Susanne Kinnebrock, Christian Schwarzenegger, Thomas Birkner (Hrsg.): Theorien des Medienwandels

Einzelrezension
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Theorien des MedienwandelsEinzelrezension
Spätestens mit der sogenannten Digitalisierung immer mehr gesellschaftlicher Bereiche, nicht nur der Medien, ist Wandel – oder eingeschränkter: Medienwandel – zu einem bestimmenden, aber auch inflationär verwendeten Schlagwort avanciert. Gleichwohl – oder gerade deshalb – ist es aus analytischer Sicht reichlich diffus, ungenau und arbiträr, nur ein “vages Konzept“ (13) geblieben, das zudem mit verwandten oder auch synonym gebrauchten Begriffen wie Veränderung, Entwicklung, Transformation, Evolution, Revolution oder Umbruch konkurriert oder auch beliebig ausgetauscht wird, wie die Herausgebenden in ihrer Einleitung betonen. Dennoch  war es Grund genug für die Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), 2013 in Augsburg ihre Jahrestagung zum Thema “Theorien des Medienwandels” abzuhalten und die dort gehaltenen Beiträge sowie hinzugebetene in diesem Sammelband zu publizieren.

Entgegen dem populären Sprachgebrauch, der den Wandel meist auf die so genannten ‘neuen Medien‘ fokussiert und vornehmlich technische Innovationen im Blick hat, bedarf es aus Sicht der hier tonangebenden Kommunikationshistoriographie dringend einer systematischen Historisierung und kulturellen wie intermedialen Kontextualisierung des Medienwandels in Gesellschaft und Alltagspraxis. Denn gerade für Kommunikation und Medien geschieht nichts voraussetzungslos, sondern besteht stets ein Vorher und Nachher, gibt es Irr- und Umwege, auch Reibungen und Widersprüche, sodass ein schlichter Fortschrittsglauben, wie ihn viele Technikmodelle pflegen, überholt ist. Mit diesem Anspruch stellen sich zunächst Fragen an die verfügbaren theoretischen Konzepte, aber auch an die Methoden und Werkzeuge, um (Medien-)Wandel angemessen und empirisch einholbar zu erfassen, weshalb – gewissermaßen als “erster Schritt“ (15) – die “gängigsten theoretischen Vorstellungen” präsentiert werden, um zu erkunden und zu vergleichen, “was unter Medienwandel” verstanden und wie er erforscht wird.

Dieses Ziel erfüllen die hier versammelten 20 Beiträge sicherlich und mit beeindruckender Vielfalt – allerdings auch ohne vergleichende oder gar gegeneinander abwägende Sondierungen zu leisten, da sie nicht aufeinander bezogen sind, und manche Autoren eher an der Durchsetzung ihres gewählten Paradigmas und Profils denn an wechselseitigen Prüfungen interessiert sind. Dabei werden oftmals grundlegende Definitionen wie das des ‘Mediums’ rekapituliert, gewissermaßen um das eigene Diktum zu reklamieren. Natürlich lässt sich diese “Pluralität von Theorien“ (17) positiv hervorheben. Aber der erwünschte “Theoriediskurs“ bleibt dadurch weiterhin stecken, auch wenn dieser Überblick dabei hilft, grundlegende Positionen und Übereinstimmungen, aber auch blinde Flecken, Ignoranz oder gar Gegensätze zu erkennen. Ein einigermaßen konsistentes und ertragsreiches Forschungsfeld ‘Medienwandel’ dürfte trotz seiner alltäglichen Popularität allerdings noch auf sich warten lassen.

Eingeteilt sind die Beiträge nach der Einleitung der Herausgebenden und einer typologischen Systematisierung von Theorien des Medienwandels von Jürgen Wilke, der kenntnisreich das bunte Spektrum möglicher Theoriebezüge von der Anthropologie über Evolution, Zeichen bis Gesellschaft, Politik, Ökonomie, Kultur, Akteur und Kommunikation auflistet, in vier thematische Abschnitte, nämlich in Evolutionstheorien, in “Mediatisierung und Medialisierung“, kommunikationshistorische Ansätze und in”Mediengeschichtsschreibung“ – wobei Überschneidungen nicht ausbleiben und Zuordnungen auch anders hätten ausfallen können.

Evolutionäre Theorien des Medienwandels beschäftigen sich primär mit dem Wandel der Medien, und zwar in den vom anerkannten Medienbegriff implizierten Dimensionen der Technologien, Institutionen, Systemen und Strukturen. Je nach grundlegender (Disziplin)Prämisse wird die eine oder andere bevorzugt oder auch eine Integration verschiedener versucht. Die in jüngster Zeit in der Kommunikationswissenschaft vielfach traktierten Ansätze der sogenannten Mediatisierung und Medialisierung werden auch hier wieder von ihren Protagonisten (Krotz, Hepp und Meyen) mit schon bekannten Argumenten und Sachverhalten dargestellt. Offen bleibt, wie sie sich konkret historisieren lassen und ob sie nicht latent oder explizit jenem linearen Entwicklungs- oder gar Fortschrittskonzept frönen, das für Historiker unhistorisch ist. Eine weitere spannende Frage wirft später die Bremer Kommunikationswissenschaftlerin Stefanie Averbeck-Lietz auf, nämlich wie sich Kommunikationsgeschichte und Mediatisierungs- bzw. Medialisierungsforschung verknüpfen lassen und welche Forschungsfelder von beiden Richtungen bislang unbearbeitet gelassen wurden – gerade in Rekurs auf die Klassikers medialer Umbrüche (nämlich Weber, Tönnies und Manheim).

Überhaupt können die “kommunikationshistorischen Ansätze“ konkrete und anschauliche Aspekte zum Medienwandel aufbieten: etwa zur bislang wenig beachteten, sich ebenfalls ständig ändernden Mediennutzung, zu Heilserwartungen oder Befürchtungen bei der Innovation und Verbreitung neuer Medien, also gewissermaßen zu Beobachtungen und Wertungen zweiten Grades, und endlich zum unentwegten Zusammenspiel von alten und neuen Medien. Theorie braucht nun einmal die kritische Überprüfung und Bewährung durch die Realität, wiewohl diese selbst diversen (Re-)Konstruktionsprozessen unterliegen. Darauf weisen die methodologischen Beiträge im letzten Abschnitt hin: außer Averbeck-Lietz, Siegfried J. Schmidt mit einem grundlegenden, eigenwillig systemtheoretischen Ansatz sowie besonders konstruktiv Andreas Fickers mit seinem Vorschlag einer “Genealogie des Medienwandels”, in der nicht die Spezifität des Neuen im Vordergrund steht, sondern vielmehr der Blick auf Kontinuität bzw. Stabilität der Strukturen und Nutzungspraxen überwiegen soll.

Unterstützen lässt sich am Ende das Fazit der Herausgebenden, dass “die Kommunikationswissenschaft für die Untersuchung des Medienwandels eine historische Grundierung“, vielleicht auch eine systematische Orientierung “braucht und Wandel nicht einfach ab jetzt ansetzen kann“ (25) Dazu bedarf es sicherlich der interdisziplinären und multidimensionalen Zusammenarbeit.

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Über das BuchSusanne Kinnebrock, Christian Schwarzenegger, Thomas Birkner (Hrsg.): Theorien des Medienwandels. Reihe: Öffentlichkeit und Geschichte, Bd. 8. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2015, 328 Seiten, 30 Euro.Empfohlene ZitierweiseSusanne Kinnebrock, Christian Schwarzenegger, Thomas Birkner (Hrsg.): Theorien des Medienwandels. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 26. Juni 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18190
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013)