Daria Dittmeyer, Jeannet Hommers, Sonja Windmüller (Hrsg.): Verrückt, Verrutscht, Versetzt

Einzelrezension
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Rezensiert von Karin Bruns (†)

Verrückt, verrutscht, versetztEinzelrezension
Der Sammelband, der auf Ergebnisse einer Tagung 2013 im Hamburger Warburg-Haus zurückgreift, nimmt unter dem vieldeutigen Obertitel Verrückt, Verrutscht, Versetzt eine kulturwissenschaftliche Einordnung, Kommentierung und Analyse von Translozierungsprozessen in ökonomischen, ästhetischen und politischen Kontexten vor, für die bereits das gewählte Titelbild, die Versetzung der Millerntorwache in Hamburg 2004, bezeichnend ist. Die Herausgeberinnen, die in den Fächern Kunstgeschichte, Kulturanthropologie und Ethnologie verortet sind, formulieren ein anspruchsvolles Projekt, das die Einzelbeiträge in detaillierter und genauer Analyse kenntnisreich einlösen und dabei sowohl historische als auch aktuelle Perspektivierungen vornehmen. Das Versetzen und Verschieben als heuristisches Instrument und zentrale kulturtechnische Strategie, so der Ausgangspunkt der Überlegungen, ist geeignet, die “Wirkmächtigkeit von Dimensionen der Festigkeit, Trägheit und Starrheit kultureller Formen und Formationen, von Unhinterfragtem und vermeintlich Selbstverständlichem” (10) zu irritieren und/oder kritisch zu hinterfragen.

Ausgehend vom Theorem der Verschiebung, das als Kultur- wie auch Analysemodell im Anschluss an psychoanalytische Auffassungen (Freud), aber auch im Sinne von Übertragung, Übersetzung, Transfer und Transformation, gelesen und operationalisierbar gemacht wird, thematisiert das Buch materielle Dynamiken und immaterielle Prozesse der Affekt- und Bedeutungsverschiebung. Dabei liegt ein Fokus auf Aspekten der Erinnerungskultur und ihrer Rituale. Erklärter kunstgeschichtlicher Bezugspunkt ist Aby Warburgs “Gesetz der guten Nachbarschaft“ (10), das sowohl in den bekannten Atlanten als auch in der Warburg-Bibliothek, die Gegenstand des Eröffnungsartikels ist, manifest wird.

Die zwölf Beiträge, die größtenteils bislang wenig erforschte Felder bearbeiten, erfassen eine Vielzahl relevanter Phänomene von der Malerei der frühen Neuzeit bis zu Visualisierungsstrategien von Computerspielen und Eventisierungsprozessen wie der Umgestaltung des Ruhr-Zoos Gelsenkirchen in die “ZOOM Erlebniswelt”. Sie präsentieren und diskutieren ein Panorama unterschiedlichster Praktiken des Verrückens, Verschiebens und Versetzens in Architektur, Stadtplanung, Kunst, Literatur, Medien und Machtpolitik, die sich zugleich auch entlang der analysierten Medien und Formate lesen lässt: der Malerei der frühen Neuzeit, karnevalistischer Paraderouten in Trinidad und Tobago, des Einräumens und Umräumen von Büchern und Bücherapparaten, von Körpern als physischen bzw. medizinischen Entitäten, sowie entlang diverser Gegenstände, Objekte, Denkmäler und Reliquien. Die Kommentierungen widmen sich dem Film, installativen Arbeiten der bildenden Kunst, topografisch-architektonischen Gefügen wie Krypta, Obelisk oder heiligen Orten und schließlich dem Computerspiel als einem der neusten Medienformate. Am Game – oder genauer: an der viel diskutierten und aus Ego-Shootern bekannten Ästhetik der First Person Perspektive – wird die “Verschiebung des Blicks” (212), die mit der Verschiebung von Dingen und Orten zumeist einhergeht, argumentativ nachvollziehbar gemacht.

Stets ist das Schaffen und Auflösen von Ordnungsstrukturen als permanenter kulturell-politischer Überarbeitungsprozess leitender Aspekt der Studien und Fallbeispiele. Auch die Einordnung in Wissensparadigmen spielt eine wichtige Rolle für die Kulturtechniken des Transitorischen. So nehmen die Körper-Blick-Konstellationen des Computerspiels u. a. auf Ernst Machs inverses Selbstporträt Bezug, die bewegten Dinge in Lessings Emilia Galotti, auf die anthropologischen Kategorien der zeitgenössischen Humanwissenschaften und die Imaginationen in Spielfilmen und Romanen zum Thema Organtransplantation, auf die popularisierten Diskurse der Chirurgie, Kardiologie und Immunologie. Dass Verschiebungsprozesse und ihre Operationen, Vertauschen, Verknüpfen, Vernetzen, Versetzen, Verrutschen und Verpflanzen, vielfach ökonomisch oder politisch verordnete Vorgänge sind, machen insbesondere zwei Artikel deutlich: die auf Interviews basierende Studie zu Umsiedlungsprozessen im Kontext des Bergbaus im Rheinland und ihren Folgen und der Beitrag zum ehemaligen Ruhr-Zoo in Gelsenkirchen, der offenlegt, wie durch Umgestaltung und Umbenennung eine “Immersionslandschaft“ (163) die Stelle der ruhrgebietsspezifischen Zoo-Anlage einnimmt. Diese Beispiele machen auch deutlich, dass in fast allen Beiträgen mit einem weiten Medienbegriff argumentiert wird, der mehr meint als das Zirkulieren von Bildern. Unter Rekurs auf das Konzept der “agency” treten vielmehr Bilder, Dinge, Orte und Akteure gleichberechtigt in ihrer Eigenmächtigkeit als potenziell machtvoll Handelnde hervor.

Wesentliches Verdienst der Herausgeberinnen ist es, die historisch weit auseinander liegenden und auf unterschiedliche Spezialdisziplinen verweisenden Einzelphänomene in einer Zusammenschau unter dem Theoriegebäude der Translozierung und Transformation in einen Forschungskontext einzufügen, sodass Interessierte aus Kultur- und Geisteswissenschaften, verschiedenen Kunst- und Designdisziplinen, der Architektur und Kulturpolitik sowie den Vermittlungs- und Bildungswissenschaften von den Erkenntnissen und Ergebnissen profitieren können.

Über das BuchDaria Dittmeyer, Jeannet Hommers, Sonja Windmüller (Hrsg.): Verrückt, Verrutscht, Versetzt. Zur Verschiebung von Gegenständen, Körpern und Orten. Reihe: Schriftenreihe der Isa Lohmann-Siems Stiftung, Bd 8. Berlin [Reimer] 2015, 280 Seiten, 29,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseDaria Dittmeyer, Jeannet Hommers, Sonja Windmüller (Hrsg.): Verrückt, Verrutscht, Versetzt. von Bruns, Karin in rezensionen:kommunikation:medien, 26. Juli 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18411
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Rezensent/in
Karin BrunsKarin Bruns (*1957; † 2016) studierte Literaturwissenschaft, Sozialpsychologie und -anthropologie an der Ruhr-Universität Bochum. 1993 promovierte sie über "Kinomythen 1920-1945. Die Filmentwürfe der Thea von Harbou“. 2003 folgte die Habilitation zum Thema 'Audiovisuelle Körperpolitiken im Film' an der Universität Essen. Sie lehrte u.a. an der Ruhr-Universität Bochum, der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig, der Hochschule für Film und Fernsehen München und am Goethe-Institut Manchester. Von 1988 bis 2000 war sie Mitorganisatorin des Frauenfilmfestivals femme totale in Dortmund. Ab 2003 war sie Professorin für Medientheorien an der Kunstuniversität Linz.