksEinöde“ genannt wird. Wer im Schnellkurs fallstudienartig lernen will, was es im Internet an neuen Erscheinungen im Schnittfeld von Journalismus und (früher so genanntem) Publikum gibt (incl. Shitstorm-artiger Erscheinungen und Folgen von anonymen Beiträgen für die Qualität der Kommunikation sowie Versuchen der Finanzierung durch ‘Crowdfunding’), sei auf diese beiden Blogs verwiesen.
  2. Vgl. Groth, O. (1948): Die Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft. Probleme und Methoden, München: Weinmayer.
  3. Vgl. z. B. Jaspers, K. (1964): Werden wir richtig informiert?, in: P. Hübner (Hrsg.): Information oder Herrschen die Souffleure. 17 Untersuchungen, Reinbek bei Hamburg, S. 22-34; Weischenberg, S. (2014): Max Weber und die Vermessung der Medienwelt. Empirie und Ethik des Journalismus – eine Spurenlese, Wiesbaden: Springer VS, S. 79 ff.
  4. Vgl. Weischenberg, S. (1989): Der enttarnte Elefant. Journalismus in der Bundesrepublik – und die Forschung, die sich ihm widmet, in: Media Perspektiven 1989/4, S. 227-239.
  5. Vgl. Weischenberg, S. (1997): Neues vom Tage. Die Schreinemakerisierung unserer Medienwelt, Hamburg: Rasch und Röhring; ders. (1987): Diener des Systems. Wenn Journalisten den Politikern zu nahe kommen, in: Die Zeit 1987/14, S. 13-17.
  6. Vgl. Koelbl, H. (2001): Die Meute. Macht und Ohnmacht der Medien, München: Knesebeck; Hachmeister, L. (2007): Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik, München: Deutsche Verlags-Anstalt.
  7. Vgl. Weischenberg, S. (2005); Der Schein trügt, in: Die Zeit N.41 v. 6.10.2005, S. 54; Hofmann, G. (2005): Die Arena, in der alles erlaubt ist, in: Die Zeit Nr. 35 v. 25.8.2005, S. 40; Weischenberg, S. (2007): Verkäufer ihrer selbst. Viele Medien bringen sich durch Spektakelmacherei und Nebengeschäfte um ihren Kredit beim Publikum, in: Die Zeit Nr. 43 v. 18.10.2007, S. 54.
  8. Eco, U. (2015): Nullnummer, München: Hanser; Franzen, J. (2015): Unschuld, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
  9. Reporterpack. Klaus Brinkbäumer über die Romane von Umberto Eco und Jonathan Franzen, die aus der Welt der alten und neuen Medien erzählen, in: Literatur Spiegel. Beilage zum Spiegel Nr. 40 v. 26.9.2015, S. 3-5.
  10. Hamann, G. (2015): Der Journalismus steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise. Woran liegt das? Und was lässt sich dagegen tun? Ein Essay über Fehler von Journalisten, Leser in Lynchstimmung und die Verantwortung des Publikums, in: Die Zeit, Nr. 26 v. 25.6.2015, S. 8 f.; vgl. auch: Christ, S. (2014): Medienkritik: Warum sich Journalisten und Leser immer schlechter verstehen, in: The Huffington Post v. 2.5.2014 (http://www.huffingtonpost.de/2014/05/02/medienkritik-journalisten_n_5252735.html).
  11. Vgl. Weischenberg, S. (2002 / zuerst 1995): Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Bd. 2: Medientechnik, Medienfunktionen, Medienakteure, Wiesbaden, Nachdruck: Westdeutscher Verlag, S. 293-304.
  12. Vgl. Simon, J. (2015): Die Belagerung von Montabaur. Im Heimatort des Co-Piloten verlieren manche Reporter den Anstand. Viele Einwohner verachten die Journalisten dafür, in: Die Zeit Nr. 14 v. 1.4.2015, S. 23.
  13. Vgl. zu diesen und anderen Fällen: Weischenberg, S. (2001): Nachrichten-Journalismus. Anleitungen und Qualitäts-Standards für die Medienpraxis, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 263 ff.
  14. Die Zeit Nr. 48 v. 22.11.2012, S.1, 25 ff.
  15. Greiner, U. (2015): Das Leben und die Dinge. Alphabetischer Roman, Salzburg/Wien: Jung und Jung, S. 87 f.
  16. Brinkbäumer: Reporterpack, a.a.O., S. 4.
  17. Der Autor hat für diese Methode das einfallsreiche Etikett ’empirisches Kaleidoskop’ geprägt (vgl. S.105).
  18. Auch bei Meyer gibt es dazu nur eine pauschale Medienschelte, die darauf verichtet, den Vorgang in Hinblick auf das Binnenverhältnis Wulff-Diekmann zu plausibilisieren und die treue Bild-Gefolgschaft diverser Medien bei ihrer Berichterstattung zu problematisieren. Wie der Bild-Chefredakteur mit ‘privaten’ Mitteilungen umgeht und wie die Eliteversippung von Medien funktioniert, hätte man im Übrigen anhand eines anderen prägnanten Falls studieren können, der publik geworden ist (vgl. Grimberg, S. (2012): Als Diekmann noch wie Wulff war, in: taz v. 15.1.2012).
  19. Prantl, H. (2015): Journalismus als Schlachtfeld. Wofür ist die Pressefreiheit da? Gewiss nicht dafür, Machtgelüste von Politikberichterstattern zu befriedigen. Eine Streitschrift versucht sich an der Versachlichung der Lügenpresse-Debatte – in leider allzu beleidigtem Ton, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 111 v. 16./17.5. 2015, S. 46.
  20. Zur Geschichte dieses Begriffs vgl. Katzenberger, P. (2015): Kampfbegriff gegen die Demokratie, in: Süddeutsche Zeitung v. 13.1.2015 (http://www.sueddeutsche.de/kultur/luegenpresse-ist-unwort-des-jahres-kampfbegriff-gegen-die-demokratie-1.2301815).
  21. Ulfkotte, U. (2014): Gekaufte Journalisten. Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken, Rottenburg: Kopp. Zuvor, weniger erfolgreich: Ulfkotte, U. (2001): So lügen Journalisten. Der Kampf um Quoten und Auflagen, München: C. Bertelsmann.
  22. Der Schluss des Buches enthält dazu, das sei hier schon angemerkt, unter der Überschrift “Eine Trendumkehr tut not“ (183 ff.) einige Anregungen der eher bescheidenen Art, wozu z. B. gehört, künftig zwei der Theodor-Wolff-Preise für journalistische Selbstkritik zu reservieren.
  23. Vgl. dazu z. B. die persönlich gehaltenen Erkundungen und Analysen des Spiegel-Redakteurs Cordt Schnibben (Schnibben, C. (2015): “Knast, wenn du lügst“, in: Der Spiegel 2015/10, S. 81-86; “Wo ist der Sarkasmus hin?“, in: Der Spiegel 2015/14, S. 92-94).
  24. Vgl. z. B. Bruns, T. (2007): Republik der Wichtigtuer. Ein Bericht aus Berlin, Freiburg/Basel/Wien; Schimmeck, T. (2009): Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache, Frankfurt/Main: Westend. Darin wird ein sehr viel bezeichnenderes Beispiel für ‘Rudelbildung’, die den Kern von Thomas Meyers Medienkritik bildet, eingehend abgehandelt (vgl. S. 129-161): der Fall Andrea Ypsilanti. Gegen diese SPD-Politikerin bildete sich 2008 eine mediale Einheitsfront, als sie in Hessen nach der Krone der Ministerpräsidentin griff. Die nach Darstellung Schimmecks wie gleichgeschaltet wirkenden Medien schreckten damals auch vor dem Mittel der persönlichen Verunglimpfung nicht zurück. Verzichtet Meyer, der das Buch kennt und lobt (Die Unbelangbaren: 31, 139), auf den Fall dieser SPD-Linken, weil er ihm nicht in den parteipolitischen Kram passt? Eine bemerkenswerte Zusammenstellung von Bild-Beispielen bietet ansonsten die originelle, sehr detaillierte Analyse von Henschel, G. (o. J. / 2008): Die Springer Bibel. Ein Panorama der Mediengeschichte, Hamburg: konkret. Seinen Frust über die politische Kommunikation bei der Wahl 2005 hat sich ein langjähriger RTL-Hauptstadt-Korrespondent von der Seele geschrieben (Hoffmann, G. (2007): Die Verschwörung der Journaille zu Berlin, Bonn: Bouvier). In einer eigenen Liga spielen immer noch die Reflexionen, welche der 2003 verstorbene SZ-Redakteur Herbert Riehl-Heyse zur Wirklichkeit des Journalismus publiziert hat (vgl. z. B. Riehl-Heyse, H. (1989): Bestellte Wahrheiten. Anmerkungen zur Freiheit eines Journalistenmenschen, München: Kindler; ders. (2003): Arbeiten in vermintem Gelände. Macht und Ohnmacht des Journalismus, Wien: Picus).
  25. Vgl. dazu z. B. die Rezensionen, welche – neben der SZ – die taz (11.6.2015), Die Zeit (24.9.2015), WDR5 (25.6.2015) und SWR2 (5.8.2015) gedruckt bzw. gesendet haben. Enthusiastisch fallen jedoch die (bisher sieben) Leser-Kommentare aus, die Amazon seiner Produktinformation nachgestellt hat (http://www.amazon.de/Die-Unbelangbaren-politische-Journalisten-mitregieren/dp/351812692X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1444894846&sr=1-1&keywords=Die+Unbelangbaren; Abruf: 15.10.2015); sie zumindest illustrieren, wie sehr der Tenor des Buchs mit einer allgemeinen Medienschelte korrespondiert.
  26. So hätte z. B. nahegelegen, in Hinblick auf das Verhältnis zwischen Journalismus und Publikum Bezug zu nehmen auf die empirischen Befunde in zwei neueren einschlägigen Studien (Donsbach, W. et al. (2009): Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden, Konstanz: UVK; Meyen, M./Riesmeyer, C. (2009): Diktatur des Publikums. Journalisten in Deutschland, Konstanz: UVK.
  27. Vgl. z. B. Meyer, T. et al. (2000): Die Inszenierung des Politischen. Zur Theatralität von Mediendiskursen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  28. Vgl. Weischenberg, S. (2014): Vermessung, a.a.O.: insbes. S. 273 ff., 295 ff., 350 ff.; Weischenberg, S. (1993): Die Medien und die Köpfe. Perspektiven und Probleme konstruktivistischer Journalismusforschung, in: Bentele, G./Rühl, M. (Hrsg.): Theorien öffentlicher Kommunikation, München: Ölschläger, S. 126-136.
  29. Nur drei Beispiele aus der Vergangenheit: Gustav Stresemann, Willy Brandt und Egon Bahr; Max Weber bewegte sich – mehr oder weniger virtuos – gleichzeitig in den Feldern Wissenschaft, Politik und Medien.
  30. Vgl. Weber, M. (1968 / 1919): Politik als Beruf, 5. Aufl., S. 29 ff.
  31. Vgl. Weischenberg, S. (1985): Die Unberechenbarkeit des Gatekeepers. Zur Zukunft professioneller Informationsvermittlung im Prozeß technisch-ökonomischen Wandels, in: Rundfunk und Fernsehen, 33. Jg., 1985/2: 187-201.
  32. Brosda, C. (2008): Diskursiver Journalismus. Journalistisches Handeln zwischen kommunikativer Vernunft und mediensystemischem Zwang, Wiesbaden: VS; Groth, O. (1960-1972): Die unerkannte Kulturmacht. Grundlegung der Zeitungswissenschaft (Periodik), 7 Bde., Berlin: de Gruyter; Glotz, P./Langenbucher, W.R. (1969): Der mißachtete Leser. Zur Kritik der deutschen Presse, Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch.
  33. Scholl, A./Weischenberg, S. (1998): Journalismus in der Gesellschaft. Theorie, Methodologie und Empirie, Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag; Weischenberg, S./Malik, M./Scholl, A. (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die deutschen Journalisten, Konstanz: UVK.
  34. Weischenberg, S. (2010): Das Jahrhundert des Journalismus ist vorbei. Rekonstruktionen und Prognosen zur Formation gesellschaftlicher Selbstbeobachtung, in: H. Bohrmann/G. Toepser-Ziegert (Hrsg.): Krise der Printmedien: Eine Krise des Journalismus?, Berlin/New York: de Gruyter/Saur, S. 32-61.
  35. Die Medienakteure setzen sich dagegen mehr oder weniger gelassen zur Wehr. Vgl. z. B. Kohler, B. (2015): Die tollste Form des Journalismus. Hosen voll schon vor dem Shitstorm: Der Blogwart lässt die Politik erzittern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 7.8.2015 (http://www.faz.net/aktuell/politik/fraktur/fraktur-von-berthold-kohler-ueber-journalisten-und-blogger-13738321.html); Hanfeld, M. (2015): Berechtigter Protest oder pure Agression? (Shitstorm-Interpreten), in: FAZ v. 22.7.2015 (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/poerksen-bemaengelt-shitstorm-kritik-von-dieter-nuhr-13713985.html); Fleischhauer, J. (2015): Die da oben schreiben doch eh, was sie wollen! (Wut auf Journalisten), in: Spiegel Online v. 7.4.2015 (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-ueber-alternative-medien-4u9525-andreas-lubitz-a-1027302.html).
  36. Vgl. Weischenberg, S. (2012): Max Weber und die Entzauberung der Medienwelt. Theorien und Querelen – eine andere Fachgeschichte, Wiesbaden: Springer VS.
  37. Vgl. dazu seine Interviews mit taz.de (29.5.2015; http://www.taz.de/1/archiv/?dig=/2015/05/29/a0093) und Telepolis (2.6.2015; http://www.heise.de/tp/artikel/45/45077/1.html). Zum publizistischen Umgang mit der Pegida-Bewegung vgl. Krake, M. (2015): Der Extremismus der Mitte, in: journalist, Nr. 2, Februar 2015, S. 34-39; der Autor urteilt, die “Meinungselite“ sei hier “merkwürdig haltungslos“ geblieben (ebd., S. 37).
  38. Selbst gleichfalls recht pauschal und eher wissenschaftsfern daherkommende Formen von Medienkritik ähnlichen Tenors haben hier schon vor Jahren fundiertere und differenziertere Darstellungen geliefert (vgl. z. B. Schneider, W. et al. (1984): Unsere tägliche Desinformation. Wie die Massenmedien uns in die Irre führen, Hamburg, 2. Aufl.: Gruner & Jahr).
  39. Vgl. dazu das professionelle Plädoyer des Chefredakteurs der “Neuen Zürcher Zeitung“, Markus Spillmann. (Spillmann, M. (2014): Rückgrat und Charakter, in: NZZ Nr. 303 v. 31.12.2014, S.1). Es war Spillmanns Schwanengesang: vierzehn Tage zuvor war seine Entlassung verkündet worden.
Über das BuchThomas Meyer: Die Unbelangbaren. Wie politische Journalisten mitregieren. Berlin [Suhrkamp ] 2015, 186 Seiten, 15,- Euro.Empfohlene ZitierweiseSollten Journalisten ‘belangbar’ sein?. von Weischenberg, Siegfried in rezensionen:kommunikation:medien, 13. November 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18688
Getagged mit: , , , ,
Veröffentlicht unter Essay, Rezensionen
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Dr. Siegfried Weischenberg ist Leiter des Media Lab am International Media Center Hamburg. Zuvor war er Professor für Journalistik / Kommunikationswissenschaft an den Universitäten von Dortmund (1979-1982), Münster (1982-2000) und Hamburg (2000-2013).