Sonja A. J. Neef, Henry Sussman, Dietrich Boschung (Hrsg.): Astroculture

Einzelrezension
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Rezensiert von Jana Bruggmann

AstrocultureEinzelrezension
Während der sternenübersäte Himmel die menschliche Imaginationskraft bereits seit Jahrtausenden stimuliert, hat die Erforschung des Verhältnisses von Mensch und Weltraum gerade in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen, zumal in den Kultur- und Geschichtswissenschaften. Der Historiker Alexander Geppert, der den Begriff ‘Astrokultur’ ursprünglich eingeführt hat, subsumiert darunter die Analyse eines heterogenen Spektrums an Bildern und Artefakten, Medien und Praktiken, die alle darauf abzielten, dem Weltraum Bedeutung zuzuschreiben (vgl. Geppert 2012: 8).

Der jüngst erschienene Sammelband Astroculture wirft aus kulturwissenschaftlicher Perspektive erneut Fragen nach der Erforschung des größtenteils noch immer unerschlossenen Weltraums auf und konzentriert sich dabei auf Wechselwirkungen zwischen Formen medialer Repräsentation, kultureller Bedeutungszuschreibung und Wissenskonstituierung. Der Band, der aus der Tagung Astro-Morphomata. Sternenwissen und Weltbürgertum in Medien und Kultur an der Universität Köln hervorgegangen ist, versammelt Beiträge unterschiedlicher Disziplinen, die am Diskurs der Astrokultur teilhaben, und nähert sich dem breiten Untersuchungsfeld mit panoramaartigem Blick (vgl. 24).

Eröffnet wird der Band von Sonja A. J. Neef und Henry Sussman. Neef, die bedauerlicherweise vor dem Erscheinen dieses Bandes verstarb, spannt einen weiten Bogen, der sich von Galileo Galileis Sternenbote (1610) bis zur Mission der Apollo 17 (1972) erstreckt. Anhand von vier Fallbeispielen (Rainer Maria Rilke, Galileo Galilei, Victor Hugo, Apollo 17) entwirft Neef die These, nach der mit Galileis Blick durch das Fernrohr nicht nur die unendlichen Weiten des Universums entdeckt worden seien, sondern sich die Menschheit selbst – quasi im Umkehrschluss – als Bewohner eines Sterns im Weltraum erkannt habe. Doch so einleuchtend Neefs einleitende, an Hans Blumenberg angelehnte Überlegungen auch sein mögen, bleibt vorerst unklar, welche Relevanz diese für die nachfolgenden Beiträge des Bandes aufweisen (vgl. Blumenberg 1980). Weder werden von Neef und Sussman konkrete Fragen aufgeworfen, die ein klares Erkenntnisinteresse zu konturieren vermögen, noch wird der Begriff ‘Astrokultur‘ näher erörtert, um den es – laut Titel – in diesem Band jedoch gerade gehen soll.

Auf die Einleitung folgen zehn, teils auf Deutsch, teils auf Englisch verfasste Beiträge, die in vier Sektionen angeordnet sind. Die erste, ‘Wie Welt denken?’ beinhaltet Aufsätze von Gerd Grasshoff, Lucia Ayala und David Aubin. Während Grasshoff darauf abzielt, aus wissensgeschichtlicher Perspektive die Herkunft der von Ptolemäus verwendeten astronomischen Daten zu klären, befasst sich Ayala aus kunsthistorischer Perspektive mit dem Konzept der Pluralität der Welten bei Bernard le Bovier de Fontenelle, Juan Olivar und Bernard Picard. Dabei zeigt Ayla wie Fontenelles Entretiens sur la pluralité des mondes (1686) – illustriert von Olivar – ebenso wie Picards Reiseberichte im historischen Kontext der Aufklärung sowie der Entdeckungsreisen und den damit einhergehenden Begegnungen mit fremden Kulturen zu lesen sind. Aubin wiederum erörtert die Verbindungen zwischen Astronomie und Politik in Frankreich seit der französischen Revolution und arbeitet die enge Verbindung von sozialer und kosmischer Ordnung heraus.

Ähnlich heterogen präsentiert sich die zweite Sektion, die sich mediatisierten Welten widmet. Dietrich Boschung untersucht die kosmologischen Vorstellungen der Antike anhand kultureller Artefakte und stellt dabei heraus, dass mythologische und wissenschaftliche Kosmologien – ob konfliktfrei oder nicht, wird leider nicht deutlich – nebeneinander existierten. Während sich wissenschaftliche Kosmosentwürfe stets wandelten und miteinander konkurrierten, seien mythologische Vorstellungen und Repräsentationsweisen hingegen über Jahrhunderte hinweg erstaunlich konstant geblieben. Hans-Christian von Herrmann stellt das Projektionsplanetarium der Moderne ins Zentrum seiner Untersuchung und identifiziert dieses als Signum eines zunehmend technisch vermittelten Verhältnisses von Mensch und Kosmos. Es folgt eine, von Bruce Clarke unternommene, Analyse der Gaia-Hypothese. Clarke rekonstruiert die Hintergründe der Namensgebung ‘Gaia‘, untersucht die Rezeptionsgeschichte der von Lynn Margulis und James Lovelock in den 1960er-Jahren entwickelten Theorie und bringt sie mit dem Whole Earth Catalog (1968) der Weltraumfotografie Earthrise (Apollo 8, 1968) sowie mit systemtheoretischen Ansätzen in Verbindung. Er resümiert, dass Ansätze der Gaia-Hypothese auch heute in Programmen der NASA zu finden seien, die mythologisch aufgeladene Bezeichnung jedoch gemieden und stattdessen durch neutralere Begriffe wie ‘Astrobiology‘ ersetzt werde.

Umfassen die ersten zwei Sektionen drei Beiträge, enthalten die dritte (‚Mögliche Welten‘) und vierte (‚Meta (Astro) Physik‘) nur noch jeweils zwei Aufsätze. Neef untersucht kosmopolitische Konzepte von Jacques Derrida und dem Künstler Ingo Günther. Bei beiden lasse sich ein kosmopolitischer Imperativ erkennen, der nicht einfach einen Ist-Zustand beschreibe, sondern den Erdplaneten im Modus des Imperativs gerade erst erzeuge (vgl. 145-147). Monika Bernold wiederum führt dem Leser eine Fülle von Interpretions-, Rezeptions- und Vermittlungsformen von Sonnenfinsternissen vor Augen und bewegt sich dabei im Spannungsverhältnis von naturwissenschaftlich-technischer und ritualisiert-mythischer Weltanschauung. Patricia Pisters hingegen analysiert die Filme 2001: A Space Odyssey (Stanley Kubrick, 1968), The Tree of Life (Terrence Malick, 2011) und The Fountain (Kent Williams, 2005). Nach Pisters habe Kubrick das Science-Fiction-Genre auf ein neues, methaphysisches Level gehoben. Sie bezeichnet die drei Filme als neuronale Landschaften oder ‘neuro-images‘ und schlussfolgert, “that they have transformed the extensive conquest of Outer Space, into an intensive relation with the Cosmos as Inner Space (the brain world)“ (193). Abschließend begibt sich Henry Sussman auf eine weitschweifige Suche nach Astrofigurationen im Talmud, der Literatur der Moderne, dem Film und dem Hollywood Boulevard.

Welche Synthese lässt sich nun aber am Ende der Lektüre aus diesen höchst disparaten Beiträgen ziehen? Zum einen – und so lässt sich ein Rückbezug auf die Einleitung herstellen – mag Bruce Clarkes Aussage “No matter how far we look out and listen beyound our world, in those very acts we also re-turn to and reobserve ourerselves“ (139) dazu dienen, die Beiträge zu verknüpfen. Denn Welt- und Weltraumbilder präsentieren sich bandübergreifend als korrelierend. Dies lässt wiederum die Schlussfolgerung zu, dass die eigentliche und epochenübergreifende Problemstellung im Verhältnis von Mensch und Kosmos im gegenseitigen Austarieren von Welt- und Weltraumentwürfen besteht. Der Fokus auf das Mediale macht zum anderen deutlich, wie grundlegend Beobachtungs- und Repräsentationstechniken unser Bild vom Kosmos prägen und dass dieses Bild auch heute noch aus einem Amalgam von Imaginiertem und Faktischem besteht. Es ist dies zudem ein Bild, das sich im Laufe der Geschichte allmählich von einem geozentrisch-endlichen Kosmosverständnis zu einer “Erkenntnis der planetarischen Prekarität der Erde“ (163) im unendlichen All gewandelt hat. Gleichwohl verweist der interdisziplinäre Ansatz einmal mehr nicht allein auf die Potentiale des Begriffes ‘Astrokultur‘, sondern auch auf die Heterogenität der Perspektiven, Methoden und Untersuchungsgegenstände, die sich darunter subsumieren lassen.

Anstatt Begriffe zu schärfen und Querbezüge zwischen den einzelnen Beiträgen herauszuarbeiten, eröffnet der gut 230 Seiten umfassende Band ein breites Spektrum an Zugängen, die weder eine gemeinsame Fragestellung verfolgen noch zeitlich, geografisch oder methodisch auf einen Nenner zu bringen sind – ein Problem, das auch das Nachwort nur bedingt zu lösen vermag. So bleibt die Beantwortung der Frage, was die Herausgeber unter dem Begriff der Astrokultur letztlich genau verstehen und was dieser als kulturwissenschaftliche oder medientheoretische Analysekategorie zu leisten vermag, trotz der größtenteils innovativen und fundierten Einzelbeiträge, am Ende dem Leser überantwortet.

Literatur:

  • Blumenberg, Hans (Hrsg.): Galileo Galilei. Sidereus Nuncius. Nachricht von neuen Sternen. Frankfurt am Main [Suhrkamp Taschenbuch] 1980.
  • Geppert, Alexander C. T.: European Astrofuturism, Cosmic Provincialism. Historicizing the Space Age. In: ders. (Hrsg.): Imagining Outer Space: European Astroculture in the Twentieth Century. Basingstoke [Palgrave Macmillan] 2012, S. 3-24.

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Über das BuchSonja A. J. Neef, Henry Sussman, Dietrich Boschung (Hrsg.): Astroculture. Figurations of Cosmology in Media and Arts. München [Wilhelm Fink] 2014, 244 Seiten, 29,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseSonja A. J. Neef, Henry Sussman, Dietrich Boschung (Hrsg.): Astroculture. von Bruggmann, Jana in rezensionen:kommunikation:medien, 17. November 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/17018
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Rezensent/in
Jana BruggmannJana Bruggmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Emmy Noether-Forschergruppe Die Zukunft in den Sternen. Europäischer Astrofuturismus und außerirdisches Leben im 20. Jahrhundert an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Weltraumvisualisierungen, Space History, Transhumanismus, Kunstgeschichte und Ausstellungswesen. Sie schloß 2009 den Masterstudiengang „ausstellen & vermitteln“ an der Zürcher Hochschule der Künste ab, absolvierte ein wissenschaftliches Volontariat am Kunsthaus Zug und kuratierte mehrere Ausstellungen in der Schweiz.