Sonja Yeh: Anything goes? Postmoderne Medientheorien im Vergleich

Einzelrezension
1257 Aufrufe

Rezensiert von Günter Helmes

Anything goesEinzelrezension
Die in Münster entstandene Dissertation ist dankbar aufzunehmen. Sie trägt mit ihrer Grundintention, dem perspektivenreichen, systematischen Theorievergleich unter Berücksichtigung historischer und funktionaler Kontexte, nicht nur eindrucksvoll dazu bei, ein internationales Forschungsdesiderat zu beheben – dafür steht eine Fülle von hier im einzelnen nicht zu referierenden Ergebnissen und Einsichten; sie kann darüber hinaus auch als gute Einführung in die Theoriewelten McLuhans, Baudrillards, Virilios, F. Kittlers und Flussers gelesen werden. Für den zuletzt genannten Sachverhalt sprechen nicht allein der sowohl Primär- als auch Sekundärquellen (vgl. das 23-seitige Literaturverzeichnis) betreffende Kenntnisreichtum und die uneingeschränkte Argumentationssicherheit der Verfasserin, sondern maßgeblich auch der einsichtige Aufbau, die luzide Darbietung (bspw. immer wieder die Präsentation von Zwischenergebnissen), die damit einhergehende sehr gute Lesbarkeit sowie die dank zahlreicher informationsgesättigter Tabellen und Abbildungen hohe Anschaulichkeit der Studie.

Zu monieren ist in diesem Zusammenhang lediglich, dass es der sachlogisch nachvollziehbare Aufbau der Arbeit mit sich bringt, dass sich die Verfasserin hinsichtlich bestimmter Theoreme und Positionen der von ihr verhandelten Autoren häufiger wiederholen muss; freilich kann man das auch insofern positiv bewerten, als dadurch bspw. für Studierende ohne einschlägige Vorkenntnisse die Möglichkeit eröffnet wird, die Studie nur hinsichtlich einzelner Kapitel und deren spezifischer Fragestellung zu rezipieren. Eine solche Rezeptionsweise ist auch all denjenigen zu empfehlen, deren primäres Interesse den Theorievergleichen als “metatheoretischer Betrachtung” (49) gilt und weniger jenen Problemen, Fragen, Überlegungen und Entscheidungen, die Yeh vorab – geschuldet sicherlich auch den Anforderungen an eine Qualifikationsschrift – in drei substantiellen, mit gut 100 Seiten ein Viertel der Studie ausmachenden Kapiteln darlegt (vgl. bspw. das 35-seitige Kap. 2.2. ‘Postmoderne – Zur Bestimmung eines Begriffs’).

Im ersten Kapitel ‘Einleitung’ der durchgängig sehr reflektiert zu Werke gehenden Studie –  dargelegt wird insbesondere auch, “wie der postmoderne Diskurs” (50)  auf der Grundlage einer “relativierten Inkommensurabilitätsthese” (98; vgl. Kap. 2.3) beobachtet werden  kann bzw. wird – äußert sich die Autorin u. a. zu Erkenntnisinteressen und leitenden Fragestellungen, zum Forschungsstand (u. a. Überblick über postmoderne Medientheorien schlechthin) und zum Aufbau ihrer Untersuchung, der es im Übrigen ausdrücklich nicht darum geht, den “Wahrheitsgehalt oder die Richtigkeit der Theorien” (24) zu überprüfen. Anhand von unterschiedlichen, systematischen Rekonstruktionen dienlichen Dimensionen soll vielmehr der “Verweigerung einer Systematisierung auf Seiten postmoderner Theoretiker” (25) zum Trotz die “zentrale Ausgangshypothese“ überprüft werden, “dass sich die postmodernen Medientheorien in ihren strukturellen Eigenschaften sehr wohl ähneln und keineswegs inkommensurabel sind” (22). In diesem Zusammenhang interessieren auch explizite und vor allem implizite “blinde Flecken” dieser Theorien, generelle “unbeobachtete Voraussetzungen des Postmodernediskurses“ (23) sowie die Frage, wie “anschluss- und leistungsfähig“ die verhandelten Medientheorien eigentlich insbesondere für den “kommunikations- und medientheoretischen Diskurs“ (27) sind.

Bei den angesprochenen Dimensionen handelt es sich um insgesamt sechs “objekt-“, “meta-” oder “hintergrundtheoretisch“ (vgl. hier und im Folgenden das Inhaltsverzeichnis) zu verortende, mit einer Einschränkung überzeugend ausgewählte “Ebenen“; auf diesen Ebenen werden die Theorien der oben genannten Autoren – deren Auswahl und die Auswahl repräsentativer Werke werden im dritten Kapitel (S. 101-110) plausibilisiert – auf insgesamt gut 240 Seiten (= das zentrale Kap. 4) nacheinander vorgestellt und dann miteinander verglichen: ‘Problemhinsicht Medienwandel’ (Kap. 4.1); ‘Problemlösungen’ (Kap. 4.2.); ‘Begrifflichkeiten und theoretische Voraussetzungen’ (Kap. 4.3); ‘Abstraktionsgrad und Reflexionstiefe’ (Kap. 4.4.); ‘Strukturmerkmale’ (Kap. 4.5); ‘Soziale Voraussetzungen’ (Kap. 4.6.).

Bezeichnenderweise – hier klingt schon am Ende des Titels Geschmäcklerisches an – fällt das Unterkapitel ‘Abstraktionsgrad und Reflexionstiefe’ mit nur knapp drei Seiten ungewöhnlich kurz aus (die anderen Kapitel schwanken zwischen ca. 35 Seiten und ca. 70 Seiten); entsprechend unspektakulär und uninspirierend sind die hier gewonnenen Einsichten, dass es sich nämlich bei allen verhandelten Medientheorien hinsichtlich der “Problemstellung“ um “Basistheorien“, hinsichtlich der “Problemlösungen“ hingegen tendenziell um “Supertheorien“ handele (252f.). Die anderen Unterkapitel entschädigen für diese relative Dürftigkeit mit sehr vielen anregenden Beobachtungen und Einzelergebnissen, die das fünfte Kapitel ‘Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse’ in zwei weiter binnendifferenzierten Unterkapiteln – ‘Postmoderne Medientheorien und die These der relativen Inkommensurabilität’ und ‘So far – Diskussion und kritische Relektüre der postmodernen Medientheorien’  – noch einmal zusammenträgt.

(I) Übergreifend gilt: (a) Es lassen sich “zahlreiche Strukturäquivalenzen aufzeigen […], die sich unter einem gemeinsamen Paradigma der Postmoderne subsumieren lassen.“ (369) (b) Alle postmodernen Medientheorien stellen paradoxerweise “spekulative[], metaphysische[], großtheoretische[] Entwürfe” (376) im Sinne der ihrerseits abgelehnten Metaerzählung dar. (c) Die postmodernen Medientheorien scheinen zwar für den “empirisch-nomologischen Wissenschaftsbereich […] wenig brauchbar“ (397) zu sein, als “Beitrag zur theoretischen Grundlagenforschung“ (398) kann ihnen aber ein “hohe[r] Inspirationsgrad“ (399) und insbesondere die Funktion, “Kontroll- bzw. Reflexionsinstanz“ hinsichtlich “bereits naturalisierte[r] und nicht mehr reflektierte[r] Voraussetzungen“ (401) diverser disziplinärer Praktiken zu sein, keinesfalls abgesprochen werden.

(II.) Mit Blick auf Problemstellungen und Problembereiche gilt: In dieser Hinsicht sind die Theorien “nur teilweise inkommensurabel“ (369). Da die “Problemfoki […] stark differieren“, herrscht zwar diesbezüglich Inkommensurabilität (ebd.). Die Theorien kommen aber darin überein, “Veränderungs-, Wandlungs- und Transformationsprozesse[] von und mit Medien“ (ebd.) zu thematisieren und Medienhistoriographie “als ein[en] Wandel von medialen Strukturen bzw. Kodifizierungsstrukturen im Sinne eines Ordnungsprinzips“ (ebd.) zu verstehen. Zudem beziehen sie sich alle auf “gleiche historische Referenzräume sowie medienhistorische Referenzfiguren und -motive“ (ebd.).

(III.) Mit Blick auf Problemlösungsansätze gilt: Aufs Ganze gesehen würde man zwar von Inkommensurabilität sprechen müssen; doch lassen sich Teilkommensurabilitäten (“Revision überkommener Denkmuster” [369]; Problemlösungsvorschläge) ausmachen.

(IV.) “Die konzeptionellen und terminologischen Disparitäten“ und die “Heterogenität […] der hintergrundtheoretischen Fundierung dieser Konzepte“ (369) liegen auf der Hand. Das gilt insbesondere für den Medien- und den Kommunikationsbegriff.

(V.) Hinsichtlich von “Abstraktionsgrad und Reflexionstiefe“ und mit Blick auf die “logischen, argumentativen Strukturen sowie die narrativen, textuellen, rhetorischen und sprachlichen Strategien“ (“Antitheorie oder Theoriefiktion“; [371]) sind die Theorien “kompatibel und kommensurabel“ (370).

(VI.) In kontextueller Hinsicht bzw. auf “hintergrundtheoretischer Ebene“ (gesellschaftliche, biographische, soziale Variabeln) sind die Theorien “inkommensurabel“ (371).

Sonja Yeh kommt zu dem Schluss, dass es aller Differenzen und Defizite zum Trotz “die Leistung der Postmodernen“ gewesen ist, “Ungedachtes, Undisziplinierbares und Unkonventionalitäten“ (413) zugelassen zu haben. Darin sieht sie, die ‘gegenläufig’ vorbildlich etablierten wissenschaftstheoretischen und wissenschaftstechnischen Forderungen gerecht zu werden weiß, in Bologna geschädigten, in Theorie fernen Zeiten ein hohes, als Haltung zu ererbendes Gut. Wer möchte ihr darin widersprechen!

Links:

Über das BuchSonja Yeh: Anything goes? Postmoderne Medientheorien im Vergleich. Die großen (Medien-)Erzählungen von McLuhan, Baudrillard, Virilio, Kittler und Flusser. Bielefeld [transcript Verlag] 2013, 448 Seiten, 45,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseSonja Yeh: Anything goes? Postmoderne Medientheorien im Vergleich. von Helmes, Günter in rezensionen:kommunikation:medien, 22. Juni 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18203
Getagged mit: , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Günter HelmesDr. phil. habil. Günter Helmes, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und deren Didaktik an der Europa-Universität Flensburg. Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaft in Siegen, Bochum, Iowa City (USA), Madison (USA). 1985 Promotion (Siegen) über Robert Müller. 1995 Habilitation (Paderborn) über den deutschsprachigen naturalistischen Roman. Lehre und Forschung an diversen Universitäten des In- und Auslands (u. a. Auckland, Dresden, Halle, London, Kassel). U. a. Edition der Schriften von R. Müller, R. Beer-Hofmann und Th. Weißenborn. Herausgeber etlicher Sammel- und Quellenbände (z. B. über Medien für Kinder, B. Traven, Robinsonaden, R. Wolffhardt, das "Fernsehtheater Moritzburg", Medientheorien seit der Antike; derzeit über biographische Filme der DEFA, Diversität und Vielfalt im Film, aktuelle Schul-Bilder in Literatur und Medien). Zahlreiche Beiträge zur Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte des 18. bis 21. Jahrhunderts (zuletzt über den Boxfilm, über Asta Nielsen, über den Ersten Weltkrieg im Film; derzeit über Schule im Gegenwartsfilm, über das Thema "Behinderung“ in Filmklassikern, über R. Simons Till Eulenspiegel, über G. Reischs Unterwegs zu Lenin, über H. E. Brandts Zwischen Tag und Nacht, über R. Gavaldóns Macario).