Caroline Schmitt, Asta Vonderau (Hrsg.): Transnationalität und Öffentlichkeit

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Rezensiert von Swantje Lingenberg

Bildschirmfoto 2014-11-28 um 15.19.36Einzelrezension
Die Entstehung grenzüberschreitender Öffentlichkeiten in lokalen alltagsweltlichen und institutionellen Kontexten bildet den Gegenstand des von Caroline Schmitt und Asta Vonderau herausgegebenen Bandes Transnationalität und Öffentlichkeit. Interdisziplinäre Perspektiven. Das Hauptanliegen des Sammelbandes besteht darin, auf die “weniger sichtbaren, scheinbar marginalen Situationen und Kontexte des sozialen Lebens aufmerksam zu machen, die Öffentlichkeiten darstellen und als solche zu untersuchen sind” (7). Aus einer empirisch-basierten Perspektive heraus analysieren die insgesamt zwölf Beiträge unterschiedliche transnationale Settings wie informelle Märkte, Jugendproteste, anti-AIDS-Aktionen, NGOs, Vereine für Migrantinnen und Migranten sowie transnationale Pfingstkirchen. Die Zusammenstellung der Beiträge ist dabei wahrlich interdisziplinär: Die Autorinnen und Autoren stammen aus der Kulturanthropologie, der Ethnologie, der Pädagogik, der Politikwissenschaft, der Soziologie, der Geografie und der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Heterogen sind dabei nicht nur die forschungspraktischen und methodischen Vorgehensweisen, sondern auch die sprachlichen Darbietungen: Während zehn Beträge in deutscher Sprache verfasst sind, sind zwei Beiträge in englischer Sprache verfasst.

Die übergreifende Gemeinsamkeit der Beiträge besteht darin, dass sie darum bemüht sind, Öffentlichkeit als Kategorie neu zu denken: Sie legen eine praxeologische Sichtweise zugrunde, in der Öffentlichkeit nicht als territoriale oder durch bestimmte institutionelle Rahmenbedingungen vorgegebene Größe, sondern als durch das Handeln der Menschen in ihren jeweiligen lokalen Kontexten und deren Relationen zu anderen Orten konzipiert wird. Bereits in der Einleitung streichen die Herausgeberinnen diese gemeinsame Perspektive heraus, indem sie eine Definition von Öffentlichkeit geben, die den theoretischen Rahmen des Sammelbandes abstecken soll: “Wir verstehen Öffentlichkeit als einen relationalen, zeitlich und räumlich situierten und multipel verorteten Raum verdichteter Handlungen und Kommunikationen” (8). Damit soll einerseits das Ineinandergreifen von “lokal/global, formell/informell, öffentlich/privat, räumlich/medial” (ebd.) als komplexe Relationen statt als Dichotomien gedacht werden. Andererseits soll der “prozessuale[.] [und damit situative] Charakter transnationaler Öffentlichkeiten” (ebd.: 8f.) betont werden. Gerade diese Klarstellung des zugrunde liegenden Öffentlichkeitsverständnisses für den gesamten Band erscheint vor dem Hintergrund seiner interdisziplinären Anlage hilfreich und vielversprechend. Bei der weiteren Lektüre wirkt es allerdings etwas enttäuschend, dass die Herleitungen und Begründungen des jeweils zugrunde liegenden Öffentlichkeitsverständnisses innerhalb der einzelnen Beiträge von Redundanzen geprägt sind. So wird der Strukturwandel der Öffentlichkeit von Jürgen Habermas wiederkehrend zitiert und in seiner kritischen Rezeption durch die Arbeiten von Nancy Fraser diskutiert. Das Versprechen, einen kohärenten Band mit einheitlichem Theorie-Blick auf unterschiedliche empirische Phänomene vorzulegen, wird somit nicht ganz eingehalten.

Erfreulich und plausibel für die Orientierung des Lesers ist die von den Herausgeberinnen vorgenommene Sortierung der Beiträge in vier große Themenblöcke. Der erste Themenblock (Praktiken und Bühnen des Öffentlich-Werdens) fokussiert grenzüberschreitende Alltagspraktiken des “Öffentlich-Seins, -Werdens, und -Machens” (12). Ina Dietzsch zeigt in ihrem Beitrag am Beispiel der mehrsprachigen Baseler Quartierszeitung, wie das Zusammenleben einer multikulturellen Stadtbevölkerung das “Deutungsrepertoire dessen, was Öffentlichkeit ist” (48), erweitert. Mit ihrer Analyse des Zusammentreffens unterschiedlicher Verständnisse von und Ansprüche an Öffentlichkeit innerhalb des Quartiers eröffnet sie eine erhellende Diskussion über eine Konzeption von Öffentlichkeiten als “Zonen kultureller Auseinandersetzung” (ebd.).

Kristine Krause untersucht im zweiten Beitrag “die Bedeutung von Lokalität für die Teilhabe an multiplen Öffentlichkeiten in einer transnationalen Pfingstkirche” (55) in Berlin und in einer Kleinstadt in Ghana. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass die strategische Bedeutung von Lokalitäten ebenso wie situative Grenzziehungs- und Zuschreibungspraktiken berücksichtigt werden müssen, um transnationale Öffentlichkeiten adäquat beschreiben zu können. Mit informellen Marktplätzen befasst sich sodann der Beitrag von Peter Mörtenböck. Darin zeigt er, dass informelle Märkte alternative Chancen der Teilhabe und des kommunikativen Austauschs bieten und so als Ausdruck von Selbstermächtigung und politischem Widerstand für die Involvierten verstanden werden können.

Im zweiten Themenblock (Situative Sichtbarkeiten) werden unterschiedliche Zonen gesellschaftlicher Aushandlung untersucht, die temporär existieren und dabei neue Teilhabeformen ermöglichen. Während Lena Laube dies anhand der “exterritorialen Grenzpolitik” der EU zeigt, untersucht Antonie Schmiz das Zusammenspiel von vietnamesischen und kommunalen Akteuren in Berlin am Beispiel vietnamesischer Demonstrantinnen und Demonstranten sowie eines vietnamesischen Großhandelszentrums. In ihrem Beitrag arbeitet Schmiz die Bedeutung von Machtkonstellationen bei der Entstehung von Öffentlichkeit sehr deutlich heraus.

Der dritte und umfangreichste Themenblock (Wissensvermittler und multiple Engagements) befasst sich mit der Überlappung unterschiedlicher Öffentlichkeiten bzw. mit multiplen und wechselnden Zugehörigkeiten und Engagements sowie den dabei entstehenden Momenten transnationaler Öffentlichkeit. Hansjörg Dilger analysiert dies am Beispiel von anti-AIDS-Aktionen in Deutschland und Tansania, Annemarie Duscha betrachtet eine brasilianische Migrantinnenorganisation, die sowohl nationale als auch transnationale Initiativen anstößt und damit kollektives Wissen über das Migrantenleben in Europa generiert. Christiane Frantz erforscht schließlich des multiple Engagement einer transnationalen care-NGO, und Bruno Riccio zeigt die Möglichkeit der Hervorbringung transnationaler Öffentlichkeiten anhand von Fallstudien zu senegalesischen Migrantenorganisationen in Italien auf.

Im vierten und abschließenden Themenblock (Digitale und translokale Koalitionen) geht es um das Zusammenspiel analoger und digitaler Kommunikationsformen und die dadurch entstehenden neuen Partizipationsmöglichkeiten im transnationalen Raum. Die Chancen für die Entstehung von Gegenöffentlichkeiten im Internet zeigt Jeffrey Wimmer in seinem Beitrag auf. Dabei weist er jedoch auf weiterhin bestehende Machtgefüge im digitalen Raum hin, sodass eine Verbesserung von Demokratie nicht automatisch erfolge. Arne Schäfer und Matthias D. Witte untersuchen in ihrem Beitrag sodann die simultane Beteiligung von protestierenden Jugendlichen in lokalen und virtuellen Räumen am Beispiel der globalisierungskritischen Bewegung einerseits und der arabischen Revolution andererseits.

Insgesamt bietet der vorliegende Sammelband einen überaus innovativen Einblick in das Forschungsfeld Transnationalität und Öffentlichkeit. Die Beiträge sind durchwegs um eine ‘alternative’ Sichtweise auf das Phänomen Öffentlichkeit bemüht und orientieren sich dabei weniger an normativen Öffentlichkeitstheorien. Vielmehr gehen sie empirisch, kritisch und vor allem akteurszentiert vor, wodurch sie das Potenzial haben, die Öffentlichkeitsforschung in den verschiedensten Disziplinen zu bereichern und neue Theoriediskussionen zu entfachen. Das reichhaltige Datenmaterial und die detaillierten Fallstudien zu den verschiedensten Settings transnationaler Öffentlichkeiten zeigen nicht nur die fortlaufende Machtgebundenheit öffentlicher Kommunikation, sondern auch das Ermächtigungspotenzial, das sich in informellen und digitalen Räumen entfalten kann. In diesem Sinne stellt der Band ein wichtiges Plädoyer für ein Verständnis von Öffentlichkeit dar, das die alltäglichen Praktiken der Menschen ebenso wie ihre Eingebundenheit in bestimmte Lokalitäten, Machtstrukturen und Diskurse als konstitutiv für die Entstehung und Ausgestaltung von Öffentlichkeit erachtet.

Links:

Über das BuchCaroline Schmitt, Asta Vonderau (Hrsg.): Transnationalität und Öffentlichkeit. Interdisziplinäre Perspektiven. Bielefeld [transcript] 2014, 340 Seiten, 34,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseCaroline Schmitt, Asta Vonderau (Hrsg.): Transnationalität und Öffentlichkeit. von Lingenberg, Swantje in rezensionen:kommunikation:medien, 8. Mai 2015, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17229
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Rezensent/in
Swantje LingenbergDr. Swantje Lingenberg ist Postdoctoral Fellow im DFG-Projekt 'Die Transnationalisierung von Öffentlichkeit am Beispiel der EU: Reaktionen der Bürger’ im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 597 'Staatlichkeit im Wandel’ sowie am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) an der Universität Bremen.