Michael Schröder, Axel Schwanebeck (Hrsg.): Live dabei

Einzelrezension
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Rezensiert von Andreas Sträter

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Journalismus in Echtzeit. Das klingt augenscheinlich nach einem Paradoxon. Wo bleibt die journalistische Einordnung, das Austarieren von Meinung und Gegenmeinung oder der fundierte Unterbau durch eine Expertenmeinung, wenn live publiziert und veröffentlicht wird? Der Tagungsband Live dabei. Echtzeitjournalismus im Zeitalter des Internets (2014) beschäftigt sich damit, wie das Internet und die digitalen den Journalismus in seinen Wesenszügen verändern.

Über diesen Themenkomplex haben Experten aus Journalismus und Wissenschaft im Dezember 2013 auf dem “Tutzinger Medien-Dialog“ gesprochen. Herausgekommen ist dabei kleines, broschiertes Buch, in dem auf 121 Seiten wesentliche Vorträge in Aufsatzform zusammengefasst sind. Herausgegeben wird der im Nomos-Verlag erschiene Tagungsband von Michael Schröder und Axel Schwanebeck. Unter den Autoren finden sich namhafte Journalisten und Medienvertreter wie Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk (‘Medien-(R)evolution – oder wie machen wir uns fit für die Web-Zukunft?’; vgl. 71ff.) oder ARD-Korrespondent Jörg Armbruster (‘Echtzeitjournalismus in Krisenzeiten’; vgl. 109ff.). Aufgegliedert ist das Buch in die Themenbereiche Echtzeitjournalismus und die Politik, Echtzeitjournalismus als mediale Herauforderung  sowie Echtzeitjournalismus in Krisengebieten.

Der Tagungsband lebt von einem Thema, das Nachrichtenredaktionen und Journalisten vor massive Herausforderungen stellt: Wie schnell kann Journalismus in einer immer schneller werdenden Zeit eigentlich sein? Dabei beginnt Axel Schwanebeck in seinem Aufsatz ‘Informationsdistribution in Echtzeit – ein medienhistorischer Exkurs’ (vgl. 9ff.) mit einem geschichtlichen Aufriss darüber, dass der Wunsch nach Informationen nicht neu sei und sich über Postwesen, Buchdruck, Zeitungen, Telegrafen, Funk, Hörfunk, Fernsehen bis zum Onlinezeitalter entwickelt habe. Er kommt zu folgendem Schluss: “Bei der rasch anwachsenden Flut audiovisueller Informationsangebote in Hochgeschwindigkeit und Echtzeit bleibt für Skeptiker und überzeugte Offliner nur ein kleiner Trost – alle Endgeräte benötigen Strom, und wenn der Akku leer ist und nicht mehr funktioniert oder das Handy keinen Netzempfang hat, sind wir wieder dort, wo alles begann – bei der face-to-face-Kommunikation, beim zwischenmenschlichen persönlichen Gespräch. Und das ist durch nichts zu ersetzen. Gott sei Dank, will man meinen.” (19).

Mit den Herausforderungen, die der ‘Echtzeitjournalismus für Tageszeitungen’ nach sich zieht, beschäftigt sich Hans-Peter Müller von der “Badischen Zeitung” in seinem Aufsatz, den er mit dem Untertitel ‘Herausforderungen, Chancen, Risiken?’ (vgl. 93ff.) versehen hat. Er beschreibt die Bedeutung der Tageszeitungen und wie sie sich fit machen können für die Digitalwelt. Es brauche aber Zeit, um klassische Printredaktionen auf die vielfältigen Möglichkeiten des Digitalen einzustimmen, schreibt er. Auch die Wahl eines passenden Redaktionssystems sei dabei wichtig: “Entscheidend für das Gelingen ist zum einen eine möglichst gute Redaktionstechnik, die ein paralleles Arbeiten für Print und Online auf einer Oberfläche und ohne System- und Medienwechsel erlaubt.” (98).

So wird das Thema Echtzeitjournalismus aus theoretischen sowie praktischen Perspektiven durchdrungen. Oftmals scheitert der Wunsch nach einem schnellen Arbeiten im Digitalen an den fehlenden Voraussetzungen oder zu komplizierten Redaktionssystemen.

Es wäre interessant, wie sich das Thema darstellen würde, sollte im Herbst 2015 eine Tagung zu den Herausforderungen des Echtzeitjournalismus stattfinden. Zwei Jahre sind im digitalen Zeitalter eine lange Zeit. Große Medienhäuser benutzen nicht nur Twitter live oder Facebook, um in Echtzeit und über möglichst viele Ausspielkanäle zu informieren, sondern auch etwas weniger bekannte Social-Media-Dienste, die dann auf den Onlineseiten einlaufen.

Scribble Live, Vine oder Instagram sind Instrumente, die den Echtzeitjournalismus weiter befeuern könnten. Diese Applikationen helfen zum Beispiel dem “Mobil Reporter“, der ausschließlich mit seinem Handy unterwegs ist, um Informationen direkt und unmittelbar in redaktionelle Kanäle zu tickern und zu schicken. Besonders hilfreich ist dies bei Demonstrationen, Ausschreitungen oder bei der Berichterstattung von Katastrophen.

Das letzte Kapitel des in Baden-Baden erschienenen Tagungsbandes widmet sich dem Einsatz von Echtzeitjournalismus in Krisengebieten. Jörg Armbruster, ehemaliger ARD-Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten, steuert einen interessanten Beitrag zu den Möglichkeiten von Echtzeitjournalismus in Krisenzeiten bei (vgl. 109ff.). Er beschreibt wie der “Ruf nach Liveberichten aus Krisengebieten […] angeschwollen“ (109) sei – und meint damit vor allem Echtzeitberichten aus Syrien, dem Irak, dem Südsudan oder Jemen.

Armbruster zieht dabei den Vergleich zu den Reportagen aus der Fußball-Live-Konferenz am Samstag. Diese Reportagen forderten von den Reportern vor Ort in den Stadien “[…] enorme Reaktionsgeschwindigkeit, Lebendigkeit, spontane Bildhaftigkeit und genaues Zuhören“ (109). Diese Radioreportagen gibt es schon lange. Neu im Echtzeitjournalismus sei, dass die Reporter viel weniger an feste Standorte gebunden sind. (vgl. 111). Aus dieser Gegebenheit schält sich nicht zuletzt der Begriff des bereits erwähnten “Mobile Reporters“. “Das Hotel, in dem die Nachrichtenagenturen ihre wuchtigen Schüsseln, ihre Monitore und Schaltkästen und schließlich noch ihre brummenden Generatoren aufgebaut haben, brauchen die Reporter nicht mehr. Mit ihren kleinen Übertragungseinheiten können sie praktisch von jedem Ort der Welt berichten.“ (111f.). Armbruster spitzt dieses Szenario noch weiter zu und kommt zu der Erkenntnis, dass selbst Krieg in Echtzeit auf den Bildflächen der Nation möglich sei: “Wir schalten nun um zu unserem Reporter auf dem Schlachtfeld.“ (111).

Die Möglichkeit des sekündlichen Veröffentlichens berührt sowohl den  Journalismus als auch den Echtzeitjournalismus in seinem Wesenskern. Echtzeitjournalismus scheint einfacher, dennoch werde dem Reporter vor Ort, so Armbruster, einiges abverlangt, zumal Hintergrundinformationen sofort abgerufen werden müssen. Eilige Berichte würden dann an Qualität gewinnen, “[…] wenn sie in Analysen, Hintergrundberichte und Kommentare eingebettet sind, also Teil in einem breiten Spektrum journalistischer Reflexion sind.“ (114).

Nur so wird das zu Beginn dieser Rezension beschriebene Paradoxon aufgehoben. Der Tagungsband Live dabei beschäftigt sich also mit einem Thema, das die Redaktionen in den nächsten Jahren sowohl beschäftigen als auch fordern wird. Das schmale, aber informative Buch kann meiner Meinung nach zur Reflexion und Einordnung des Echtzeitjournalismus-Komplexes beitragen.

Links:

Über das BuchMichael Schröder, Axel Schwanebeck (Hrsg.): Live dabei. Echtzeitjournalismus im Zeitalter des Internets. Baden-Baden [Nomos] 2014, 121 Seiten, 19 Euro.Empfohlene ZitierweiseMichael Schröder, Axel Schwanebeck (Hrsg.): Live dabei. von Sträter, Andreas in rezensionen:kommunikation:medien, 23. September 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18539
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Rezensent/in
Bild Andreas SträterAndreas Sträter, Master of Arts Journalistik, promoviert an der Technischen Universität Dortmund über das Öffentlichkeitsverständnis der Länder auf der Arabischen Halbinsel. Freiberuflich arbeitet er für den WDR und verschiedene Tageszeitungen. Arbeitsschwerpunkte: Journalistische Kulturen, Journalismus in der Arabischen Welt, Transparenz und Media Accountability, journalistische Darstellungsformen.