Ulla Carlsson (Hrsg.): Freedom of Expression Revisited

Einzelrezension
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Rezensiert von Christopher Starke

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Gut informierte Bürger, das Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit sowie freie und unabhängige Medien gelten aus normativer Sicht als zentrale Voraussetzungen für Demokratie. Die Digitalisierung verändert jedoch Mediensysteme, politische Regularien sowie global agierende Unternehmen grundlegend. Fragen zu Meinungs- und Medienfreiheit sind daher heute relevanter und komplexer denn je. Die Digitalisierung bietet gleichermaßen Chancen für Medienfreiheit, indem staatliche Informationsmonopole aufgebrochen werden, und Risiken aufgrund neuer Formen von politischer Zensur, Überwachung und Kontrolle im Internet.

Der Sammelband Freedom of Expression Revisited von Ulla Carlsson geht der Frage nach, wie sich Journalismus durch die Digitalisierung verändert und welche Auswirkungen diese Entwicklung auf Meinungsfreiheit als grundlegendes Menschenrecht hat. Das Buch wurde von NORDICOM (Nordic Information Center for Media & Communication Research) veröffentlicht und entstand aus einer Kollaboration skandinavischer Forscher.

Das Buch besteht aus zwei Teilen mit insgesamt zehn Beiträgen. Der erste Teil, ‘Views from a Nordic Horizon’, analysiert Meinungsfreiheit in den skandinavischen Ländern, die in sämtlichen Rankings zu Pressefreiheit die Spitzenplätze belegen. Rønning beschreibt anhand empirischer Daten die zum Teil widersprüchlichen Einstellungen der Bürger in Norwegen zur Medienfreiheit. Kuneluis‘ theoretischer Beitrag betrachtet aus historisch-philosophischer Sicht verschiedene Aspekte von Öffentlichkeit. Er verweist nicht nur auf den Wandel von Meinungsfreiheit im Kontext von Mediatisierung, sondern unterscheidet zudem zwischen liberalen (Bentham) und republikanischen (Kant) Sichtweisen auf Öffentlichkeit. Nordenstreng dekonstruiert Mythen über das Verständnis von Freiheit im Liberalismus. Hierzu analysiert er drei zentrale Dokumente zur Sicherung der Meinungsfreiheit: Millennium Declaration (2000), Universal Declaration of Human Rights (1948), Constitution of UNESCO (1945). Im vierten Kapitel diskutiert Krumsvik in Anlehnung an Hallin und Mancini kritisch den Wandel des norwegischen Mediensystems vom ‘demokratisch-korporatistischen Modell’ hin zum ‘liberalen Modell’. Eide untersucht den öffentlichen Diskurs in den norwegischen Medien im Zusammenhang mit dem Terroranschlag von A.B. Breivik im Juli 2011. Jørgensen gibt einen detaillierten Überblick über nationale und internationale Gesetzgebungen zur Informationsfreiheit.

Der zweite Teil des Sammelbands, ‘Views from a Global & European Horizon’, nimmt eine transnationale Perspektive ein. Rikke Frank Jørgensen diskutiert Meinungsfreiheit als Menschenrecht im digitalen Zeitalter. Sie geht dabei u. a. auf Zensur im Internet und die Rolle von Suchmaschinen als Gatekeeper ein. Berger beschreibt die Versuche der UNESCO Meinungsfreiheit zu konzeptualisieren. Auf Basis der ‘World Trends Study’ hebt er vier zentrale Kategorien hervor: Medienfreiheit, Pluralismus, Unabhängigkeit und Sicherheit. Horsely vertieft in seinem Beitrag den Aspekt Sicherheit und diskutiert die Rolle und Programme des Europarats, der OSZE und der UN um Journalisten global zu schützen. Celsing analysiert abschließend Meinungsfreiheit in der Europäischen Union. Dabei verweist sie auf Maßnahmen und Versäumnisse der verschiedenen Institutionen in Bezug auf Sicherheit und Datenschutz.

Die Einleitung der Herausgeberin bietet einen gelungenen Einblick über die Relevanz und Problematik des Themas. Die Ziele des Buches sind ambitioniert: Es soll einen interdisziplinären Überblick über die Veränderungen von Meinungsfreiheit durch die Digitalisierung geben. Darüber hinaus widmet sich das Buch skandinavischen, europäischen und globalen Perspektiven zum Thema. Die Vielfalt der Beiträge ist beeindruckend und reicht von philosophischen Überlegungen (R. Kunelius; K. Nordenstreng), über rechtliche Rahmenbedingungen (O. Jørgensen) zu empirischen Analysen von medialen Diskursen (E. Eile). Einzeln betrachtet beleuchtet jedes Kapitel interessante Aspekte von Meinungs-, Informations- oder Pressefreiheit, wenngleich die konzeptuelle Unterscheidung dieser Kommunikationsfreiheiten nicht immer deutlich wird.

Diese Vielfalt der Kapitel erweist sich jedoch gleichzeitig als größte Schwäche des Buchs, denn die Strukturierung in einen nordeuropäischen Teil und einen globalen bzw. europäischen Teil überzeugt nur bedingt. Die Kapitel von Kunelius und Nordenstreng betrachten das Thema Meinungsfreiheit aus einer übergeordneten philosophischen Sicht ohne konkreten Länderbezug. Die Beiträge von Rønning, Krumsvik und Eile hingegen fokussieren sich allesamt auf Norwegen. Hier wäre eine größere Ausgewogenheit in der Länderauswahl sinnvoll gewesen. Einzig der Beitrag von Oluf Jørgensen bieten einen vergleichenden Überblick der skandinavischen Länder. Der zweite Teil des Buchs besteht aus deutlich mehr Überblicksbeiträgen. Insbesondere das Kapitel von Rikke Frank Jørgensen enthält vielfältige Überlegungen zur der Frage, wie sich Meinungsfreiheit durch die Digitalisierung global verändert.

Links:

Über das BuchUlla Carlsson (Hrsg.): Freedom of Expression Revisited. Citizenship and Journalism in the Digital Era. Göteborg [Nordicom] 2013, 170 Seiten, ca. 25 Euro.Empfohlene ZitierweiseUlla Carlsson (Hrsg.): Freedom of Expression Revisited. von Starke, Christopher in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Juli 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16766
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Rezensent/in
christopher_starke Christopher Starke (M.A.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations-wissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Politische Kommunikation, Pressefreiheit, Vertrauensforschung sowie Transnationale Solidarität.