Roland Adrowitzer, Ernst Gelegs: Schöne Grüße aus dem Orbán-Land

Einzelrezension
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Rezensiert von Nora-Sophie Eschbach

Schöne Grüße aus dem Orbán-LandEinzelrezension
In der Berichterstattung der letzten Monate und Jahre wird immer wieder der Wandel Ungarns von einem Musterland in Osteuropa, von einem Beispiel für die Irreversibiltät von politischen Veränderungen hin zur Demokratie zu einem abschreckenden Exempel ganz anderer Art beschrieben. Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit, politisch motivierte Entlassungen und Vertreibungen, Angriffe und Übergriffe auf Minderheiten, gravierende Eingriffe in die Verfassung und Gesetzeslage: Die Liste der bedenklichen Entwicklungen erscheint erschreckend lang. Wie ist die Situation in Ungarn wirklich einzuschätzen?

Die beiden Autoren Roland Adrowitzer und Ernst Gelegs zeichnen in ihrem Buch Schöne Grüße aus dem Orbán Land. Die rechte Revolution in Ungarn ein klares und analytisch scharfes Bild der poltischen Lage. Neben einer fundierten Kenntnis der wesentlichen Faktoren, Stereotype und Gegebenheiten in Ungarn werfen die beiden Autoren auch einen Blick nach Brüssel und verfassen mit ihrem Werk eine Warnung für die gesamte Europäische Union.

Das Buch beginnt mit dem 25. April 2010, dem spektakulären Wahlsieg für Viktor Orbán und die nationalkonservative Partei Fidesz (ein Akronym aus ihrem ursprünglichen Namen “Fiatal Demokraták Szövetsége” – Bund junger Demokraten). Mit der Beschreibung des triumphierenden Viktor Orbán in der feiernden Menschenmenge wird von den ersten Zeilen des Buches an der Personenkult um Orban herausgearbeitet. Ausgehend von der orbán’schen Biographie und der Beschreibung des politischen Kampfes zwischen ihm und dem Sozialisten Péter Medgyessy, wird dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang des Landes Ende der 90er Jahre der Aufstieg und Machtrausch der Partei Fidesz gegenübergestellt.

In Auseinandersetzung mit der politischen Karriere des mehrfachen ungarischen sozialistischen Regierungschefs Ferenc Gyurcsány wird das Jahr 2006 mit der Veröffentlichung der brisanten parteiinternen Rede ins Zentrum gestellt. In dieser Rede, die bei einem nicht-öffentlichen Parteitreffen gehalten wurde, gab Gyurcsány offen zu, die Bevölkerung belogen zu haben, um die Wahlen zu gewinnen. Noch vor dem Wahltag gelangte ein Mitschnitt der Rede an die Öffentlichkeit. Dies führte zu weitreichenden politischen Unruhen, einer Glaubwürdigkeitskrise der amtierenden Regierung und wird zum abschreckenden Beispiel für die Verrohung der Umgangsformen. Den Niedergang der Regierung, entstehende Protestbewegungen, Ausbrüche von Gewalt, rechtsradikale Hetze und das große politische Comeback von Viktor Orbán beschreiben die beiden Autoren eindrücklich.

Von den weltweiten Auswirkungen der Finanzkrise 2008, über die Europawahlen 2009 im Bezug auf die Position von Viktor Orbán bis hin zum Erstarken der rechtsradikalen Jobbik Partei (jobb ungarisch für “besser” aber auch “rechts“) liefert des Buch sehr informative Einblicke in eine ungarische Chronologie des Schreckens. Schwerpunkte liegen dabei auf Ungarns Auseinandersetzung mit der Europäischen Union, der unorthodoxen Wirtschaftspolitik sowie umstrittenen Verfassungsänderungen und Restriktionen der Medienfreiheit. Aus eigener beruflicher Erfahrung schildern die Autoren die Einschränkungen, Regelungen und Kontrollmöglichkeiten durch die Regierung. Auch der Zusammenbruch der Gewaltenteilung, der Freiheitsverlust und der Abbau der demokratischen Kontrollinstanzen werden einprägsam beschrieben.

Das europaweit restriktivste Mediengesetz ermöglicht es der Regierung, kontrollierend und manipulierend in die Medienlandschaft einzugreifen. So werden beispielsweise Sperrungen der Sendefrequenzen für oppositionelle Radiosender wie Klubrádio vorgenommen oder Auftrittsverbote für Künstler ausgesprochen. Zahlreiche Entlassungen in der Kultur- und Medienbranche bilden eine zusätzliche Kontrollmaßnahme der Regierung über öffentlich-rechtliche Medien.

Sehr aufschlussreich sind die anschließenden Brüssel-Gespräche, unter anderem mit dem ungarischen Botschafter bei der Europäischen Union Peter Györkös, dem österreichischen sozialdemokratischen Europapolitiker Hannes Swoboda, dem Fidesz Abgeordneten György Schöpflin, dem EU-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit oder dem EU-Kommisar Johannes Hahn, die einen differenzierten Blick auf die ungarische Situation, die Politik Viktor Orbáns und die (zukünftigen) Aufgaben der Europäischen Union erlauben.

Das kurz vor den Wahlen erschienene Buch erläutert in einem sehr verständlichen, eindringlichen und teilweise anekdotenhaften Stil die Dramatik des wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Zerfalls. Die Autoren prognostizierten Orbáns Bestätigung im Amt bei den Wahlen im April 2014. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Bericht und die Gründe für den Macherhalt Orbáns ernst genommen und die direkten Zusammenhänge mit der EU-Politik nicht unterschätzt werden.

Links:

Über das BuchRoland Adrowitzer, Ernst Gelegs: Grüße aus dem Orbán-Land. Die rechte Revolution in Ungarn. Wien u.a. [Styria Premium] 2013, 208 Seiten, 24,99 €.Empfohlene ZitierweiseRoland Adrowitzer, Ernst Gelegs: Schöne Grüße aus dem Orbán-Land. von Eschbach, Nora-Sophie in rezensionen:kommunikation:medien, 18. August 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16898
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Rezensent/in
Nora EschbachNora-Sophia Eschbach studiert an der Universität Wien Politikwissenschaft und Philosophie mit Schwerpunkten auf dem Strukturwandel der Gesellschaft und möglicher Formen verantwortungsvoller Mediennutzung sowie politischer Prozesse in (ehemals) sozialistisch geprägten Gesellschaften. Sie ist Herausgeberin des kommunikationswissenschaftlichen Grundlagenbuches "Bausteine der Kommunikationswissenschaft“ (Könighausen & Neumann 2012) sowie Übersetzerin der Aufsatzsammlung "Liberalismuns und gesellschaftliches Handeln" (Mohr Siebeck 2010) des bedeutenden amerikanischen Philosophen John Dewey.