Marcel Stepanek: Wahlkampf im Zeichen der Diktatur

Einzelrezension
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Rezensiert von Konrad Dussel

Wahlkampf im Zeichen der DiktaturEinzelrezension
Die vier Reichstagswahlen und Volksabstimmungen, die im NS-Staat abgehalten wurden, hatten höchstens symbolische Bedeutung, darüber kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Gleichwohl wurde darauf nicht verzichtet. Und trotz aller Machenschaften des Regimes, die darauf abzielten, möglichst an die absolute 100-Prozent-Marke heranzukommen, schreckte man doch – zumindest in dieser Hinsicht – vor der Radikalität des faschistischen Italiens zurück: Bei den dortigen ‘Wahlen’ 1929 und 1934 waren nicht nur die Ja- und Nein-Zettel in unterschiedlichen Farben gehalten, sie mussten auch in verschiedene Urnen geworfen werden. Vor diesem Hintergrund ist es eher erstaunlich, dass 1934 doch noch rund 15.000 Nein-Stimmen und ‘nur’ zehn Millionen Ja-Stimmen zustande kamen (vgl. 260f).

Die Haltung des NS-Staats war demgegenüber von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Bei den von ihm angesetzten Plebisziten wurde einerseits eine Menge Druck auf die Bevölkerung ausgeübt und man schreckte auch vor diversen Wahlfälschungen nicht zurück. Andererseits ging es ihm aber doch darum, “die Wählerschaft von der Legitimität und dem Erfolg der Regierung mit dem Ziel zu überzeugen, ihre positive Stimme freiwillig und aus voller Hingabe zum Regime abzugeben” (1). Vor diesem Hintergrund positioniert sich die von Rainer Gries betreute Dissertation Marcel Stepaneks an der Universität Jena. Sie untersucht detailliert die Formen und Inhalte der vorbereitenden Wahl- und Abstimmungskämpfe, weil sie – zu Recht – davon ausgeht, dass daran ablesbar ist, “wie die Diktatur von ihren Bürgern gesehen werden wollte” (2). Ob man dann zudem gleich davon ausgehen muss, “dass Inhalte und Argumentationsmuster auch tatsächlich Eingang in das politische Verständnis eines Teils der Bevölkerung fanden” (ebda.), kann dagegen eher bezweifelt werden. Aber diesem Aspekt schenkt Stepanek in der Folge keinerlei Aufmerksamkeit, er beschränkt sich völlig auf die Analyse der Propagandastrategien und ihrer Materialien.

Im Zentrum seiner Arbeit stehen jene vier Kapitel, die der Reichstagswahl und Volksabstimmung vom 12. November 1933, der Volksabstimmung vom 19. August 1934, der Reichstagswahl vom 29. März 1936 sowie der Reichstagswahl und Volksabstimmung vom 10. April 1938 gewidmet sind. Jedes dieser vier Kapitel untersucht nacheinander die vier Aspekte ‘juristischer und historischer Rahmen’, ‘Wahlkampfkonzeption und -organisation der NSDAP’, ‘Kategorisierung der NS-Propaganda’ und ‘diskursive Analyse der Wahlkampfmedien’. Die Kategorisierung der NS-Propaganda folgt dabei dem Schema, das Marion G. Müller zur Analyse der Wahlmedien der amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe entwickelt hat, die Diskursanalyse orientiert sich vor allem an der Methode von Achim Landwehr.

Die Unterschiede, die Stepanek zwischen den vier Wahlkämpfen feststellen kann, sind beträchtlich und nicht alle ohne weiteres vorhersehbar gewesen. Am wenigsten gilt dies für die Volksabstimmung nach dem Tod Hindenburgs 1934, bei der die Vereinigung von Reichspräsidentschaft und Reichskanzlerschaft in der Hand Hitlers bestätigt werden sollte. Hier stand die Personalisierungsstrategie im Vordergrund, der Wahlkampf war voll und ganz auf Hitler ausgerichtet. Dass dies 1933, als Deutschland gerade aus dem Völkerbund ausgetreten war, ganz anders war, ist naheliegend. Überraschen muss dagegen, dass sowohl 1936 wie 1938 volkswirtschaftliche Argumente im Vordergrund standen, also “edukative” und “ökonomische” Strategien dominierten. Außerdem sucht man den massiven staatlichen Antisemitismus in allen vier Wahlkämpfen vergeblich. Auch in den Untersuchungen zum juristischen und historischen Rahmen jedes Plebiszits sowie den damit verbundenen Wahlkampfkonzepten und Wahlkampforganisationen findet sich manch wertvolle Detailinformation, erst recht im ausführlichen Exkurs ‘Wahlen im faschistischen Italien’ (237-265).

Angesichts der nicht sehr umfangreichen Thematik und der recht überschaubaren Literaturlage (worüber auch sehr ungewöhnliche Vielfachnennungen im Literaturverzeichnis nicht hinwegzutäuschen vermögen), müssen verschiedene Detailmängel umso schwerer wiegen. So ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, warum völlig auf die Abbildung von Plakaten und Flugblättern verzichtet wurde, die ja im Zentrum der Analyse stehen. Sie hätten Stepaneks Argumentation nicht nur abstützen, sondern auch Basis weiterer Überlegungen bilden können. Außerdem wäre an manchen Stellen mehr Sorgfalt zu erwarten gewesen. Für Stepanek bildet das – aus nationalsozialistischer Sicht – überraschend schlechte Ergebnis bei der Volksabstimmung im August 1934 ein Schlüsselmoment seiner Argumentation, weil es alle weiteren Überlegungen entscheidend beeinflusst habe. Nun sind erstens die Zahlen seines Vergleichs mit dem Ergebnis von 1933 nicht ganz korrekt (vgl. 81 mit Bezug auf Seite 38); zweitens bringt er für seine massive These “Das schlechte Abschneiden war für die NSDAP und die Regierung ein Schock” (81) als einzigen Beleg einen Hinweis auf einen Tagebucheintrag von Propagandaminister Goebbels; und drittens nützt er hier – wie an anderen Stellen – nur die völlig diskreditierte 1987 veröffentlichte Ausgabe der Goebbels-Tagebücher, während er die neuere Ausgabe aus den 2000er Jahren nur für den 1938er Wahlgang zu Rate zieht.

Eine Veröffentlichung der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung in komprimierter Aufsatz-Form, die wünschenswert (und für die allermeisten Zusammenhänge ausreichend) wäre, sollte zumindest diese Hinweise berücksichtigen.

Literatur:

  • Marion G. Müller: Bildstrategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 1828-1996. Berlin 1997.
  • Achim Landwehr: Historische Diskursanalyse. 2. Aufl. Frankfurt/M./New York 2009.
  • Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente. Teil I: Aufzeichnungen 1924-1941. Bd. 2: 1.1.31-31.12.1936. München 1987, wurde ersetzt durch dies.: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Bd. 3, Teil 1: April 1934-Februar 1936. München 2013; Teil 2: März 1936-Februar 1937. München 2001.

Links:

Über das BuchMarcel Stepanek: Wahlkampf im Zeichen der Diktatur. Die Inszenierung von Wahlen und Abstimmungen im nationalsozialistischen Deutschland. Leipzig [Leipziger Universitätsverlag] 2014, 303 Seiten, 39,- Euro.Empfohlene ZitierweiseMarcel Stepanek: Wahlkampf im Zeichen der Diktatur. von Dussel, Konrad in rezensionen:kommunikation:medien, 4. Mai 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18081
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Rezensent/in
Konrad Dussel Dr. Konrad Dussel ist apl. Professor für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte sind Mediengeschichte und südwestdeutsche Lokal- und Regionalgeschichte.