Ricarda Drüeke: Politische Kommunikationsräume im Internet

Einzelrezension
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Rezensiert von Nina Springer

Politische Kommunikationsräume im InternetEinzelrezension
Laut “Medien und Migration“-Experte Reiner Geißler (Geißler 2010: 8) hat sich in Deutschland ein Paradigmenwechsel im öffentlichen Diskurs über Migration vollzogen: Aus dem Frame der unerwünschten Ausländer sei ein Diskurs über notwendige Migration und Integration entstanden. Die Dissertation von Ricarda Drüeke zeigt ergänzend, dass das allerdings nicht für alle gesellschaftlichen Kommunikationsräume gleichermaßen gilt.

Die Autorin beschäftigt sich mit politischen Kommunikationsräumen im Internet und verfolgt dabei zwei Zielsetzungen: Einerseits soll gezeigt werden, wie sich eine kommunikationswissenschaftliche Analyse von Online-Kommunikation theoretisch fundieren und systematisieren lässt. In der Anwendung einer solchen Systematisierung soll anschließend mithilfe einer quantitativen und qualitativen Inhaltsanalyse rekonstruiert werden, wie sich “die Online-Debatte über Arigona Zogaj im Internet im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Fragen der Identität, Teilhabe, Inklusion und Zugehörigkeit” gestaltet (15). Arigona Zogaj ist die Tochter einer aus dem Kosovo stammenden und aus Österreich ausgewiesenen Familie. Ihre Situation hatte große Aufmerksamkeit erregt. Anlass der Untersuchung ist die Diagnose, dass die Forschung zu politischen Internet-Öffentlichkeiten institutionelle AkteurInnen und punktuelle Ereignisse (z. B. Wahlkämpfe) zu sehr in den Fokus nimmt, zumeist hegemoniale Öffentlichkeiten untersucht werden und dadurch das kritische Potential des Internets und die Standpunkte marginalisierter Gruppen aus den Augen geraten (vgl. 13f.).

Die Studie wird in die Forschungstraditionen der Cultural und Gender Studies eingebettet. Als zentrale Bausteine des Theorierahmens dienen die Kategorien ‘Kultur’, ‘Identität’ und ‘Macht’, die mit den Konzepten ‘Raum’ sowie ‘Öffentlichkeit’, ‘Gegenöffentlichkeit’ und ‘Agonistische Öffentlichkeit’ verknüpft werden. Diese theoretische Fundierung ermögliche es, öffentliche “Raumrepräsentationen von Klasse, Ethnizität und Geschlecht und die daraus resultierenden Inklusions- und Exklusionsprozesse” zu analysieren und “auf ihre implizite Raumkonstruktion” zu hinterfragen (71). Die Autorin entwirft dabei ein Kategoriensystem der Analyseebenen politischer Kommunikationsräume im Internet, welches das “3-Ebenen-Modell” von Öffentlichkeit von Elisabeth Klaus (2001, 2006) erweitert. Dieses 3-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen einfachen, mittleren und komplexen Öffentlichkeiten und weist Parallelen zur Differenzierung von Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt auf (z. B. 1990, 1991; vgl. auch Neidhardt 1989). Ricarda Drüeke identifiziert schließlich fünf Kommunikationsräume: Das Internet als (1.) politischer Raum I: Institutionelle und staatliche Politik, (2.) politischer Raum II: Interessengruppen und soziale Bewegungen, (3.) Medienraum: Mediengesteuerte und medieninitiierte Online-Angebote, (4.) Diskussions- und Kommunikationsraum für Alltagsöffentlichkeiten: Politikforen, (5.) persönlicher Raum: Blogs und persönliche Homepages (vgl. 125ff.).

Die quantitativ inhaltsanalytisch erhobenen Daten zur Kommunikation in diesen Räumen bestätigen für die öffentliche Debatte über Arigona Zogaj, was auf Basis von Theorie und Forschungsstand vermutet werden konnte. Ein paar ausgewählte Befunde: Über zivilgesellschaftliche Formen politischer Kommunikation (z. B. Proteste oder Demonstrationen) wurde hauptsächlich von zivilgesellschaftlichen AkteurInnen selbst auf ihren Internetauftritten berichtet (vgl. 176). Web 2.0 Anwendungen, die Interaktivität ermöglichen, wurden jedoch nicht einmal von diesen AkteurInnen umfangreich eingebunden oder dialogisch genutzt (vgl. 177). Deutlich ausgeprägter sei der Einsatz interaktiver Formen im Medienraum bzw. im persönlichen Raum, da Online-Nachrichtenseiten und Blogs häufig mit Kommentarfunktionen ausgestattet sind. Während Zeitungsartikel überwiegend der Objektivitätsnorm gerecht werden und größtenteils deskriptiv sind, war in der Mehrzahl der analysierten Beiträge anderer Kommunikationsräume eine Bewertung im Sinne einer referierten Position erkennbar (vgl. 172f.). Die öffentliche Debatte um Arigona Zogaj lief im Großen und Ganzen jedoch sehr ereigniszentriert ab, was auch eine Analyse der Themenstrukturen zeigen kann (vgl. 183ff.).

Zentral scheint der Autorin allerdings ein Befund: Dass Arigona Zogaj vor allem das Objekt der Beiträge ist – ein Objekt, über das gesprochen werde, dessen Äußerungen aber nicht präsentiert werden (vgl. 187, 189, 191f.). Lediglich in Blogs und Online-Zeitungen wurden Zogajs Positionen zumindest teilweise dargestellt (vgl. 186ff.). Allerdings wird dabei nicht weiter reflektiert, dass Arigona Zogaj zum Zeitpunkt der intensiven öffentlichen Diskussion wohl zum Teil noch minderjährig oder gerade einmal volljährig war. Wie ausgiebig sollte eine junge Frau in diesem Alter öffentlich präsent sein?

Die qualitative Inhaltsanalyse einiger aus dem obigen Sample ausgewählten Online-Texte kristallisiert schließlich in einer anspruchsvollen Analyse zentrale Argumentationsstränge der öffentlichen Akteure aller Kommunikationsräume heraus und stellt diese einander gegenüber. Dabei wird deutlich, wie nationenzentriert in diesen Kommunikationsräumen (noch immer) gedacht wird und wie viel Populismus und Ausgrenzung in öffentlichen Alltagskommunikationen stattfindet. Ersichtlich wird aus der Analyse aber auch, wie sehr die Positionen und Thematisierungen teilweise voneinander abweichen. Die vorliegende Studie deutet erneut auf die Relevanz zivilgesellschaftlicher Zusammenschlüsse sowie von Blogs für die Produktion gegen-hegemonialen Inputs in öffentlichen Debatten hin (vgl. 238, 258).

Insgesamt ist die Argumentation der Arbeit gut nachvollziehbar. Sinnvoll eingesetzte Tabellen und Grafiken sowie Zusammenfassungen zum Abschluss von logischen Einheiten erleichtern LeserInnen darüber hinaus die Informationsverarbeitung. Der Theorieteil mutet jedoch ein wenig lehrbuchartig an, die Strukturierung nach AutorInnen und ihren Konzepten kann aber hilfreich sein, wenn das Buch als Nachschlagewerk dienen soll. Die Aufarbeitung der Framingforschung oder der Forschung zur Darstellung von Migration in den Medien hätte die Operationalisierung der quantitativen Inhaltsanalyse noch etwas besser vorbereiten können, hier und da hätte der empirischen Analyse auch ein wenig Transparenz nicht geschadet (z. B. fehlen Reliabilitätswerte für die quantitative Inhaltsanalyse und Signifikanzwerte für ausgewiesene Zusammenhangsmaße). In jedem Fall produziert das Dissertationsprojekt von Ricarda Drüeke interessante Befunde im Hinblick auf die Positionierungen und Argumentationen unterschiedlicher öffentlicher Akteure, vielfältige Denkanstöße sowie einen guten Überblick über die kritischen Forschungstraditionen und Denkschulen.

Literatur:

  • Geißler, H.: Mediale Integration von ethnischen Minderheiten. Der Beitrag der Massenmedien zur interkulturellen Integration. In: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Zur Rolle der Medien in der Einwanderungsgesellschaft. Bonn, 2010, S. 8-22. Online abrufbar unter http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07394-20100820.pdf
  • Gerhards, J.; F. Neidhardt: Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. Fragestellungen und Ansätze. Discussion Paper, FS III 90-101. Berlin [Wissenschaftszentrum für Sozialforschung] 1990.
  • Gerhards, J.; F. Neidhardt: Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. In: Müller-Doohm, S; K. Neumann-Braun (Hrsg.): Öffentlichkeit – Kultur – Massenkommunikation. Oldenburg [BIS] 1991, S. 31-89.
  • Neidhardt, F.: Auf der Suche nach »Öffentlichkeit«. In: Nutz, W. (Hrsg.): Kunst, Kommunikation, Kultur. Festschrift zum 80. Geburtstag von Alphons Silbermann. Frankfurt a. M. [Lang] 1989, S. 25-35.
  • Klaus, E.: Das Öffentliche im Privaten – Das Private im Öffentlichen. Ein kommunikationstheoretischer Ansatz. In: Hermann, F.; M. Lünenborg (Hrsg.): Tabubruch als Programm. Privates und Intimes in den Medien. Opladen [Leske + Budrich] 2001, S. 15-35.
  • Klaus, E.:  Von der Beschränktheit unserer Öffentlichkeitstheorien im europäischen Kontext. In: Langenbucher, W. R.; M. Latzer (Hrsg): Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel. Eine transdisziplinäre Perspektive. Wiesbaden [VS] 2006, S. 93-106.

Links:

Über das BuchRicarda Drüeke: Politische Kommunikationsräume im Internet. Zum Verhältnis von Raum und Öffentlichkeit. Bielefeld [transcript] 2013, 308 Seiten, 32,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseRicarda Drüeke: Politische Kommunikationsräume im Internet. von Springer, Nina in rezensionen:kommunikation:medien, 17. Oktober 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17083
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Rezensent/in
SpringerDr. Nina Springer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Journalismusforschung sowie Online-Kommunikation und Internet-Öffentlichkeit. Aktuell beschäftigt sie sich vor allem mit der Repräsentation von Konflikten und Perspektivenvielfalt in der Öffentlichkeit sowie mit dem Themenbereich „Medien und Migration“.