Bettina Muratović: Vorlesen digital

Einzelrezension
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Rezensiert von Heinz Bonfadelli

Vorlesen digitalEinzelrezension
Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die Veröffentlichung einer Dissertation im Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien und Sport an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Das in der Einleitung beschriebene Forschungsinteresse gilt der Lesesozialisation als Erwerb der Kulturtechnik Lesen und als Basis des Lesekompetenzerwerbs im Allgemeinen und im Speziellen der konkreten Praxis des Vorlesens. Eine reichhaltige Forschungstradition speziell im deutschen Sprachraum befasste sich seit den 1990er Jahren mit Fragen des Vorlesens und des gemeinsamen Anschauens von Bilderbüchern im Familienkontext. Betont wurde insbesondere die Bedeutsamkeit des Vorlesens für das Lesenlernen, allerdings auch dessen schichtspezifische Geprägtheit.

Mittlerweile haben aber digitale Medien wie E-Books mit neuen Handlungsoptionen wie Interaktivität, Bewegung oder geräteinternem Vorlesen Einzug ins Kinderzimmer erhalten, sodass es aktuell und relevant ist, dass sich die vorliegende qualitative Studie mit der noch nicht erforschten Situation des Vorlesens und der Anschlusskommunikation von Kinder-E-Books und Kinder Apps auseinandersetzt. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk auf der Anschlusskommunikation und den Unterstützungsleistungen der Vorlesenden, und zwar bezogen auf das neue digitale Vorlesen: Welche Anreize ergeben sich möglicherweise? Welche Probleme treten durch die Nutzung multimedialer Bilderbücher auf? Welche (neuen) Formen der Interaktion kristallisieren sich heraus?

Nach einer knappen Darstellung des Forschungsstandes wird die Strukturgenetische Sozialisationsforschung von Sutter/Charlton als theoretischer Hintergrund der empirischen Studie differenziert dargestellt und Konsequenzen für die Forschungspraxis knapp angedeutet. Mittels qualitativer Sozialforschung wurden Vorlesesituationen in acht Familien mit guter deutscher Sprachbeherrschung und neun Kindern zwischen drei und sechs Jahren gefilmt, transkribiert und mit der dokumentarischen Methode der rekonstruktiven Bestimmung von Interaktionsmustern ausgewertet sowie anhand exemplarischer Situationen anschaulich illustriert. In jeder Familie wurden Vorlesesituationen von jeweils 45 – 60 Minuten an zwei Tagen sowohl mit drei gedruckten als auch drei digitalen Bilderbüchern (iPad und E-Book) untersucht. Leider fehlen Angaben zu konkreter Auswahl der Familien, zu sozialem Hintergrund und Leseverhalten. Nicht begründet wird, wieso nur Familien ohne vorgängige Praxis im Umgang mit digitalen Bilderbüchern rekrutiert wurden. Ebenso vermisst man eine vertiefte Darstellung des Untersuchungsgegenstands “digitale Bilderbücher” im Theorieteil.

Die detailliert dargestellten und differenziert durchgeführten exemplarischen Fallrekonstruktionen werden schließlich dahingehend zusammengefasst, als in der vorliegenden Studie die 1995 von Wolfgang Schneider erarbeiteten drei Typen von Vorleseinteraktionen, nämlich flexibles, starres und wechselndes Muster, sich auch beim Vorlesen von digitalen Bilderbüchern äußern. Als zentrales Ergebnis wird festgehalten, dass die Vorlesestile in gewisser Weise konstant blieben, also keine grundlegenden Veränderungen der Vorlesedialoge bei den digitalen im Vergleich zu den Printmedien festgestellt werden konnten. Drüber hinaus zeigen sich medienspezifische Unterschiede, etwa dahingehend als das digitale Vorlesen, wenigstens zu Beginn, sehr technikfokussiert ablief. Darüber hinaus verließen starre Vorleser ihre Rolle und überließen diese dem E-Book. Generell wird die durch das E-Book angeregte sowie gesteigerte Aktivität und Beteiligung des Kindes – vielleicht etwas optimistisch – pädagogisch vorab positiv bewertet. Einschränkend ist zu berücksichtigen, dass die Studie keinen Anspruch auf Repräsentativität erlaubt und zudem in einem vorgegebenen Interaktionssetting ablief. Wie das Vorlesen sich in Familien gestaltet, welche gewohnheitsmäßig E-Books nutzen bleibt somit offen und bedarf weiterer Forschung.

Links:

Über das BuchBettina Muratović: Vorlesen digital. Interaktionsstrukturierung beim Vorlesen gedruckter und digitaler Bilderbücher. Reihe: Media Convergence / Medienkonvergenz, Band. 11. Berlin, Boston [de Gruyter] 2014, 174 Seiten, 79,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseBettina Muratović: Vorlesen digital. von Bonfadelli, Heinz in rezensionen:kommunikation:medien, 24. November 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17098
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Rezensent/in
Prof. Dr. Heinz Bonfadelli ist Ordinarius für Publizistikwissenschaft am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Mediennutzung und Medienwirkungen; Kinder, Jugendliche und Medien; Online-Kommunikation; Wissenschafts- / Umwelt- / Risikokommunikation sowie Medien und Migration.