Silvia Seja: Handlungstheorien des Bildes

Einzelrezension
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Rezensiert von Nicolas Romanacci

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Im Folgenden soll zuerst ein Überblick gegeben werden über die von Silvia Seja entwickelte Systematik unterschiedlicher Handlungstheorien des Bildes. Daran anschließend möchte ich – als möglichen Referenzpunkt für eine kritische Lektüre – einige grundlegende Aspekte hinsichtlich der von der Autorin vollzogenen Gegenüberstellung und Bewertung phänomenologischer und zeichen-philosophischer Ansätze thematisieren.

Aus der Differenzierung vier bildtheoretischer Paradigmen – des Bildspieles, des Bildaktes, der Werkzeuge und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern – gewinnt Silvia Seja die Einsicht, dass “zwei völlig divergierende Zugänge zum Verhältnis von Bild und Handlung existieren” (11). Die beiden Zugänge werden unterschieden mit den Etiketten “pragmatisch” beziehungsweise “pragmatistisch”. Für einen “pragmatischen” Zugang wäre dabei etwa (mit Ausnahmen) charakteristisch: die Orientierung an der Sprachphilosophie und die Auffassung, dass zuallererst ein Bildhandeln dem Bild seinen Bildstatus verleiht. Entsprechende Konzeptionen wären einmal die des Bildspieles, wobei sich der Bildstatus aus der jeweiligen Rolle des Bildes im Bildspiel ergäbe. Die zweite “pragmatische” Position wäre jene des Bildaktes, wobei sich der Bildstatus aus dem Vollzug eines kognitiven Aktes ergäbe.

Als an der Konzeption des Bildspieles orientierte Autoren nennt Seja Kendall Walton, Norman Bryson, Oliver Scholz und Manfred Muckenhaupt. Seja beginnt bei Ihrer Vorstellung der jeweiligen Konzeptionen mit dem aus ihrer Sicht am wenigsten überzeugenden Autor. Einer kurzen Vorstellung folgt jeweils eine Nennung der Schwachpunkte. Mit dem jeweils nachfolgenden Autor wird meist eine Verbesserung bezüglich der zuerst genannten Schwachpunkte thematisiert, um dann wiederum kritische Punkte hervorzuheben. So kritisiert die Autorin etwa Kendall Waltons Konzeption des “pictorial game”, da hier durch den erforderlichen Einsatz der Imagination eine Einschränkung vollzogen würde – im Widerspruch zu Wittgensteins Sprachspielbegriff, worauf Walton ursprünglich Bezug nimmt. Zusammenfassend billigt Seja dieser Konzeption nur einen Vorläuferstatus zu. Ebenso der im Anschluss daran aufgeführten Position Norman Brysons, die zwar Vorzüge gegenüber Waltons Konzeption aufweise, aus Sicht von Seja aber dennoch unbefriedigend bleibt. Ähnlich verfährt die Autorin hinsichtlich der Aufzählung von positiven und negativen Aspekten im Vergleich mit den Konzeptionen von Oliver Scholz und Manfred Muckenhaupt, um abschließend keine der behandelten Konzeptionen zum Bildspiel als überzeugend gelten zu lassen. Nach demselben Muster und mit ebenfalls negativer Gesamtbewertung behandelt die Autorin die an der Sprechakttheorie orientierten Bildtheorien. Genannt werden Autoren wie Sören Kjörup, David Novitz, Klaus Sachs-Hombach und Eva Schürmann.

Im zweiten Teil des Buches und somit in den Kapiteln 3 und 4 stellt Silvia Seja die von ihr als “pragmatistisch-phänomenologisch” bezeichneten Konzeptionen vor. Behandelt werden Paradigmen des Werkzeuges und der Probehandlungen mit interaktiven Bildern. Aus Sicht der Autorin wären diese Positionen den zuvor thematisierten “pragmatisch-sprachphilosophischen” vorzuziehen, da die erstgenannten den sichtbaren Eigenschaften der Bilder besser gerecht werden könnten.

Die von Silvia Seja vollzogene phänomenologische Positionierung mit der damit verbundenen grundlegenden Kritik an zeichenphilosophischen Ansätzen möchte ich weder generell noch im Detail bewerten. Vielmehr möchte ich als möglichen Bezugspunkt für eine kritische Lektüre im Folgenden einige Aspekte vorstellen, die dieses Problemfeld in der philosophischen und bildtheoretischen Literatur thematisieren. Die Autorin kritisiert an den “pragmatischen” Positionen zum einen deren grundlegende Orientierung an der Sprachphilosophie und zum anderen deren mangelnde Berücksichtigung der sichtbaren Eigenschaften der Bilder. Zu diesen Vorwürfen möchte ich zuerst exemplarisch einige Argumente von Klaus Sachs-Hombach nennen, den Seja auch als an der Sprachphilosophie orientierten Autoren vorstellt. Gerade Klaus Sachs-Hombach hat mehrfach darauf hingewiesen, dass erstens der Zeichenbegriff, auf den sich semiotische Bildtheorien beziehen sollten, als ein möglichst allgemeiner zu verstehen sei. Von der semiotischen Terminologie sei daher auf jeden Fall etwa die linguistische zu unterscheiden: “Ein gutes Beispiel ist die Sprechakttheorie, die zwar innerhalb der Linguistik als eine auf Sprache bezogene Theorie entwickelt wurde, die aber vom sprachlichen Kontext ganz abgelöst auf Bilder angewandt werden kann, ohne dass in irgendeiner Weise die Eigenständigkeit der Bilder angezweifelt würde.” (Sachs-Hombach 2006: 77f.) Des Weiteren definiert Sachs-Hombach Bilder generell als “wahrnehmungsnahe Zeichen” (vgl. ebd.: 73-99), wodurch von einer mangelnden Berücksichtigung der sichtbaren Eigenschaften gerade nicht gesprochen werden kann.

Auch ein Autor wie etwa Oliver Scholz zeigt alleine durch seine Bezugnahme auf Nelson Goodman, dass ihm in keiner Weise an einer Gleichsetzung von Sprache und Bild gelegen sein kann, da ja im Besonderen Goodman mit seiner allgemeinen Symboltheorie (vgl. Goodman 1968) ein anerkannt praktikables Mittel entwickelt hat, um sprachliche und visuelle Symbolsysteme äußerst präzise zu unterscheiden und zu analysieren. Als das “Programm des Pragmatismus auf den Punkt” bringend, zitiert Seja (12) Sybille Krämer: “Was ‘von Bedeutung’ ist, liegt nicht hinter der Erscheinung, ist keine unsichtbare Tiefenstruktur, welche jenseits der Oberfläche des Wahrnehmbaren durch Verfahren der Interpretation zu erschließen wäre” (Krämer 2004: 20). Hier wäre also eine essentialistische Position als grundlegend vorausgesetzt, die den Mythos eines unschuldigen Auges und die Existenz intrinsischer, festgelegter Eigenschaften von Bildern aufrechtzuerhalten versucht oder – anders gesagt – die Möglichkeit einer nicht-interpretierten, sozusagen neutralen Wahrnehmung propagiert. Dazu exemplarisch ein Zitat von Günter Abel: “Das Auge spiegelt nicht einfach passiv etwas fertig Vorhandenes. Vielmehr organisiert es überaus aktiv sein Material. […] Der Mythos des unschuldigen Auges lässt sich nicht aufrechterhalten, und ein rein passives Auge wäre ebenso blind wie ein fixiertes.” (Abel 2004: 192)

Zusammenfassend ergibt sich aus den aufgeführten Anmerkungen folgendes Bild: Silvia Seja bietet durch ihre klar, originell und sinnvoll strukturierte Arbeit eine sehr gut nachvollziehbare Argumentationslinie und einen notwendigen und begrüßenswerten Überblick über die von ihr gewählten Konzeptionen. Auch wenn man ihrer phänomenologischen Positionierung und der damit verbundenen äußerst diskussionswürdigen allgemeinen Charakterisierung zeichenphilosophischer Theorien hinsichtlich der genannten (und weiteren möglichen, innerhalb der Bildphilosophie als bekannt voraussetzbaren) Gegenargumente nicht folgen möchte, bleibt Sejas Buch ein äußerst gewinnbringender, wichtiger und sehr gut lesbarer Beitrag zur Bildphilosophie. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn dieses Buch seinen Lesern als Anregung dazu dient, eine differenziertere Beurteilung zeichenphilosophischer Positionen zu konzipieren, beziehungsweise dazu animiert, die Einsichten phänomenologischer Untersuchungen in zeichentheoretische Ansätze einzubinden, ohne die vermeintlich grundlegende Unvereinbarkeit beider philosophischer Positionen aufrechtzuerhalten.

Literatur:

  • Abel, G.: Zeichen der Wirklichkeit. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2004.
  • Goodman, N.: Languages of Art: An Approach to a Theory of Symbols. Indianapolis [Hacket] 1968 (dt.: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1997).
  • Krämer, S.: “Was haben ‘Performativität’ und ‘Medialität’ miteinander zu tun? Plädoyer für eine in der ‘Aisthetisierung’ gründende Konzeption des Performativen”. In: Dies. (Hrsg.): Performativität und Medialität. München [Wilhelm Fink Verlag] 2004, S. 13-32.
  • Sachs-Hombach, K.: Das Bild als kommunikatives Medium. Köln [Herbert von Halem Verlag], zweite Auflage 2006.

Links:

Über das BuchSilvia Seja: Handlungstheorien des Bildes. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2009, 208 Seiten, 21,– Euro.Empfohlene ZitierweiseSilvia Seja: Handlungstheorien des Bildes. von Romanacci, Nicolas in rezensionen:kommunikation:medien, 17. Dezember 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1835
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Rezensent/in
Nicolas Romanacci, Master of Arts "Bildwissenschaft"/"Media Art Histories" an der Donau-Universität Krems und Dipl.- Designer (Hochschule Augsburg und I.S.I.A. Urbino, Italien) ist Lehrbeauftragter für Medientheorie im Studiengang "Interaktive Medien" an der Hochschule Augsburg, Fakultät für Gestaltung.