Werner Früh, Felix Frey: Narration und Storytelling

Einzelrezension
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Rezensiert von Herbert Flath

Narration und StorytellingEinzelrezension
Der Begriff Storytelling wird heute in PR und Marketing geradezu inflationär verwendet. Zugleich bleibt meist unklar, was genau damit gemeint ist. Auch in den Journalismus hat der Begriff Eingang gefunden und steht je nach Kontext für das Schreiben guter Reportagen, das kanalübergreifende Weiterspinnen eines thematischen Fadens oder das Auflockern trockener Nachrichten durch erzählerische Elemente. Vor allem um diesen letzten Aspekt geht es im Werk von Früh und Frey: Der theoretische Unterbau fokussiert auf die journalistische Politikberichterstattung, auch wenn die dokumentierten Experimente teilweise darüber hinausgehen. Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel, von denen sich fünf mit je eigenständigen empirischen Studien von Früh und Frey sowie einer Gastautorin beschäftigen.

Ähnlich konfus wie in der Kommunikationspraxis ist das Begriffsverständnis in der Wissenschaft. Hier wird Storytelling meist als Synonym für Narrativität und Narration (Erzählung) verwendet, wobei bis heute keine allgemein akzeptierte Definition existiert: “There are almost as many definitions of narrative as there are narrative scholars” (Costabile/Klein 2008: 421). Früh und Frey nehmen sich dieses Problems im ersten Kapitel in Form einer Inhaltsanalyse von Zeitschriftenpublikationen zum Thema Narrationen an. Leider wurden nur Veröffentlichungen zwischen 1997 und 2006 untersucht, sodass eine Übertragung der Ergebnisse auf den aktuellen Stand nicht ohne Weiteres möglich ist. Die Analyse zeigt: Rund die Hälfte der Fachbeiträge enthält keine Definition des Forschungsgegenstandes. Die vorhandenen Definitionen wiederum zeichnen sich durch eine hohe Dispersität aus: Nur ein einziges Merkmal – das Ereignis – wird in mehr als zehn Prozent der Veröffentlichungen genannt.

Konkret für den Journalismus schlägt Werner Früh im zweiten Kapitel eine normativ begründete Unterscheidung zwischen zwei narrativen Prototypen vor. Unterscheidungskriterium ist die Angemessenheit der narrativen Darstellung. Als legitime Form betrachtet er die journalistische Narration, die sich durch das gezielte Betonen und Herausarbeiten einer ohnehin im Gegenstand der Berichterstattung enthaltenen Narrativität auszeichnet (es geht also im Kern um handelnde Menschen). Dysfunktional und zu vermeiden sei hingegen das Storytelling, welches durch ein künstliches Hinzufügen von Erzählelementen bei eigentlich nicht-narrativen, eher abstrakten Themen gekennzeichnet ist. Diese Differenzierung erscheint im Rahmen der Medieninhaltsforschung plausibel und sie leistet einen Beitrag, die Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern narrativer Formate in der Berichterstattung zu rationalisieren.

Felix Frey stellt sich in Kapitel 3 der Herausforderung, das unübersichtliche Feld der Experimentalstudien zu narrativen Wirkungen disziplinübergreifend zu kartographieren. Diese interdisziplinäre Perspektive sowie die sehr exakte Katalogisierung der Studien inklusive verwendeter Definitionen und Details zur Versuchsanordnung verdient Anerkennung. Allerdings entschließt sich Frey aus forschungspragmatischen Gründen dazu, die Auswahl der Studien an die explizite Nennung von Narrativität (sowie Narration, Erzählung, Geschichte) als unabhängige Variable zu knüpfen. Das hat einerseits zur Folge, dass Studien aufgrund abweichender Begriffe (z.B. “Exemplars”, “Anecdotal Evidence”) nicht berücksichtigt werden, obwohl die Versuchsanordnung nahezu identisch mit im Überblick enthaltenen Studien ist. Andererseits führt es dazu, dass Studien erfasst werden, die zwar gleiche Begriffe verwenden, sich aber mit unterschiedlichen Gegenständen befassen (vgl. Flath 2013: 219-222; vgl. Taylor/Thompson 1982: 173). Dieser letztgenannten Tatsache ist sich Frey durchaus bewusst. Trotzdem differenziert er im an sich gut aufbereiteten Überblick der Befunde nicht.

Die weiteren Kapitel behandeln jeweils eigenständige empirische Studien der Autoren. Bei den Kapiteln 5 und 6 handelt es sich um Experimente zur Untersuchung der Effekte narrativer Darstellungsformen anhand von TV-Beiträgen. Bemerkenswert ist Kapitel 4, das inhaltsanalytisch untersucht, welche Rolle narrative Formen überhaupt in der politischen Berichterstattung spielen. Bisher existierten hierzu lediglich Anhaltspunkte aus Studien, deren Fokus nicht auf Narrativität lag. Das Ergebnis: In 90 Prozent aller untersuchten Beiträge (nur politische Inhalte, TV und Print) fanden sich narrative Elemente. In der Mehrzahl der Fälle handelte es sich um legitime, also nicht verfälschende Narrativität. Immerhin zwölf Prozent aller untersuchten Darstellungselemente gehörten aber dem aus normativer Sicht illegitimen Storytelling-Typus an. Einen interessanten Abschluss des Buches und zugleich eine neue Perspektive bietet Jette Blümler mit einer Studie zur Wirkung von Re-enactments in Geschichtsdokumentationen, also nachgespielten Szenen historischer Ereignisse.

Zu kritisieren an Narration und Storytelling sind eine mitunter überzogene Komplexität (z. B. Ausdifferenzierung unzähliger Subtypen narrativer Darstellungen) und die teils starken Redundanzen sowohl zwischen als auch innerhalb von Kapiteln. Zugleich handelt es sich aber um eine Publikation, die sich durch die interdisziplinäre Perspektive und einen umfangreichen und einordnenden Literaturüberblick zur Einführung in die Thematik Storytelling im Journalismus gut eignet. Auch für Experten ist die Rezeption lohnenswert: Das Werk zeichnet sich durch eine hervorragende Dokumentation der empirischen Studien von der Operationalisierung bis zur statistischen Analyse aus, die viele Publikationen zum Thema sonst vermissen lassen. Zudem liefert es theoretische Ansätze und empirische Ergebnisse, die eine wichtige Erweiterung des Forschungsstandes darstellen und interessante Ausgangspunkte für weitere Forschung liefern.

Literatur:

  • Costabile, K.; S. Klein: Understanding and predicting social events: The effects of narrative construction on inference generation. In: Social Cognition, 3, 2008, S. 420-437.
  • Flath, H.: Storytelling im Journalismus. Formen und Wirkungen narrativer Berichterstattung. Ilmenau [Digitale Bibliothek Thüringen] 2013. Open Access: www.db-thueringen.de/servlets/DocumentServlet?id=22553
  • Taylor, S.; S. Thompson: Stalking the elusive “Vividness”effect. In: Psychological Review, 2, 1982, S. 155-181.

Links:

Über das BuchWerner Früh, Felix Frey: Narration und Storytelling. Theorie und empirische Befunde. Reihe: Unterhaltungsforschung, Band 10. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2014, 412 Seiten, 36,- Euro.Empfohlene ZitierweiseWerner Früh, Felix Frey: Narration und Storytelling. von Flath, Herbert in rezensionen:kommunikation:medien, 30. August 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16870
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Rezensent/in
Herbert Flath Dr. Herbert Flath ist ausgebildeter Journalist und promovierte 2013 an der TU Ilmenau. Er arbeitet in Berlin als Kommunikationsforscher für die Strategieberatung .companion. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Medienwirkungsforschung, Storytelling, Social Media, PR und digitale Markenführung.