Janis Brinkmann: Ein Hauch von Jasmin

Einzelrezension
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Rezensiert von Sabrina Schmidt

ein Hauch von JasminEinzelrezension
Mit euphorischen Neologismen wie ‘Arabellion’ bejubelte die deutsche Presse jene Protestbewegungen und Transformationsprozesse, die im Dezember 2010 in Tunesien ihren Anfang nahmen. Die ‘Arabische Revolution’ verhieß Wandel, auch im Sinne einer Wahrnehmungsverbesserung der traditionell konfliktorientierten Islamberichterstattung. Janis Brinkmanns Studie Ein Hauch von Jasmin nimmt dieses Veränderungspotential in den Blick und untersucht das Medienbild des Islams vor, während und nach der Revolution in der deutschen Presselandschaft.

Brinkmann fragt konkret nach “prägenden Strukturen, Themen, Akteuren sowie Bewertungen” (13), die er mittels einer triangulierten Medieninhaltsanalyse der deutschen Printmedien SZ und FAZ sowie Spiegel und Stern für die Untersuchungszeiträume Januar – März 2011 sowie 2012 vergleichend herausarbeitet. Zusätzlich analysiert Brinkmann auch die medialen Islamdiskurse vor der Revolution, die er aus vorhandenen Studien rekonstruiert. In dieser zeitlich-komparativen Perspektive liegt die besondere Stärke der Arbeit. Sie geht über eine empirische Momentaufnahme hinaus und ist damit in der Lage, das Potential des Schlüsselereignisses ‘Arabische Revolution’ für nachhaltige Veränderungen des medialen Islambildes zu eruieren.

Die als Masterarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund eingereichte Untersuchung untergliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil, deren Verhältnis erfreulich ausgewogen ist. Zusammen mit einer klaren Sprache und stringenten Gliederung stellt die Arbeit auch für Studierende und Einsteiger ins Themenfeld eine eingängige Lektüre dar. Gleichzeitig ist ihr, gerade in der Verknüpfung der einzelnen theoretischen Unterkapitel, der Charakter einer studentischen Abschlussarbeit mitunter anzumerken. So werden in Kapitel 2 bis 4 die Grundlagen der Nachrichtenberichterstattung sowie der Auslands- und Islamberichterstattung auf Basis wegweisender theoretischer und empirischer Arbeiten dargestellt. Allerdings geraten die Ausführungen zu den einzelnen Nachrichtentheorien streckenweise etwas kursorisch und hätten letztlich enger an das Erkenntnispotential der Studie rückgebunden werden können. Man vermisst hier ein integratives Modell, das stärker auf die gesellschaftliche Tragweite undifferenzierter medialer Islamdiskurse abzielt und so etwa auch öffentlichkeitstheoretische Überlegungen berücksichtigt.

Kapital 4 wiederum bildet einen gut recherchierten Forschungsstand zum medienvermittelten Islambild ab. Zentrale Ergebnisse quantitativer und qualitativer Forschungsarbeiten zum Thema sind pointiert zusammengestellt. Brinkmann beschreibt einerseits die strukturellen und thematischen Spezifika der deutschen Islamberichterstattung, wobei er etwa auf die Dominanz negativer, konfliktorientierter sowie politikzentrierter Diskurse hinweist. Darüber hinaus hebt er die symbolischen und argumentativen Dimensionen des Islambildes hervor, die sich etwa in der Verwendung vorurteilsbeladener Metaphern und simplifizierender Stereotype zeigen. Im Rückgriff auf die bereits in Kapitel 3 begrifflich eingeführten Analyseeinheiten Frame, Stereotyp, Vorurteil und Feindbild als Bestandteile des “Auslandsbildes” nach Hafez (2002) gelingt es Brinkmann hier, die wesentlichen Eigenschaften der Islamberichterstattung vor der Arabischen Revolution präzise nachzuzeichnen. Er liefert damit die Vergleichsgrundlage für die folgende empirische Analyse.

Während Kapital 5 noch einmal die Chronologie der Arabischen Revolution, bisherige Forschungsanstrengungen sowie erste einordnende Bewertungen der Ereignisse aufzeigt, bildet Kapitel 6 die Einzel-Hypothesen Brinkmanns und dessen methodisches Vorgehen ab. In Kapitel 7 erfolgt schließlich die Auswertung der kombinierten Medienanalyse, wobei formale, inhaltliche und wertende Kategorien getrennt voneinander dargestellt werden. Die Untersuchung ergibt, dass sich das Islambild der gewählten Printmedien in den Monaten während der Revolution 2011 deutlich aufhellte und sowohl im Umfang als auch in den Sachgebieten und der Akteursbewertung nachweislich ausdifferenzierte. Zwar dominierte, ganz typisch für den Bereich der Auslandsberichterstattung, das Sachgebiet Politik, allerdings “lassen sich zumindest im Revolutionsjahr nennenswerte Anteile von Kultur- und Wirtschaftsberichterstattung mit Bezügen zur islamischen Welt finden“ (131).

Brinkmann stellt jedoch für das post-Revolutionsjahr 2012 eine erneut überwiegende Negativtendenz fest, sowohl hinsichtlich der repräsentierten Akteure (es treten vermehrt “Terroristen” auf die Agenda, zivilgesellschaftliche Gruppen werden deutlich negativer gezeichnet) als auch der Ereignis- und Islambewertung. Er konstatiert, dass “bereits ein Jahr nach der Revolution sowohl quantitativ als auch qualitativ wieder eine gezielte Feindbildkonstruktion in Bezug auf den Islam nachgewiesen werden” (222) kann. Die Hoffnung auf positive Einflüsse der Arabischen Revolution auf das medial vermittelte Islambild müsse mithin “begraben werden” (225).

Insgesamt bietet die vorliegende Studie eine sehr systematische, von einem umfangreichen Datenmaterial gestützte Evaluation des Einflusspotentials der Arabischen Revolution auf die Islamberichterstattung führender deutscher Printmedien. Zusätzlich eröffnet die Arbeit aber auch Räume für anschließende Forschungsunternehmungen: So können Interviews mit den prägenden Journalisten der untersuchten Medieninhalte zusätzliche Erkenntnisse über personelle und institutionelle Produktionsbedingungen liefern. Die inhaltlichen Spezifika der Islamberichterstattung analysiert Brinkmann erschöpfend. Seine Studie stellt damit einen ergänzenden Befund dar, der helfen kann, die Medienberichterstattung zum Islam im Rahmen zeitlicher Konjunkturen differenzierter zu betrachten.

Literatur:

  • Hafez, K.: Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Bd. 1: Theoretische Grundlagen; Bd. 2: Das Nahost- und Islambild in der deutschen überregionalen Presse. Baden-Baden [Nomos] 2002.

Links:

Über das BuchJanis Brinkmann: Ein Hauch von Jasmin. Die deutsche Islamberichterstattung vor, während und nach der Arabischen Revolution – eine quantitative und qualitative Medieninhaltsanalyse. Köln [Herbert von Halem] 2015, 310 Seiten, 30,- Euro.Empfohlene ZitierweiseJanis Brinkmann: Ein Hauch von Jasmin. von Schmidt, Sabrina in rezensionen:kommunikation:medien, 30. Juni 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18214
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Rezensent/in
Sabrina SchmidtSabrina Schmidt, M. A., arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Vgl. Analyse von Mediensystemen und Kommunikationskulturen (Prof. Dr. Kai Hafez) der Universität Erfurt. Ihre Bachelorarbeit Muslimische Weblogs – Der Islam im deutschsprachigen Internet erschien 2010. Neben ihren Lehrveranstaltungen im Bereich Medien, Minderheiten und Rassismus verfasste sie zusammen mit Prof. Dr. Kai Hafez die Studie Die Wahrnehmung des Islams in Deutschland (veröffentlicht 2015).