Christoph Bultmann: Gut gefälscht

Einzelrezension
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Rezensiert von Petra Sorge

Gut gefälscht_Ein Vademecum für den deutschen PresseratEinzelrezension
Ein erzkonservativer Sektenführer, der gegen kurdische Separatisten hetzt: So beschrieb der Spiegel 2012 den türkischen Imam Fethullah Gülen (Popp 2012). Als Beleg diente ein Zitat Gülens, das der Erfurter Theologe Christoph Bultmann als Fälschung erkannt haben will. Seine Beobachtung hat er dokumentiert in Gut gefälscht, erschienen im Ulenspiegel-Verlag. Bultmann sah einen Verstoß gegen das Wahrhaftigkeits- und Sorgfaltsgebot der Ziffern 1 und 2 des Pressekodexes. Doch der Presserat wies seine Beschwerde als unbegründet zurück, genauso wie zwei weitere Anträge, etwa, weil der Spiegel das Zitat später wiederholte (Popp 2014). Bultmanns These: Der Presserat habe “ein gefälschtes Zitat” zu Unrecht als ethisch einwandfrei bewertet. Dies sei “[w]ohl deshalb [geschehen], weil sie [die Zitatfälschung] im Spiegel steht“ (27).

Eine kühne Behauptung, hat doch der Presserat dem Spiegel jüngst eine Missbilligung wegen ungefragt veröffentlichter MH17-Opfer ausgesprochen. So überzeugt auch Bultmanns Unterstellung einer bewussten Zitatfälschung nicht wirklich. Das strittige Zitat liest sich im Spiegel wie folgt:

“In einer Videobotschaft forderte er [Gülen] im November 2011 das türkische Militär zum Angriff auf kurdische Separatisten auf: ‘Lokalisiert sie, umzingelt sie, zerschlagt ihre Einheiten, lasst Feuer auf ihre Häuser regnen, überzieht ihr Klagegeschrei mit noch mehr Wehgeschrei, schneidet ihnen die Wurzeln ab, und macht ihrer Sache ein Ende.'” (Popp 2014: 30)

Gülens Rede, in der er auch “Barmherzigkeit” mit den Kurden fordert, ist im Original 45 Minuten lang. Eine vom Berliner Dialogverein FID veröffentlichte Kurzfassung mit deutschen Untertiteln zeigt: Das Spiegel-Zitat stammt aus zwei Kontexten (Karakoyun 2011). Im ersten Teil bedauert Gülen, dass es dem türkischen Militär in 30 Jahren nicht gelungen sei, gegen die “Terroristen in den Bergen” – also die kurdische PKK – vorzugehen: “Das ist doch eine Schande”. Gülen fordert: “Stellt fest, wo sie (die Terroristen) sind und setzt diese Projekte um, bewältigt diese ganz wenigen Terroristen, indem ihr sie lokalisiert, umzingelt und bricht ihre Wirkung auf die Menschen in dem Gebiet.”

Der zweite Teil des Spiegel-Zitats stammt aus einem Aufruf an die Menschen, “für die Beseitigung dieser Frage [des kurdischen Terrorismus]” zu beten:

“Mein Gott, sichere uns Geschlossenheit, Verständigung, Versöhnung und Konsens. Bring die Menschen zur Vernunft, denen du die Vernunft wünschst. Gewähre ihren Herzen und Köpfen Frieden. Falls es unter den auf die Feindseligkeit bestehenden Terroristen solche gibt, die sich keine Vernunft wünschen, und denen du keine Vernunft wünschst, richte ihnen eine heillose Verwirrung an, zerstöre ihre Einheit, lass Feuer und Wehklagen in ihre Häuser kommen, schneide ihnen die Wurzel ab und bereite ihrer Sache ein Ende.” (34-37)

Bultmann bemängelt auf der sprachlichen Ebene eine grammatikalische Manipulation sowie eine Kontextreduktion: So habe der Spiegel-Autor aus der zweiten Person Singular die zweite Person Plural gemacht (“lasst” statt “lass” etc.) und zwei durch 570 Worte getrennte Sinneinheiten verbunden, unter Verzicht auf Auslassungspunkte. Bultmann spricht mit Verweis auf das Zusammensetzen stilfremder Bauteile vom “Prinzip Spiegelspolien”: Spolien würden aus verschiedenen Kontexten genommen, passgenau gefälscht und neu zusammengebaut (28).

In der Wissenschaft würde eine solche Zitierweise zweifelsohne als schlampig gelten. Inwieweit Zitate in journalistischen Artikeln ‘zurechtgebogen’ werden, verdient eine ausführlichere Debatte in der Medienkritik. Nur: Ein Artikel ist keine Hausarbeit, das Verdichten von Inhalten ist Aufgabe von Medienmachern. Weit schwerer noch wiegt Bultmanns inhaltlicher Vorwurf, wonach die Zitatkonstruktion das Gegenteil von dem ergebe, was Gülen tatsächlich gesagt habe: Im Presserecht wäre das eine falsche Tatsachenbehauptung.

Drei Argumente führt er für seine Fälschungsthese an. Erstens seien Gülens Formulierungen in ihrem Kontext keine Aufforderung an das türkische Militär. Das stimmt nicht – denn zu Beginn seiner Rede spricht der Imam das Militär sogar direkt in der zweiten Person Singular an. Zweitens handle es sich bei dem Zitat um “eine sakralsprachliche Gebetsformulierung”. Als Bibelwissenschaftler sei Bultmann “der Unterschied zwischen sakraler Rhetorik und politischem Appell nicht gleichgültig, zumal im gegebenen Fall die sakrale Gewaltrhetorik auch aus biblischen Beispielen hinreichend bekannt ist”. (21) Das macht es nicht besser: Auch ein Papst muss sich rechtfertigen, wenn er aktuelles Geschehen mit misslichen Bibelzitaten kommentiert. Ein Religionsführer hat nur das Wort – und darf dafür auch haftbar gemacht werden.

Zudem war der Spiegel nicht der einzige, der dieses Zitat anbot. Es tauchte etwa auch in gleicher Weise, nur mit Auslassungspunkten, auf einer Webseite von Gülen-Sympathisanten auf (vgl. 51). Wenn Anhänger der Gülen-Bewegung diese ‘Zitatkonstruktion’ verwenden und Gülen selbst das bislang nicht dementiert hat, kann es an der inhaltlichen Richtigkeit kaum Zweifel geben. Allenfalls der deutsche Gülen-Vertreter und einstiger FID-Vorstandschef, Ercan Karakoyun, hatte in Bezug auf eine Mitteilung der Linkspartei moniert, dass das Zitat dort den “KurdInnen” zugeschrieben und so “fehlinterpretiert” worden sei (Karakoyun 2011). Der Spiegel korrigierte das jedoch und sprach von “kurdische[n] Separatisten”. Das sei eine korrekte Umschreibung der PKK, wie Karakoyun auf Nachfrage der Autorin bestätigte.

Weil Bultmann einer der Herausgeber des Buches Die Gülen-Bewegung ist, unterstellte der Spiegel dem Beschwerdeführer sogar Befangenheit. Der Betroffene wies das von sich, und das spielte auch bei der Entscheidung des Presserates keine Rolle.

Die wissenschaftstheoretische Kritik des Bibelexegeten ist ehrenwert. Sie mahnt Journalisten zu sauberem Arbeiten. In ihrer Vehemenz greift sie dennoch ins Leere: Das Spiegel-Zitat mag verzerrt worden sein. Eine Fälschung ist es aber sicher nicht.

Literatur:

Links:

Über das BuchChristoph Bultmann: Gut gefälscht. Besichtigung einer Zitatfälschung im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. Ein Vademecum für den deutschen Presserat. Erfurt [Ulenspiegel-Verlag] 2012, 105 Seiten, 12 Euro.Empfohlene ZitierweiseChristoph Bultmann: Gut gefälscht. von Sorge, Petra in rezensionen:kommunikation:medien, 27. Mai 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18130
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Rezensent/in
Petra Sorge Petra Sorge ist Redakteurin bei Cicero, wo sie unter anderem eine Online-Kolumne über Medienthemen schreibt. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.