Jörg Ibach: Ästhetische Impulse der Netz-Kommunikation

Einzelrezension
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Rezensiert von Felicidad Romeo-Tejedor

Ästhetische Impulse der Netz-KommunikationEinzelrezension
Zentraler Gegenstand der vorliegenden Doktorarbeit ist die Frage, wie digitale Medien andere Gestaltungsfelder visuell beeinflussen: Es geht um die Übertragung von Internet-Ästhetik in die reale Welt, insbesondere in die Architektur. Erklärtes Ziel ist, “eine veränderte Wahrnehmungsfähigkeit visueller Strukturen im Sinne eines Neuen Sehens” (8) zu demonstrieren. “Neues Sehen soll als neue Kompetenz des Verstehens identifiziert werden. ” (ebd.) Hierzu erstellt Ibach “acht Sichtbarkeitsfiguren”: Pixelierung, Etikettierung, Rahmung, Freistellung, Filterung, Rekombination, Transparenzen, Luminanzen. Aus ihnen sucht der Autor Antworten auf designtheoretische Fragen zu finden, wobei er Designwissenschaft als Teil der Kommunikationswissenschaft ansieht (vgl. 185). Er folgt dabei dem Offenbacher Ansatz zur Produktsprache. Innerhalb dieses Modells zielt Ibach auf visuelle Formen, die in einer Bibliothek der Produktsprache zur Verfügung stehen könnten.

Im Theoretischen ist die Arbeit auf Foucaults Diskurs-Begriff aufgebaut. Die Sichtbarkeitsfiguren der Computer-Ästhetik sind nicht “im Bewusstsein beteiligter Individuen” (54) präsent – sollten es aber werden. Der Autor stellt zu Beginn die sehr interessante Frage nach dem Stellenwert der Sichtbarkeit gegenüber dem Diskurs. Er erwähnt eine Aussage Foucaults, wonach dieser sich vom Privileg des sprachlichen Diskurses entfernt, nachdem er Panofskys Ikonologie-Studien gelesen hatte (vgl. 16).  Diese Erwähnung verlegt Ibach leider nur in einen “Exkurs”, obwohl das Gewicht einer solchen Aussage das Zentrum seiner Untersuchung hätte sein können. Mehr noch, der Wert des Exkurses bleibt undeutlich, da die Diskurs-Methode gegenüber der Sichtbarkeit gar nicht eingegrenzt wird. Der Grund, warum Foucault den theoretischen Hintergrund liefern soll, wird also nicht klar ersichtlich.

Die Arbeit stellt in der Tat eine ehrgeizige und provokante Frage. Die Ausbeute ist allerdings etwas mager. Der Foucaultsche Überbau gegenüber den acht “Sichtbarkeitsfiguren” ist von erdrückender Ponderanz, denn diese“Sichtbarkeitsfiguren” sind Designern als inzwischen relativ triviale Effekte informatischer Programmiertechniken seit langem vertraut. Das versprochene “Neue Sehen” ist im Jahr 2014 längst zu anderen Formen übergegangen (die URLs wurden zuletzt 2010 aufgerufen). Die sprachliche Darstellung ist abstrakt; einfache Dinge werden in Nachahmung des Foucault’schen Sprachstils in Nebel gehüllt – mag sein, dass dies an der unvermeidlichen Dissertationsprosa liegt. Das illustrierende Bildmaterial entstammt zumeist Screenshots aus dem Internet. Leider ist die Druckqualität nicht geeignet, die visuelle Argumentation zu unterstützen. Das Bildmaterial ist durchweg ‘versuppt’, womit ein beträchtlicher Teil der visuellen Information verschwindet.

Noch ein paar technische Bemerkungen: Die angegebene Literatur enthält eine Reihe von Schwächen. Die Designwissenschaft ist im Wesentlichen nur durch den Offenbacher Ansatz vertreten. Der internationale designwissenschaftliche Diskurs fehlt völlig. Stattdessen wird eine Anzahl von Büchern angegeben, die Einführungen in Software-Pakete sind. Der Hauptteil der Referenzen bezieht sich auf URLs, darunter z. B. acht Eintragungen von Zugriffen auf ein Weblexikon: ITWissen.info. Aus dem Internet werden journalistische Arbeiten zitiert. Dies alles zeigt eine sehr verengte Recherche. Zu den Anmerkungen ist festzustellen, dass sie so redundant und raumgreifend Platz beanspruchen, dass der ‘Rahmen’ einer Doktorarbeit durch sie geradezu gesprengt werden könnte (vgl. bspw. 76f.).

Insgesamt enthält die Arbeit aber auch hin und wieder interessante Beobachtungen, so z. B. die Werbeaussage von BMW zur “undivided attention” bezüglich der Projektion von Instrumenten auf die Frontscheibe. Ibach stellt diesem nicht unproblematischen Beispiel die verteilte Aufmerksamkeit gegenüber, die bei kognitiven Orientierungsleistungen erforderlich ist.

Im Ganzen gesehen sind der Arbeit immer wieder kognitive Aspekte eingestreut, die dem Foucault’schen Diskurs-Ansatz die Aufmerksamkeit stehlen.

Links:

Über das BuchJörg Ibach: Ästhetische Impulse der Netz-Kommunikation. Eine designwissenschaftliche Betrachtung multimedialer Diskurse. Bielefeld [transcript Verlag] 2014, 232 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseJörg Ibach: Ästhetische Impulse der Netz-Kommunikation. von Romero-Tejedor, Felicidad in rezensionen:kommunikation:medien, 10. November 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17037
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Rezensent/in
Romero Prof. Dr. Felicidad Romero-Tejedor, Design digitaler Medien, FH Lübeck. Leiterin des Designlabors. Forschungsschwerpunkte: Digital Media, Cognition Design, designwissenschaftliche Grundlagen. Veröffentlichungen: Arte fractal. Estética del localismo (1998, mit H. van den Boom); Design. Zur Praxis des Entwerfens (2000, 2003, 2012, mit H. van den Boom); Der denkende Designer. Von der Ästhetik zur Kognition. Ein Paradigmenwechsel (2007); Was verpasst? Gespräche über Gestaltung (2011); Die semiotische Haut der Dinge (2013, mit H. van den Boom). Seit 1996 Organisation und Realisierung der Hochschulzeitschrift: Öffnungszeiten. Papiere zur Designwissenschaft.