Skadi Loist, Sigrid Kannengießer, Joan Kristin Bleicher (Hrsg.): Sexy Media?

Einzelrezension
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Rezensiert von Kathrin Friederike Müller

Sexy MediaEinzelrezension
Die Gender und Queer Studies haben Kommunikations- und Medienwissenschaft in der Vergangenheit herausgefordert: Sie haben gewohnte Ordnungen und Normierungen der Fächer infrage gestellt, das Verhältnis von Medien und Gender theoretisiert und sind für alternative Konzepte zur zweigeschlechtlichen Ordnung und binären Vorstellungen von Sexualität eingestanden. Beide Fächer haben davon profitiert, indem ihr theoretisches Spektrum erweitert und um identitätspolitische Fragen bereichert wurde. Trotzdem stellen Gender- und Queer Studies in der Kommunikations- sowie der Medienwissenschaft immer noch Randbereiche dar, deren Integration in den Mainstream der Forschung bis dato aussteht.

Der Sammelband Sexy Media? Gender/Queertheoretische Analysen der Medien und Kommunikationswissenschaften möchte ihre Inklusion ein Stück weit befördern, indem er am Beispiel verschiedener theoretischer und empirischer Beiträge verdeutlicht, welche Relevanz Gender und Queer Studies haben und welche Facetten sie aufweisen. Entsprechend veranschaulichen die Herausgeberinnen Skadi Loist, Sigrid Kannengießer und Joan Kristin Bleicher sowie die Autor_innen, die dieser Band versammelt, auf vielfältige Weise, was die Gender und Queer Studies an gesellschaftskritischem Potenzial und an alternativen Denkfiguren in Bezug auf die Teilbereiche Medieninhalt, -rezeption und -produktion zu bieten haben.

Die Texte basieren sowohl auf Vorträgen, die im Rahmen einer Ringvorlesung an der Universität Hamburg gehalten wurden, als auch auf Beiträgen einer Tagung, die die Fachgruppe “Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht” der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft zusammen mit dem Research Center for Media and Communication ausgerichtet hat. Dadurch wird ein breiter Bogen über unterschiedliche Themen und Theorien der Kommunikations- und Medienwissenschaft gespannt. Diese Verbindung stellt einerseits die Stärke des Buchs dar, wirft aber auch die Frage auf, welches Publikum adressiert wird. In ihrer Einführung geben die Herausgeberinnen einen anschaulichen Überblick über die Genese und den aktuellen Forschungsstand der Gender und Queer Studies in der Kommunikations- und Medienwissenschaft.

Das Kapitel ‘Feminismus und Gender’ beinhaltet drei Aufsätze: Annette Brauerhoch übt in ihrem Beitrag Kritik an den Gender Studies und zeigt am Beispiel von Mode, wie in drei verschiedenen Filmsequenzen Männlichkeit queer wird. Joan Kristin Bleicher diskutiert einen backlash traditioneller Weiblichkeit in Reality-TV-Formaten und fordert eine systematische Auseinandersetzung der Gender Studies mit dem Genre. Melanie Trommer setzt sich in ihrem Text mit dem Begriff “Popfeminismus“ auseinander und durchleuchtet im Anschluss eine Ausgabe der Zeitschrift Missy Magazine inhaltsanalytisch. Das zweiten Kapitel ‘Sexualität und Sexualisierung’ beginnt mit einer sehr gelungenen ethnografischen Studie von Linda Duits und Lisbet van Zoonen. Die Verfasserinnen zeigen, dass Sexualisierungen bei jungen Mädchen nicht automatisch ablaufen und weniger lineare Prozesse sind, als es die Debatten um Medienwirkung nahelegen.

Methodisch instruktiv ist Sigrid Kannengießers Beitrag zu digitalem Geschichtenerzählen von AIDS-Aktivist_innen in Afrika. Jan Pinseler erweitert die Debatte um die Repräsentation von Sexualität, indem er die Fokussierung der Sendung “Date oder Fake” auf Homonormativität kritisiert. Hedwig Wagner liest mit Marshall McLuhan den Film Tokio Dekadenz. Ihr Artikel ist der einzige Text dieses Bandes, der zu voraussetzungsvoll ist und damit nur einem vorgebildeten Publikum verständlich seien dürfte. Viel greifbarer, aber nicht weniger komplex gelingt Michele Aarons Artikel, der den Einstieg ins dritte Kapitel ‘Theoretische und analytische Potenziale’ bildet. Sie fordert innovativ eine Entromantisierung der Queer Theory mit dem Ziel einer effektiveren Infragestellung gesellschaftlicher Normen.

Skadi Loist bezieht in ihrem Aufsatz überblicksartig die Forschung zu Filmfestivals auf deren queere Pendants. Im letzten Beitrag hinterfragt Susanne Lummerding Prozesse der Normierung von Identität über Sprache und verbindet diese Reflexionen anregend mit Fragen der Herstellung von Gemeinschaft. Ein i-Tüpfelchen innerhalb des Bandes stellen die Zeichnungen von Chris Campe dar, die die Kapitelgrenzen bilden.

Unterm Strich konzentriert sich der Band stärker auf Einzelfallanalysen als auf breiter angelegte empirische Studien und bezieht sich mehr auf die Medien- als auf die Kommunikationswissenschaft. Diese Schwerpunktsetzung ist auch der Tatsache geschuldet, dass vor allem die Queer Studies, die im Zentrum des Buches stehen, in der Kommunikationswissenschaft erst zögerlich rezipiert werden. Die analytischen Potenziale, die die einzelnen Beiträge aufzeigen, sollten als Aufforderung an die Kommunikationswissenschaft gelesen werden, neben den Gender Studies auch queere Perspektiven aktiver zu integrieren. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Vielfalt ein breites Publikum findet, das im Sinne einer Horizonterweiterung bereit ist, sich auf inhaltlich und theoretisch neue Terrains zu begeben.

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Über das BuchSkadi Loist, Sigrid Kannengießer, Joan Kristin Bleicher (Hrsg.) Sexy Media? Gender/Queertheoretische Analysen in den Medien- und Kommunikationswissenschaften. Bielefeld [transcript] 2014, 230 Seiten, 28,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseSkadi Loist, Sigrid Kannengießer, Joan Kristin Bleicher (Hrsg.): Sexy Media?. von Müller, Kathrin Friederike in rezensionen:kommunikation:medien, 23. Juni 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16616
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Rezensent/in
Kathrin Friederike MüllerDr. Kathrin Friederike Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt "Das mediatisierte Zuhause" am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ihre Arbeitschwerpunkte sind Frauenzeitschriftenforschung, Gender und Cultural Media Studies, Rezeptionsforschung, Grounded Theory sowie die medienbiographische Methode.