Gergana Baeva: Nationale Identität als Medieninhalt

Einzelrezension
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Rezensiert von Indira Dupuis

Nationale Identität als MedieninhaltEinzelrezension
In ihrer Dissertation untersucht Gergana Baeva die massenmediale Konstruktion von nationaler Identität in Bulgarien im Verlauf des EU-Beitritts. Hierzu erfasst sie in einer Zufallsstichprobe Zeitungskommentare aus zwei der auflagenstärksten Tageszeitungen, Dneven Trud und Standart, sowie der Wochenzeitung Kapital. Die Artikel aus den Jahren 2001, 2005, 2007 und 2009 unterzieht sie anschließend einer quantitativen Inhaltsanalyse. Mit der theoretischen Rahmung schlägt Baeva gleichzeitig eine “theoretische Neuorientierung“ vor (303), die den Kommunikationsprozess in den Blick nimmt und sich so von der politologischen Perspektive abgrenzt. Dies betrifft ihre Überlegungen zur Rolle von Massenmedien bei der Identitätskonstruktion und begründet, dass im Theorieteil bei der Definition des kollektiven, diskursiven Identitätsbegriffs mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur individuellen Identitätsbildung begonnen wird.

Im Theorieteil werden, basierend auf der Forschung zur nationalen Identität in Bulgarien, “Erwartungen an die mediale Konstruktion von nationaler Identität in Bulgarien“ (170) entwickelt, die innerhalb der Konzeption der Studie zu Hypothesen verdichtet (vgl. 177ff.) werden. Weil demnach übergreifend eine geringe Identifikation mit dem Staat zu erwarten sei, habe die nationale Identität weniger einen politischen als eher einen ethnischen oder kulturellen, zivilgesellschaftlichen Charakter. An dieser Stelle wird aufgrund des Untersuchungszuschnitts, der auf die Aushandlungsprozesse nationaler Identität in Veränderungsprozessen am Beispiel des EU Beitritts Bulgariens fokussiert, leider, aber durchaus nachvollziehbar, weder theoretisch noch empirisch weiter differenziert. Die Studie ist zwar eine Textanalyse, geht aber nicht ins semiotische Detail hinsichtlich dieser zentralen Unterscheidungen. Forschungsergebnisse, welche in Schulbüchern und Zeitungen die mediale Repräsentation eines bulgarischen Nationalstaates nachgewiesen haben, der sich in natürlichen ethnischen Grenzen entwickelt hätte (vgl. 153), werden z.B. nicht aufgegriffen und operationalisiert. Dabei wären sie sowohl im historischen als auch aktuellen Kontext durchaus interessant gewesen.

Die Studie misst über die Längsschnittstudie eine allgemeine nationale Identitätskonstruktion, wie sie sich im Zuge des EU-Beitritts im alltäglichen Meinungsdiskurs in relevanten Printmedien entwickelt. Es wurden im Untersuchungszeitraum 2011 alle kommentierenden Artikel – darunter auch Leserkommentare – gezählt, von denen 1098 Aussagen zur Nation, zu ethnischen Minderheiten oder zur EU enthielten, worüber sie für die weitere Analyse ausgewählt wurden.

In den untersuchten Meinungsdiskursen wird eine sehr negative Darstellung Bulgariens, seiner Bevölkerung und seiner jüngsten Geschichte, der nationalen Werte, der Politiker, Nationalmannschaften und vor allem auch der Administration mit einer korrupten Justiz festgestellt (vgl. 230f.). Dies lässt sich gut erklären aus den historischen Kontexten, u.a. anhand des Verlaufs der postkommunistischen Demokratisierung. Die Entitativität, d.h. Selbstinklusion der Kommentatoren als Teil der im Kommentar angesprochenen Gruppe ist hoch, wobei dies die signalisierte Zugehörigkeit zur beschriebenen Bevölkerung und nicht die zum politischen Staat betrifft (vgl. 233).

Baeva stellt in den Kommentaren eine eher schwache Abgrenzung der bulgarischen Nation fest, die sich im Verlauf der EU-Integration jedoch verstärkt. Fremdgruppen werden in den untersuchten Kommentaren weniger abwertend zur Aufwertung der eigenen Gruppe, sondern vorwiegend positiv bewertet (vgl. 252). EU-Länder sind dabei die wesentliche und zumeist positive Referenzgruppe. Mit ihnen wird sich als bulgarische Nation verglichen (vgl. 293), während Bezüge zu anderen Ländern nach Ereigniskontext schwanken (vgl. 246). Zum EU-Beitritt hin intensiviert sich der nationale Identitätsdiskurs zunächst, um danach wieder abzuflauen (vgl. 295). Auch sind politische Themen zum EU-Beitritt mehr im Zentrum des öffentlichen Interesses im Zusammenhang eines Nationsdiskurses (vgl. 294). Zuletzt verändert sich der Diskurs von einer eher integrativeren zu einer abgrenzenderen Charakteristik (vgl. 295). Gegenüber der EU wird selten eine Wir-Perspektive eingenommen, was Studien massenmedialer EU-Diskurse in anderen Ländern der EU entspricht (vgl. 318).

Ethnische Minderheiten werden in der medialen bulgarischen Identitätskonstruktion als Fremdgruppen dargestellt (vgl. 294), dabei wird allerdings die abstrakte Beziehung zwischen den Minderheiten und der Titularnation überwiegend positiv beschrieben (vgl. 231). Es zeigt sich eine diskursive Offenheit für die Inklusion in die nationale Gemeinschaft (vgl. 240). In den Kommentaren werden relevante Minderheiten unterschiedlich dargestellt. Während Minderheiten zusammengenommen etwa gleich häufig sowohl als Teil der Nation als auch als Fremdgruppe beschrieben werden, wird sich von den Roma überwiegend abgegrenzt (vgl. 258).

Zusammengefasst liefert die Studie einige wichtige theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse. Diese sind sehr aufschlussreich im aktuellen Kontext der Flüchtlingsströme, die große politische Vergemeinschaftungs- und Integrationsleistungen von allen EU-Mitgliedsländern vor dem Hintergrund einer stark kriselnden politischen Integration in Europa verlangen.

Gergana Baeva (2014): Nationale Identität als Medieninhalt. Theoretische Konzeption und empirische Messung am Beispiel Bulgariens. Baden-Baden

Links:

Über das BuchGergana Baeva: Nationale Indentität als Medieninhalt. Theoretische Konzeption und empirische Messung am Beispiel Bulgariens. Baden-Baden [Nomos] 2014, 341 Seiten, 64,- Euro.Empfohlene ZitierweiseGergana Baeva: Nationale Identität als Medieninhalt. von Dupuis, Indira in rezensionen:kommunikation:medien, 9. Februar 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18579
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Rezensent/in
Dr. Indira Dupuis vertritt derzeit den Lehrstuhl Mediensysteme im internationalen Vergleich am Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.