Katharina Kleinen-von Königslöw und Kati Förster (Hrsg.): Medienkonvergenz und Medienkomplementarität aus Rezeptions- und Wirkungsperspektive

Einzelrezension
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Medienkonvergenz und MedienkomplementaritätEinzelrezension
Wenn in letzter Zeit von mehr oder weniger epochalen Veränderungen im Mediensystem die Rede ist, was sich seit der anhaltenden Digitalisierung zwangsläufig häuft und intensiviert, dann wird vielfach – oft auch aus analytischer Verlegenheit – auf die These des Altphilologen und Chefredakteurs der Nürnberger Zeitung, Wolfgang Riepl, verwiesen: Bereits 1913 glaubte er in seiner Dissertation über das römische Nachrichtenwesen prinzipiell belegen zu können, das kein neues, ‘höher’ entwickeltes Medium ein altes vollständig verdrängen könne. Im Blick hatte Riepl dabei alle Mittel, Methoden und Formen des antiken Nachrichtenverkehrs und natürlich keineswegs die gegenwärtigen technischen, hoch organisierten Medien. Dennoch wurde und wird sein Grundsatz bis heute so oft – zumal beschwichtigend – zitiert, dass er zu einer nahezu gesetzmäßigen Aussage, zum Rieplschen Gesetz über die Komplementarität von Medien, avancierte.

Sein 100-jähriges Jubiläum nahm die DGPuK-Fachgruppe “Rezeptions- und Wirkungsforschung” zum Thema und Anlass, auf einer Tagung in Wien 2013 zeitgenössische, den heutigen Strukturen und Transformationen angemessene Explikationen und empirische Belege vorzulegen, die sich unter den aktuelleren Kategorien Komplementarität und Konvergenz bündeln lassen. Beide Begriffe firmieren natürlich ebenso als Mega-Abstrakta, die es in sachlicher und prozessualer Hinsicht vielfältig zu differenzieren gilt, wie sie oft genug nur noch Schlagwörter sind, die sich operationaler empirischer Evaluation entziehen: Technische, ökonomische, soziale, politische, kulturelle Aspekte gehen etwa bei der Konvergenz nach Belieben durcheinander oder werden kontrovers beansprucht, wie Komplementarität für mediale und inhaltliche, für genrespezifische und funktionale, kollektive und subjektive, für lokal begrenzte als auch globale Komponenten reklamiert wird. Solche Fundierungen wie Differenzierungen leisten die zwölf hier versammelten Beiträge mit der gebotenen Solidität mittlerer theoretischer Perspektiven, mit Bedacht auf die mögliche Reichweite und Validität der zu treffenden Befunde und mit methodischer Akribie, sodass sich mit diesem Reader bemerkenswerte Fortschritte in der Argumentation, Theoriebildung und empirischen Ergiebigkeit und auch genügend Anschlussmöglichkeiten für weitere Studien abzeichnen, auch wenn die meisten Beiträge sich mit Sekundäranalysen anderweitig erhobener Daten begnügen müssen.

Unterteilt sind sie in vier Themenfelder: Das erste befasst sich mit dem von Uwe Hasebrink vielfach vorgeschlagenen und ausformulierten Ansatz des Medienrepertoires als Analyseinstrument für komplexere Rezeptions- und Nutzungsprozesse. Fast will es scheinen, als ob er damit ein recht plausibles und analytisch brauchbares Paradigma gesetzt hat. Das zweite Themenspektrum versucht die Nutzung und Aneignung von Medien-Informationen, vor allem von Nachrichten, in ihren aktuellen Gemengelagen als komplementäre Prozesse zu erfassen. Im dritten Themenfeld wird diese Perspektive auf potenzielle Wirkungszusammenhänge erweitert und zum einen eruiert, ob sich einschlägige herkömmliche Ansätze wie die Integrationsfunktion und das Agenda Setting auch auf digitale Medien anwenden lässt. Zum anderen wird an einem Umwelt-Thema exemplarisch durchgespielt, wie sich komplementäre Informationsquellen zusammenfügen. Im letzten Themenfeld wird auf die Zielgruppe der Jugendlichen fokussiert, die ja als besonders digitalaffin gilt: Zum einen wird untersucht, ob die zu beobachtende Praxis des Multitasking zur vielfach befürchteten Einschränkung der Aufmerksamkeitsfähigkeit und Hyperaktivität bei Jugendlichen führt; und zum anderen wird gefragt, welche Bedeutung medienübergreifende Themenrepertoires für die Identitätsarbeit junger Erwachsenen haben.

Etliche Ausführungen befinden sich verständlicherweise noch im Stadium der Sondierungen (was am Ende meist eingeräumt wird) oder auch nur der probeweise analytischen Fixierung; vieles muss angesichts der ungeheuren Dynamik und Komplexität des Wandels vorläufig und unvollständig bleiben. Und manche begriffliche Implikation muss bedacht, manche semantische und inhaltliche Schärfung vorgenommen werden. So impliziert etwa der Begriff des Medienrepertoires eher die Annahme des aktiven, intentionalen medialen Handelns, weniger des spontanen, intuitiven, habituellen oder gar instinktiven Vollziehens, wie es bei vielen in der Medienrezeption üblich sein dürfte. Und ob für die viel beschworenen ‘digital natives’ noch normative Kategorien wie politische Öffentlichkeit, Aufklärung und Legitimation sowie psychologische wie selective exposure angemessen sind, wäre zu diskutieren. Ebenso ist zu fragen, woraufhin in einer heterogenen, hochkomplexen, aus der Sicht vieler erodierenden Gesellschaft die gleichfalls so beschaffenen Medien integrieren und welche diversen Agenda besagte Medien für welche Gruppierungen setzen sollen. Mitunter scheint es, dass die Begrifflichkeiten und Analyseansätze den vorfindlichen (Medien-)Wirklichkeiten mehr oder weniger weit hinterherhinken.

Daher sind die Herausforderungen und Desiderate, die die beiden Herausgeberinnen in ihrem einleitenden Beitrag formulieren, durchaus berechtigt und weiterführend: In sachlicher Hinsicht sollten die der Verschiebungen der Nutzung, der diversen Rezeptionsstrategien, ihrer Motive und Gratifikationen, mögliche Substitutionsprozesse und komplementäre Erweiterungen ergründet werden; in theoretischer Hinsicht sind weiterhin adäquate, ebenso komplexe wie flexible Theorieansätze gefragt, und in methodischer Hinsicht sind angemessene, in der Regel mehrdimensionale, miteinander verbundene Methoden zu entwickeln und zu erproben, die jeweils Segmente komplementärer Medienrezeption zuverlässig und ergiebig erfassen (können).

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Über das BuchKatharina Kleinen-von Königslöw und Kati Förster (Hrsg.): Medienkonvergenz und Medienkomplementarität aus Rezeptions- und Wirkungsperspektive. Baden-Baden [Nomos] 2014, 217 Seiten, 34,- EuroEmpfohlene ZitierweiseKatharina Kleinen-von Königslöw und Kati Förster (Hrsg.): Medienkonvergenz und Medienkomplementarität aus Rezeptions- und Wirkungsperspektive. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 10. Juni 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18164
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013)