Constanze Jecker: Entmans Framing-Ansatz

Einzelrezension
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Rezensiert von Urs Dahinden

Entmans Framing-AnsatzEinzelrezension
Ist das Framing-Konzept ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden? Mit dieser kritischen Frage umreißt die Autorin einen zentralen Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Der Erfolg des Framing-Konzepts lässt sich anhand der nicht mehr zu überblickenden Anzahl von hauptsächlich empirisch orientierten Publikationen in der Kommunikations- und Medienwissenschaft leicht illustrieren. Dieser Erfolg ist allerdings auch mit einigen Defiziten verbunden. Die Autorin fokussiert in diesem Werk, welches einer gekürzten Fassung ihrer Dissertation entspricht, auf die Behebung von drei zentralen Defiziten der Framing-Forschung:

Erstens hat sie sich zum Ziel gesetzt, die theoretische Fundierung der Framing-Definition von Entman aus dem Jahr 1993 auszubauen. Gemäß dieser sehr oft zitierten, ja ‘klassischen’ Begriffsumschreibung enthalten Frames vier Elemente (Problemdefinition, ursächliche Interpretation, moralische Bewertung und Handlungsempfehlung), welche von Entman aber nicht weiter präzisiert und erläutert wurden. Als Folge dieser Offenheit hat sich in der Framing-Forschung eine sehr große Heterogenität bei der Operationalisierung und empirischen Untersuchung von Frames entwickelt. Zur theoretischen Fundierung dieser vier Elemente gibt die Autorin einerseits einen strukturierten Überblick über die vorhandenen Ansätze innerhalb der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Andererseits verbindet und verankert sie diese vier sehr offenen Begriffe in sinnvoller Weise mit verwandten Konzepten aus benachbarten geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen (u. a. Linguistik, Soziologie sozialer Probleme, Politikfeldforschung, Sozialpsychologie und Moralphilosophie). Durch diese interdisziplinäre Einbindung wird deutlich, dass beim Ausbau des Framing-Konzepts das Rad nicht vollständig neu erfunden werden muss, sondern intensiv und gewinnbringend auf Erkenntnisse und Einsichten aus anderen Disziplinen aufgebaut werden kann.

Ein ausgewählter Befund aus dieser Diskussion ist die Feststellung, dass in der empirischen Forschung von Medieninhaltsframes nur in Ausnahmefällen erwartet werden kann, dass ‘vollständige’ Frames mit allen vier framedefinierenden Frames auftreten. Denn soziale Probleme sind nicht als statische Größe zu betrachten, sondern verändern sich im Laufe ihrer Themenkarriere, so dass je nach Phase der Themenentwicklung andere framedefinierende Elemente für die beteiligten Akteure wichtiger sind und stärker hervorgehoben werden. Vor diesem Hintergrund kann die Dynamik von Framing-Prozessen neu und präziser beschrieben werden nicht mehr nur als Veränderung der Häufigkeit von in sich stabilen Frames, sondern auch als interner Wandel von bestimmten Frames. Offen bleibt allerdings, welche Konsequenzen sich aus dieser Frame-Unvollständigkeit für die Empirie ergeben: Reicht im Extremfall ein einziges framedefinierendes Element, damit ein bestimmter Frame identifiziert werden kann?

Die anderen zwei Defizite der Framing-Forschung, welche die Autorin im Rahmen dieser Publikation zu überwinden versucht, werden weniger ausführlich diskutiert und sollen hier nur kurz erwähnt werden: Das zweite Defizit besteht bei der Verknüpfung des Frame-Konzepts mit dem Konzept der Stereotype. Sowohl Frames als auch Stereotype übernehmen ähnliche Funktionen (kulturelle Verankerung, Reduktion von Reizvielfalt und Komplexität), so dass sich eine enge Verknüpfung dieser Forschungstraditionen anbietet.

Das dritte Defizit bzw. die dritte Herausforderung ist die Identifizierung von Medien-Frames auf der visuellen Ebene. Zwar sind sich die meisten Framing-Forschenden über die Bedeutsamkeit von visuellen Darstellungen von Frames (z. B. in Pressefotografien oder Fernsehsequenzen etc.) einig, aber bei der empirischen Untersuchung von visuellen Medieninhalten beschränkt sich die Analyse meist auf die Textebene. Begründet wird dieses Vorgehen mit der großen Polysemie von visuellen Darstellungen und den damit verbundenen Analyseschwierigkeiten. Die Autorin distanziert sich von dieser einfachen, aber wenig überzeugenden Lösung, verzichtet aber auch auf die radikale Gegenposition, nämlich auf der visuellen Ebene vollständig eigenständige und textunabhängige Frames zu identifizieren. Ihr Ansatz kann vielmehr als Mittelweg beschrieben werden, indem sie die visuelle Ebene konsequent in Relation zur verbalen Ebene analysiert. Visuelle Gestaltungsmittel (bspw. Kamerapositionen, Lichteffekte etc.) haben in diesem Ansatz die Funktion, die Salienz bestimmter Frame-Elemente aus der Textebene hervorzuheben. Methodisch beruht diese aufwändige Form der Inhaltsanalyse auf einer Verbalisierung und schriftlichen Fixierung der visuellen wie auch der non-verbalen Elemente, welche die Autorin im Rahmen einer Fallstudie (qualitative Inhaltsanalyse) zur Thematisierung von sexuellen Handlungen an Kindern im Fernsehen exemplarisch ausführt.

Abschließend sollen hier noch einige allgemeine Bemerkungen zu den Stärken und Schwächen dieser Arbeit hervorgehoben werden: Positiv hervorzuheben ist die leserfreundliche Gestaltung des anspruchsvollen und umfangreichen Textes durch hilfreiche Gestaltungsmittel (Fazit in jedem Kapitel, Zwischenresümees, sinnvoller Einsatz von Abbildungen und Tabellen). Ebenso positiv ist der klare Fokus auf die theoretischen Aspekte der Framing-Forschung. Dadurch unterscheidet sich diese Arbeit klar von der unüberblickbaren Anzahl von empirischen Framing-Studien und bearbeitet eine wichtige und offensichtliche Forschungslücke. Die differenzierte und vertiefte Diskussion macht deutlich, dass diese Forschungslücke noch nicht als geschlossen betrachtet werden kann.

Ergänzend zu den erwähnten Stärken soll aber auch auf gewisse Schwächen der Arbeit hingewiesen werden: Offen und damit unklar bleibt, was denn eigentlich relevante Ansprüche und Qualitätskriterien sind, welche eine gute Theorie zu erfüllen hat. Die Autorin bezeichnet Framing aus einer kritischen Perspektive bewusst nicht als Theorie, sondern nur als Konzept, das sich gemäß ihrer Einschätzung durch einen zu heterogenen Forschungsstand auszeichnet. In der Arbeit vertieft sie überzeugend die theoriegeleitete Operationalisierung verschiedener Teilelemente, mit der eine sinnvolle Strukturierung des Untersuchungsgegenstands vorgenommen werden kann. Nicht explizit diskutiert wird aber das Innovationspotential des Framing-Konzepts: Erschließen sich dadurch überhaupt neue Perspektiven, welche durch die verschiedenen Vorgänger- und Teilkonzepte bisher zu wenig Beachtung erhielten? Falls ja, wie lassen sich diese Perspektiven beschreiben? Vielleicht als Folge dieser fehlenden Diskussion des Innovationpotentials ist auch die Beschreibung von künftigen Forschungsperspektiven nur sehr kurz auf wenigen Seiten im Schlusskapitel umrissen.

Eher ambivalent fällt das Urteil auch aus bei der Verknüpfung des Framing-Konzepts mit bekannten Theorien aus anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Einerseits stellt diese Verknüpfung eine überzeugende theoretische Stärkung des Konzepts dar. Andererseits wird durch diese Erhöhung von Bezugspunkten und ‘Theoriebaustellen’ eine fokussierte Weiterentwicklung zu einer konsistenten Theorie vermutlich eher erschwert als erleichtert. Das Verhältnis zu diesen ausgewählten Disziplinen wird in der Arbeit auch nicht explizit thematisiert und reflektiert. Sind diese Nachbardisziplinen primär Zulieferer für Teilkonzepte, welche anschließend durch die Medien- und Kommunikationswissenschaft integriert und aufbereitet werden? Oder ist mit einer gleichberechtigen interdisziplinären Zusammenarbeit zu rechnen?

Trotz dieser Vorbehalte und den daraus resultierenden weiterführenden Fragen stellt die Arbeit bestimmt mehr dar als nur ein “Mosaikstein” zur Schließung einer bedeutsamen Forschungslücke, mit dem die Autorin im Schlusskapitel (413) ganz bescheiden die eigene wissenschaftliche Leistung bewertet. Diese Bescheidenheit ist sicher fehl am Platz, denn die Arbeit hat gleich zwei Dissertationspreise gewonnen. Treffender wäre wohl die Bezeichnung als Meilenstein, an dem sich künftige Forschende sowohl bei der theoretischen wie auch empirischen Weiterentwicklung des Framing-Konzepts gewinnbringend orientieren können.

Links:

Über das BuchConstanze Jecker: Entmans Framing-Ansatz. Theoretische Grundlegung und empirische Umsetzung. Konstanz [UVK] 2014, 454 Seiten, 59,- Euro.Empfohlene ZitierweiseConstanze Jecker: Entmans Framing-Ansatz. von Dahinden, Urs in rezensionen:kommunikation:medien, 13. März 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17412
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Rezensent/in
Urs DahindenUrs Dahinden (Prof. Dr.) arbeitet als Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur sowie als Privatdozent für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte in der Forschung und Lehre sind: Wissenschafts- und Gesundheitskommunikation, politische Kommunikation, Neue Informations- und Kommunikationstechnologien sowie empirische Forschungsmethoden.