Christoph G. Grimmer: Kooperation oder Kontrolle?

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Thomas Horky und Cora Theobalt

Kooperation oder KontrolleEinzelrezension
Wer bestimmt die öffentliche Meinung? – Wie PR-Mitarbeiter die Arbeit der Journalisten beeinflussen, wird schon länger von Medienforschern diskutiert. Christoph G. Grimmer hat sich jetzt aber mit seiner Forschung über die Pressesprecher in der Fußball-Bundesliga einer Gruppe zugewandt, der nicht nur ein zentrales Themenfeld des deutschen Sportjournalismus, sondern gleichzeitig auch ein hohes Maß an Deutungs- und Definitionsmacht zukommt. Für seine Dissertation Kooperation oder Kontrolle?, die unlängst in der Reihe Sportkommunikation im Kölner Halem Verlag erschienen ist, hat Grimmer alle Pressesprecher der Bundesliga-Vereine befragt und interviewt.

Um es gleich vorwegzunehmen: mit dieser Vollerhebung auf dem Feld der Medienforschung ist ihm buchstäblich ein Volltreffer gelungen. So bereichert die vorliegende Studie nicht nur die Pressesprecher und Journalisten im Sportsegment mit wichtigen neuen Erkenntnissen, sondern auch Politiker und Wissenschaftler, Manager und Geschäftsführer – kurzum: all jene, die ein Interesse daran haben, die öffentliche Meinung auf einem bestimmten Themengebiet zu prägen.

Nun könnte man annehmen, der Autor liefe schnell Gefahr, als kritischer Journalist und   Medienwissenschaftler in seiner Untersuchung das bekannte Klischee von den ,bösen, vom Marketing korrumpierten PR-Mitarbeitern‘ zu reproduzieren. Doch weit gefehlt: Indem Grimmer die Bundesliga-Pressesprecher nicht nur befragt (quantitativ), sondern auch interviewt (qualitativ), ergibt sich von ihrer Medienarbeit ein umfassendes, ausgesprochen differenziertes Bild.

Ergänzt werden die Ergebnisse dieser Erhebungsschritte um eine Onlinebefragung von Printjournalisten im Sport. Damit folgt Grimmer nicht nur dem journalistischen Grundsatz, immer auch ,die andere Seite‘ zu befragen, sondern fängt zugleich das Fremd- und Selbstbild der Pressesprecher mit ein. Dass das spannungsgeladene Verhältnis von Journalisten und Bundesliga-Pressesprechern von Ambivalenzen geprägt ist, lässt schon der Titel “Kooperation oder Kontrolle?” vermuten. Folgerichtig liegt auf der Frage nach der (gegenseitigen) Abhängigkeit beider Medienvertreter ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Analyse.

Grimmer meidet die komplexen Themen der Arbeit hinter den medialen Kulissen nicht, als da wären: die Autorisierung von Interviews, Personalpolitik oder Krisenmanagement – sondern kristallisiert vielmehr die Gegensätze in der Zusammenarbeit von Pressesprechern mit Sportjournalisten prägnant heraus. So entsteht ein facettenreiches Bild von den widersprüchlichen, mitunter prekären Bedingungen, unter denen heute Pressesprecher in der Bundesliga arbeiten. Und dieses Bild wird dem komplexen Untersuchungsgegenstand gerecht. Es steigert die Brisanz mancher Aussage, wenn man durch Grimmers Fragebogen-Recherche erfährt, dass die meisten Pressesprecher der Liga vormals Journalisten waren.

Nachdem der Status Quo der Pressearbeit in der Fußball-Bundesliga von Grimmer so differenziert offengelegt wurde, können jetzt weitere Forschungen an diese Studie anknüpfen und sich nicht zuletzt intensiv mit den zukünftigen Herausforderungen beschäftigen, auf die Pressesprecher und Journalisten im digitalen Zeitalter eine Antwort finden müssen. Auch Grimmer mahnt: “Der Sportjournalismus ist deshalb gefordert, Strategien für den Umgang mit der medialen Autonomisierung der Vereine zu finden.”

Es bleibt spannend, zu beobachten, inwieweit sich die Pressearbeit in den vereinsinternen Medien weiter professionalisieren wird und ob die Pressevertreter der Vereine auch künftig bereit sein werden, mit den traditionellen journalistischen Medien zu operieren. Denn schon jetzt nimmt die Bedeutung vereinseigener Fernsehsender und Sozialer Medien zu. Die lesenswerte, auch stilistisch überzeugende Studie von Christoph G. Grimmer schärft den Blick für die problematisch gewordene Interaktion von Pressesprechern und Journalisten und liefert der sportjournalistischen Forschung ein breites Fundament für weitere, dringend notwendige Analysen.

Links:

Über das BuchChristoph G. Grimmer: Kooperation oder Kontrolle? Eine empirische Untersuchung zum Spannungsverhältnis von Pressesprechern in der Fußball-Bundesliga und Journalisten. Köln [Herbert von Halem] 2014, 414 Seiten, 33,- Euro.Empfohlene ZitierweiseChristoph G. Grimmer: Kooperation oder Kontrolle?. von Horky, Thomas; Theobalt, Cora in rezensionen:kommunikation:medien, 2. Februar 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17301
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Rezensent/in

Dr. Thomas Horky, geb. 1965, Professor für Sportjournalistik an der Hochschule Macromedia in Hamburg. Nach dem Studium der Sportwissenschaft, Journalistik und Linguistik absolvierte er ein Volontariat bei der dpa und arbeitete mehrere Jahre als freier Journalist für diverse Medien. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Sportwissenschaft der Universität Hamburg sowie am Hamburger Institut für Sportjournalistik und Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Sportpublizistik der Deutschen Sporthochschule in Köln. An verschiedenen Hochschulen hat er Lehraufträge angenommen, seine Arbeitsschwerpunkte sind Mediensport und Inszenierung, Qualitätsmerkmale von Sportjournalismus, Sportjournalismus und Unterhaltung sowie Social Media. Thomas Horky publizierte mehrere Bücher zum Sportjournalismus und zahlreiche deutschsprachige und internationale Forschungsbeiträge. Er ist Mitherausgeber der Buchreihe "Sportkommunikation“ im Herbert von Halem Verlag sowie im Editorial-Board von zwei internationalen Fachzeitschriften.

Cora Theobalt, Dipl.-Journalistin, geb. 1987, Doktorandin der Journalistik und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Macromedia in Hamburg. Sie studierte Journalistik und Germanistik am Dortmunder Institut für Journalistik und absolvierte ein Volontariat bei der Westdeutschen Zeitung (WZ) mit Sitz in Düsseldorf. Im Anschluss arbeitete sie als freie Journalistin – unter anderem bei der Rheinischen Post, der WAZ und der Deutschen Welle. Zurzeit promoviert sie bei Prof. Dr. Claus Eurich und Prof. Dr. Gunter Reus über das Politische Feuilleton. Ihre journalistischen und medienwissenschaftlichen Schwerpunkte sind Kultur- und Politikjournalismus, Inszenierung und Qualitätsjournalismus in allen Medien.