Florinne Egli: “Wo ist sein Leben hingekommen?”

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Tobias Kurwinkel

Einzelrezension
Bereits die frühe Kinder- und Jugendliteratur setzt sich mit dem Tod auseinander: Wird dieser im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorwiegend als Erziehungsmittel instrumentalisiert, beginnt im späten 19. Jahrhundert seine Tabuisierung. Als Reaktion darauf kann die Versachlichung des Todes in der realistischen Kinder- und Jugendliteratur der 1970er Jahre gelesen werden. Einen Paradigmenwechsel läutet schließlich Astrid Lindgrens Roman Die Brüder Löwenherz ein, welcher motivisch das Bewusstwerden der Endlichkeit, das Vergehen der eigenen Existenz und die Frage nach einem Jenseits fernab religiöser Muster thematisiert. Auch die fachwissenschaftliche Rezeption beginnt zu dieser Zeit; bis heute sind zahlreiche Monographien und Sammelbände sowie Artikel in Fachlexika und -zeitschriften erschienen. Anders stellt sich die Forschungssituation zum Thema für die Gattung Bilderbuch dar: Zwar sind in den letzten Jahren vermehrt Beiträge in Fachzeitschriften wie “kjl&m” und “1000 und 1 Buch” zu verzeichnen, nichtsdestotrotz fehlen umfassende Studien und Untersuchungen.

Eine derartige hat nun Florinne Egli mit einer Monographie vorgelegt, die den Titel “Wo ist sein Leben hingekommen? Sterben und Tod in ausgewählten Bilderbüchern der Gegenwart” trägt. Das Buch, das als vierter Band im April 2014 in der Reihe Beiträge zur Kinder- und Jugendmedienforschung des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien im Chronos Verlag erschienen ist, fragt danach, wie Sterben und Tod sowie der Umgang mit diesen in Text und Illustration ausgewählter Bilderbücher dargestellt und welche Mentalitäten in diesem Zusammenhang ersichtlich werden (10). Gegenstand der Untersuchung ist ein Korpus aus 33 Bilderbüchern, die zwischen 2000 und 2011 im deutschsprachigen Raum erschienen sind; Auswahlkriterium der Bücher war einzig die “Zentralität der Thematik” (11). Wie aus der Fragestellung ersichtlich, verknüpft Egli literatur- bzw. medienwissenschaftliche Methodik kontextorientiert mit der Mentalitätsgeschichte, ein polymethodischer Zugang, dessen kulturwissenschaftlicher Hintergrund mit Blick auf das Thema sinnvoll erscheint. Der Fokus der “methodischen Herangehensweise” (10) liege jedoch, wie Egli in der Einleitung erklärt, auf der Literaturwissenschaft – dabei verweist sie auf den assoziativen Analysesatz, den Doris Reske in Jens Thieles Standardwerk Das Bilderbuch aus dem Jahr 2000 an einem Bilderbuch von Valérie Dayre und Wolf Erlbruch exemplifiziert hat. Dieser im poststrukturalistischen Verständnis methodenpluralistische Zugang eigne sich, so Reske, um “Pluralität und Ambivalenz” der “sich überlagernden und durchdringenden Schichten des Gewebes von Bild und Text”, um die “Collage als gebrochene ästhetische Form” (Reske 2000: 104), zu untersuchen. Ein Zugang also, der für ein dekonstruierendes und dekonstruiertes, collagiertes Bilderbuch wie Die Menschenfresserin adäquat erscheint, für den genannten Korpus aber nur bedingt geeignet ist.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, einem darstellend-theoretischen und einem analytisch-praktischen Teil: Das erste Kapitel des ersten Teils führt in das “Medium Bilderbuch” (13) ein, bietet einen kurz gehaltenen, literarhistorischen Abriss und versucht, eine Standortbestimmung des zeitgenössischen Bilderbuchs zu liefern. Während das zweite Kapitel auf die “Aspekte Sterben und Tod” (19) eingeht, ist das dritte Kapitel “Sterben und Tod im Bilderbuch” (25) gewidmet; dieses bietet bilderbuchhistorische Schlaglichter zum Thema, beleuchtet gegenwärtige Tendenzen und fragt nach möglichen Funktionen.
Der zweite Teil stellt die Analyse des Korpus dar; dieser liegt – abgesehen von einer aspektorientierten Herangehensweise, die Todesursachen benennt, (kindliche) Todes- und Jenseitsvorstellungen untersucht oder über Trauer und Rituale in den Texten nachdenkt – eine Art literaturwissenschaftliches pattern zugrunde, das die Verfasserin unter “Modalitäten der Thematisierung von Sterben und Tod” (36) fasst. Diese Modalitäten beziehen sich auf die histoire der Texte, wenn es darum geht, ob “Sterben und Tod [..] Teil der Geschichte” (44) sind, analysieren aber vor allem auf Ebene des discours in Einzelkapiteln gelungen Erzählsituationen, Metaphorik, Personifikationen und Symbolik der Texte.

Im Schlussteil fasst Egli die Ergebnisse mit Rückgriff auf die Fragestellung zusammen; hierbei deutet die Verfasserin die Mentalitätswelten aus, erläutert beispielweise die (säkularen) Jenseitskonzeptionen, die in den Texten zum Tragen kommen oder die Konzeptionen von Kind und Kindheit, die aufgrund ihrer Ambivalenz ein Spiegelbild postmoderner Gesellschaft darstellen.

Das Buch füllt gelungen eine Forschungslücke in der Bilderbuchforschung aus, greift dabei auf einen quantitativ beeindruckenden Korpus zurück und liefert durch seinen mentalitätsgeschichtlichen Zugang interessante Ergebnisse. Wenngleich die Analyse der Bilderbücher aus literaturwissenschaftlicher Perspektive mit dem genannten pattern überzeugen kann, fehlt hingegen eine dezidierte Berücksichtigung des Bilderbuches als Bildmedium, das “nicht nur Szenen, Motive und Objekte zeigt, die in einem Bezug zum Text und zur Handlung stehen, sondern diese insbesondere mit Hilfe einer spezifischen Bildästhetik vermittelt” (Wildeisen 2013: 4).

Literatur:

  • Reske, D.: Assoziative Analyse: “Die Menschenfresserin“ (1996) von Valérie Dayre und Wolf Erlbruch. In: Thiele, J. (Hrsg.): Das Bilderbuch. Ästhetik, Theorie, Analyse, Didaktik, Rezeption. Mit Beiträgen von Jane Doonan, Elisabeth Hohmeister, Doris Reske und Reinbert Tabbert. 2., erweiterte Auflage. Oldenburg [Isensee] 2000, S. 104-116.
  • Wildeisen, S.: Kunst am Bilderbuch. Aspekte einer bildfokussierenden Bilderbuchanalyse. In: kjl&m, 13.1, 2013, S. 3-10.

Links:

Über das BuchFlorinne Egli: "Wo ist sein Leben hingekommen?". Sterben und Tod in ausgewählten Bilderbüchern der Gegenwart. Reihe: Beiträge zur Kinder- und Jugendmedienforschung, Band 4. Zürich [Chronos] 2014, 112 Seiten, 26,- Euro.Empfohlene ZitierweiseFlorinne Egli: “Wo ist sein Leben hingekommen?”. von Kurwinkel, Tobias in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Februar 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17330
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Rezensent/in
Dr. phil. Tobias Kurwinkel leitet das Lektorat für Kinder- und Jugendmedien an der Universität Bremen und ist Lehrbeauftragter der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien (ALEKI) der Universität zu Köln. Als Chefredakteur ist er für KinderundJugendmedien.de verantwortlich, dem interdisziplinären Internetportal zur Forschung in den Bereichen Kinder- und Jugendliteratur und Kinder- und Jugendmedien. Forschungsschwerpunkte: Kinder- und Jugendliteratur und -medien, Literatur- und Medientheorie, Intermedialität und Transmedialität, Medienrezeption/Media Literacy