Jörg Helbig, Arno Rußegger, Rainer Winter (Hrsg.): Visuelle Medien

Einzelrezension
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Rezensiert von Patrick Rupert-Kruse

Visuelle MedienEinzelrezension
Zurzeit könnte man von einer Blüte der medien-, kommunikations- oder allgemein bildwissenschaftlichen Publikationen sprechen, die das statische oder bewegte Bild als visuelles Kommunikat ins Zentrum ihrer Untersuchungen rücken. Während dort jedoch bisher eher Fragen nach dem Bild-Sein, nach den unterschiedlichen Methoden zur Erforschung visueller Kommunikation oder den speziellen Rezeptionsmodi des Visuellen behandelt wurden, scheint jetzt vermehrt die “kulturelle Konstruktion des Visuellen” (9) in den Fokus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu geraten. Das kann nur positiv bewertet werden, da auf diese Weise Verknüpfungen von Visualität, Kultur und Gesellschaft analysiert und so die kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen des Visuellen aufgezeigt werden können. Daher erscheint es nur logisch, dass sich der vorliegende Band Visuelle Medien an dem proklamierten visual, iconic oder pictorial turn orientiert, um sich kulturwissenschaftlich mit diesem Phänomen zu auseinanderzusetzen.

Hintergrund für diese Publikation ist die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Visuelle Kultur/Bild- und Filmwissenschaft, die im Sommer 2005 an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ins Leben gerufen wurde. Nach einer zweijährigen Anlaufphase kam es im Jahre 2008 zu einem Relaunch unter der Bezeichnung Arbeitskreis Visuelle Kultur (AVK) und zu einer stärkeren Institutionalisierung des Arbeitskreises.

Der vorliegende Sammelband stellt nun ausgewählte Beiträge aus den vergangenen Ringvorlesungen der Arbeitsgemeinschaft vor und begründet damit zugleich die Buchreihe Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur, die zur wissenschaftlichen Diskussion auf diesem Gebiet beitragen soll. Dafür versammelt dieser erste Band elf Autorinnen und Autoren, die anhand verschiedener Medien zeigen, wie komplex das Verhältnis von Wirklichkeit und visueller Vermittlung und wie zentral es für das Verständnis unserer Welt ist.  Im Fokus stehen dabei u. a. folgende Fragen: Wie und in welchen Kontexten entstehen Bilder? Wie werden sie konsumiert und rezipiert? Welche gesellschaftlichen Funktionen üben sie aus?

Einführend werden diese Fragen in den Beiträgen ‘Visual turn und Visual Culture Studies’ von Matthias Wieser und in ‘Bildwahrnehmung und die Arbeit des Unbewussten. Zur Psychoanalyse des Visuellen’ von Axel Krefting aufgegriffen. Wieser analysiert in seinem Artikel die Herausbildung der Visual Culture Studies und nähert sich dieser Disziplin über den pictorial und iconic turn von William J. T. Mitchell und Gottfried Boehm. Während es Mitchell vor allem um die Verschränkung von Ideologiekritik und Ikonologie geht – also um visuelle Wahrnehmung als “sozialisiertes und kultiviertes Sehen” (15) –, widmet sich Boehm vorrangig der spezifischen Logik der Bilder. Ihm geht es damit um eine Abgrenzung des Bildlichen vom Schriftlichen. Diese beiden Aspekte, beschreibbar als ein Zusammenwachsen der Cultural Studies mit den Bildwissenschaften, können als Kern der Visual Culture Studies identifiziert werden: “Es geht um die Rolle, Bedeutung und Funktion des Bildlichen für Kultur und Gesellschaft” (22). Doch da dieser Anspruch medienübergreifend formuliert wird (und formuliert werden muss), ist es wichtig, “Visualität nicht isoliert zu betrachten” (26), sondern innerhalb der unterschiedlichen modalen und medialen Kontexte der Bilder.

Kreftings Ausführungen schließen daran an, und er arbeitet über den psychoanalytischen Ansatz die Differenz zwischen alltäglicher und ästhetischer Bildwahrnehmung heraus, um Bildrezeption als produktive und prozessuale Form ästhetischer Wahrnehmung zu beschreiben. Dafür verweist er auf die Ähnlichkeit psychoanalytischer und kunstgeschichtlicher  Bildkonzepte, da beide “in die Tiefe der Bildbedeutungen eindringen” (32), allerding jede mit eigenen methodologischen Zugängen. Vor allem die Notwendigkeit und Wirkmächtigkeit innerer Bilder – sowohl als Grundlage für jede Wahrnehmung  als auch in Form von Vorstellungen oder Träumen – und die Tatsache, dass diese Bilder sich in kulturellen Bildprodukten manifestieren, sind es hier, welche die psychoanalytische Lesart geradezu herausfordern: “Die Psychoanalyse bereichert die profunden, aus der Kunstgeschichte stammenden Bildkonzepte und Bilddiskurse durch ihren Erkenntnisgegenstand des Unbewussten. Dieses ist in ihrer Perspektive […] eine Ablagerungsstätte […] kollektiver, historischer, unerkannt fortlebender Ursprünge, welche auf das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln der Menschen einwirken” (68).

Neben diesen eher theoretischen und überblicksartigen Einführungstexten geht der überaus interessante Beitrag ‘First Impressions. Zur Bedeutung des ersten Bildes in Spielfilmen’ von Jörg Helbig exemplarischer vor. Helbig untersucht das erste Bild – verstanden als tatsächliches Einzelbild – beispielhafter Filme auf dessen Funktion bzw. Bedeutung, da er davon ausgeht, “dass das erste Bild eine bestimmte Information über den folgenden Film beinhaltet” (75). Dafür postuliert er drei Basiskategorien, in welche er die jeweiligen Bilder einordnet: “Das neutrale Bild”, “Das einführende Bild” und “Das kommentierende Bild”. Während der erste Typus – wie etwa in Die Hard (1988) oder Dirty Dancing (1987) – inhaltlich unverbindlich bleibt, fungiert der zweite Bildtyp als Exposition, siehe The Third Man (1949) oder Psycho (1960); der dritte Typus kommentiert schließlich auf symbolischer Ebene das Filmgeschehen, wie es in Independence Day (1996) oder The Descent (2005) der Fall ist. Dies ist durchaus einleuchtend, wenn auch nur mit Einschränkungen, wie der Autor selbst feststellt, schließlich “ist und bleibt der Film seinem Wesen nach ein dynamisches Medium“ (91), dessen Analyse bei der einzelnen Einstellung als kleinste bedeutungstragende Einheit des Film ansetzen sollte und nicht bei Einzelbildern, die nicht als semantische Einheiten angesehen werden können. Dennoch zeigt der Beitrag, dass das Vorgehen der Expositionsanalyse hohes Erkenntnispotential in sich trägt.

Besonders hervorzuheben ist der Beitrag ‘Light vs. Dark. Eine visuelle Analyse der Bedeutung von Hautfarbe in der afroamerikanischen Zeitschrift Ebony’ von Simone Puff, da die hier durchgeführte Analyse der Zusammenhänge von visueller Repräsentation und Kultur zentral sind. Puff analysiert, wie Hautfarbe in den Artikeln und den dazugehörigen Bildern der afroamerikanischen Monatszeitschrift Ebony “auf einer Metaebene problematisiert wird und welche visuellen Diskurse sich um das Thema ranken“ (210). Als wichtigster Marker hierfür wird die Hautfarbe und deren Pigmentierungsspektrum gesehen, auf dem ein gewisses Kastensystem aufbaut. Bilder sind in diesem Kontext als “ideologische Wissensträger“ (217) anzusehen. Somit wird der Schwerpunkt der Analyse auf die visuelle Darstellung von Hautfarbe und deren Bedeutung gelegt. Puff kommt schließlich zu dem Schluss, dass der “Einfluss des weißen Herrschaftssystems“ (230) die visuelle Repräsentation von Hautfarbe auch innerhalb der afroamerikanischen Gesellschaft zu bestimmen scheint.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im vorliegenden Sammelband recht unterschiedliche Positionen zusammenkommen, als deren kleinsten gemeinsamen Nenner die Herausgeber in ihrer Einleitung “eine Orientierung an Forschungsfragen der Visuellen Kultur“ (12) identifizieren. Und es fällt tatsächlich auf, dass man es hier nur vermeintlich mit einem kohärenten Ganzen zu tun hat. In der vorliegenden Publikation finden sich neben den einführenden Artikeln auch solche, die sich beispielsweise verstärkt mit der visuellen oder narrativen Komponente von Filmen beschäftigen, welche sich nicht zwingend mit kulturellen Aspekten verknüpfen lassen muss. Andere wiederum verknüpfen ihre Analysen des Visuellen konkret mit der grundlegenden Trias race, class, gender der Cultural Studies. Besonders in diesen Texten wird deutlich, was den Kern der Visual Culture Studies ausmacht, nämlich das Verständnis von Bildern als kulturelle Phänomene – als Konstruktions-, Vermittlungs- und Steuerelemente von Kultur. Und obwohl eine solche Fokussierung – besonders für orientierungsbedürftige Neulinge auf diesem Gebiet – sicher hilfreich gewesen wäre, erfüllt dieser erste Band der “Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur” doch seinen selbst zugeschriebenen Auftrag und eröffnet “einen Überblick über wesentliche Konzepte des Visuellen in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen” (12).

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Über das BuchJörg Helbig, Arno Russegger, Rainer Winter (Hrsg.): Visuelle Medien. Reihe: Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur, Band 1. Köln [Herbert von Halem] 2014, 260 Seiten, 28,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseJörg Helbig, Arno Rußegger, Rainer Winter (Hrsg.): Visuelle Medien. von Rupert-Kruse, Patrick in rezensionen:kommunikation:medien, 30. September 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16990
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Rezensent/in
Prof. Dr. Patrick Rupert-Kruse ist Inhaber der Professur für Medientheorie und Immersionsforschung am Fachbereich Medien der Fachhochschule Kiel; er ist Leiter des Instituts für immersive Medien (ifim), stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für interdisziplinäre Bildwissenschaft (GiB), verantwortlicher Redakteur des Jahrbuches immersiver Medien und Managing Editor des Yearbook of Moving Image Studies (YoMIS). Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind: Theorie immersiver Medien, Medientheorie und -philosophie, Medienwirkungsforschung, Bewegtbildwissenschaft