Sven Engesser: Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web

Einzelrezension
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Rezensiert von Stefan Bosshart

Die Qualität des partizipativen JournalismusEinzelrezension
Der professionelle Journalismus scheint im Zeitalter der Digitalisierung seine Alleinstellung als Schleusenwärter zur Öffentlichkeit und Deutungsinstanz der dort verhandelten Themen eingebüsst zu haben. Nicht-professionelle Akteure und eigenständige Publikationskanäle wie Weblogs, Microblogging-Dienste und Wikis sind in den letzten Jahren dazugekommen. Diese Entwicklung verlangt nach einer Neujustierung der Journalismusforschung, wozu die Monographie von Sven Engesser – beruhend auf einer Ende 2011 am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereichten Dissertation – einen wichtigen Beitrag leistet. Vier Fragekomplexe beschäftigen den Autor: (1) Was ist ‘partizipativer Journalismus’ bzw. wie ist er zu definieren? (2) Wo bzw. auf welchen Plattformen im Netz wird er angeboten? (3) Welche Qualität weist er auf? (4) Von welchen Faktoren wird diese Qualität beeinflusst?

(1) Partizipativer Journalismus stellt für Engesser wie der investigative oder literarische Journalismus eine besondere Ausprägung des Journalismus dar (vgl. 50), was zunächst nach einer grundlegenden Definition von Journalismus ruft. Im Zuge deren Erarbeitung kritisiert Engesser zu Recht akteurs- und organisationsorientierte Definitionsversuche, die mit einem infiniten definitorischen Regress einhergehen (Journalismus wird über Akteure und Organisationen definiert, die wiederum nur durch ihren ‘journalistischen’ Zuschnitt zu bestimmen sind). Er plädiert stattdessen für eine funktionale Definition, die sich an den gesellschaftlichen Aufgaben des Journalismus orientiert.

Statt allerdings die Kernfunktion(en) des Journalismus tiefergehend zu diskutieren und sich auf eine oder mehrere festzulegen, greift Engesser zum Konzept der “journalistischen Qualität”, das ihm als Bindeglied zwischen Journalismus und dessen gesellschaftlichen Aufgaben dient. Dieser Schritt bringt im Hinblick auf die Operationalisierung erhebliche Vorteile mit sich, da die Forschung bereits zahlreiche Kataloge messbarer Qualitätskriterien hervorgebracht hat. Gemäß Engessers qualitätsorientierter Definition handelt es sich “umso mehr um Journalismus, je mehr dieser eine bestimmte journalistische Qualität erfüllt, die sich theoretisch aus seinen gesellschaftlichen Aufgaben ableiten und empirisch messen lässt” (49).

Daraus ergeben sich zwei wichtige Punkte: Zum einen stellen die gesellschaftlichen Aufgaben bzw. Funktionen des Journalismus in diesem Gefüge die zentrale Variable dar, woraus sich messbare Qualitätskriterien ergeben, zum anderen lassen sich journalistische von nicht-journalistischen Angeboten nicht dichotomisch trennen. Sie können lediglich entlang einer “bipolaren Linie” (Meier 2011: 7) verortet werden, die “sich zwischen der völligen Abwesenheit von Journalismus und dem journalistischen Ideal erstreckt” (49). Die Frage der Identität wird somit zu einer der Qualität, was keinen Widerspruch darstellt.

Die zentrale gesellschaftliche Aufgabe des partizipativen Journalismus sieht Engesser in der “Herstellung von medialer Partizipation” (50) im Sinne der Beteiligung an der medialen Öffentlichkeit. Voraussetzungen dafür sind Aktivität (eher passive Rezipienten werden zu aktiven Kommunikatoren) und Freiwilligkeit (die Aktivität erfolgt befreit von beruflichen Zwängen und dient nicht primär der Bestreitung des Lebensunterhalts) (vgl. ebd.). Ansonsten gelten für den partizipativen Journalismus laut Engesser die aus der Literatur hinreichend bekannten journalistischen Qualitätskriterien. Insgesamt leitet er 36 (!) solcher Kriterien aus neun theoretischen Begründungszusammenhängen her (vgl. Kap. 4). Darunter finden sich u.a. beteiligungszentrierte Demokratietheorien (vgl. Kap. 4.2.1), Theorien alternativer Öffentlichkeiten (vgl. Kap. 4.2.2) und Theorien des Sozialen Kapitals (vgl. Kap. 4.2.3), die für die Begründung journalistischer Qualitätskriterien angesichts ihrer ursprünglichen Anwendungsfelder streckenweise etwas überstrapaziert zu werden scheinen. Auch kann man über den Stellenwert einiger der 36 Kriterien unterschiedlicher Auffassung sein (neben breit akzeptierten Merkmalen wie Aktualität, Relevanz, Vielfalt und Unabhängigkeit stehen gleichberechtigt Aspekte wie Mobilisierung, Gleichheit und Multimedialität). Trotz der Gefahr eines vom Kern her ausfransenden Qualitätskatalogs dürfte Engessers holistische Perspektive für künftige Arbeiten, die sich mit Qualität im Journalismus beschäftigen, sehr gewinnbringend sein.

(2) Welche Plattformen im Netz zählen zum partizipativen Journalismus? Engesser unterscheidet anhand der Forschungsliteratur neun Angebotsformen: Weblogs, Microblogging-Dienste, kollektive Webangebote, Wikis, soziale Nachrichtenangebote, professionell-redaktionelle Webangebote, Leserreporter-Angebote, professionell-partizipative Webangebote und sublokale Webangebote (vgl. 60ff.). Somit umfasst sein breites Begriffsverständis zwei Phänomene, die in der englisch- und mittlerweile auch deutschsprachigen Literatur in der Regel begrifflich unterschieden werden (vgl. Borger et al. 2013; Schönhagen et al. 2014): Die Publikation quasi-journalistischer Inhalte durch Laien auf eigenständigen Plattformen wie Weblogs oder Wikis (‘Bürgerjournalismus’ bzw. ‘citizen journalism’) sowie die Publikumsbeteiligung im professionellen Journalismus der Massenmedien (‘partizipativer Journalismus‘ im engeren Sinn bzw. ‘participatory journalism‘).

Abgesehen davon kritisiert der Autor zu Recht die vorhandenen Typologien von Webangeboten bezüglich Trennschärfe und Vollständigkeit. Zwecks einer besseren Systematik arbeitet er zunächst zugrundeliegende Kriterien heraus und unterzieht dann ein Sample von hundert Angeboten des partizipativen Journalismus, die grösstenteils aus einer Datenbank des Knight Citizen News Network rekrutiert wurden, einer Clusteranalyse. Ob die drei resultierenden Gruppen mit den Labels ‘exklusive Themenseiten‘ (n= 21), ‘lokale Medienspiegel‘ (n= 38) und ‘kommerzielle Spielwiesen‘ (n= 41) einen heuristischen Mehrwert gegenüber vorhandenen Typologien darstellen, sei dahingestellt.

(3) Über welche Qualität verfügt der partizipative Journalismus? Hier können bloß einige Befunde genannt werden: Lediglich ein Viertel der Beiträge der untersuchten Plattformen behandelt aktuelles Geschehen vom selben Tag oder Vortag. Gemessen an den beiden Nachrichtenfaktoren ‘Reichweite‘ und ‘politischer Einfluss des Hauptakteurs‘ lassen die Beiträge eine geringe gesellschaftliche Relevanz erkennen. Durchschnittlich in jedem dritten Beitrag nehmen die Autoren auf sich selbst Bezug (Ich-Perspektive), auf die Trennung von Nachricht und Kommentar wird wenig geachtet.

(4) Welche Faktoren – Engesser spricht hier passend von ‘Qualitätsfaktoren’ – auf der Inhalts- und Organisationsebene beeinflussen die Qualität des partizipativen Journalismus? Zur Beantwortung dieser Frage greift Engesser auf die betriebswirtschaftlich geprägte Forschung zum Erfolg von Medienprodukten sowie die US-amerikanische Zeitungsforschung zurück. Positiv auf die Qualität der untersuchten partizipativen Plattformen wirken sich die Anzahl der Wettbewerber und das Vorhandensein eines Tochtermediums aus, während aus der Existenz eines Muttermediums ein negativer Einfluss auf die Gesamtqualität resultiert.

Insgesamt überzeugt Engessers Arbeit durch ein sehr klares Vorgehen in einem empirisch ambitionierten Forschungsprogramm, das zur Erhebung von Qualitätskriterien und Qualitätsfaktoren neben einer Inhaltsanalyse auch eine Befragung der Verantwortlichen der untersuchten Websites des partizipativen Journalismus umfasst. Im theoretischen Teil unterstützen zudem sinnvolle Grafiken den Gedankengang (vgl. bspw.: 39, 44, 47, 48), beim Nachvollzug der Operationalisierung sind die tabellarischen Zusammenstellungen sehr nützlich. Jedermann, der sich mit Qualität im Journalismus, mit partizipativem Journalismus und Bürgerjournalismus beschäftigt, sei diese Arbeit empfohlen.

Literatur:

  • Borger, M.; van Hoof, A.; Costera Meijer, I.; Sanders, J.: Constructing Participatory Journalism as a Scholarly Object. In: Digital Journalism, 1, 2013, S. 117-134
  • Meier, K.: Journalistik. 2., überarb. Aufl., Konstanz [UVK] 2013.
  • Schönhagen, P.; Hofstetter, B.; Bosshart, S.: Nutzerbeteiligung und journalistisches Handeln in Schweizer Redaktionen. In: Stark, B.; Oliver Quiring; Nikolaus Jackob (Hrsg.): Von der Gutenberg-Galaxis zur Google-Galaxis. Alte und neue Grenzvermessungen nach 50 Jahren DGPuK. Konstanz [UVK] 2014, S. 151-167.

Links:

Über das BuchSven Engesser: Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web. Bausteine für ein integratives theoretisches Konzept und eine explanative empirische Analyse. Wiesbaden [Springer VS] 2013, 366 Seiten, 49,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseSven Engesser: Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web. von Bosshart, Stefan in rezensionen:kommunikation:medien, 1. August 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16758
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Rezensent/in
Stefan Bosshart Dr. des. Stefan Bosshart ist Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Geschichte, Theorie und Forschung des Journalismus, Kommunikationstheorien, Medienqualität und Medieninhaltsforschung sowie Online-Kommunikation.