Medienwissenschaftliche Fachzeitschriften in Deutschland

Sammelrezension
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Rezensiert von Frank Kessler

Sammelrezension
Wenn die Gründung von Fachzeitschriften als Indiz dafür gewertet werden kann, dass ein Wissenschaftszweig sich etabliert hat, so ist die deutschsprachige Medienwissenschaft zum Ende des Jahres 2009 im Prozess ihrer Institutionalisierung einen wichtigen Schritt vorangekommen. Gleich zwei Periodika werden von 2010 an halbjährlich in renommierten Verlagen erscheinen und der kulturwissenschaftlich (im Unterschied zur kommunikations- und publizistik-wissenschaftlich) orientierten Medienforschung ein Forum bieten. Wie aber nun hält man es – um es in den Worten einer in Deutschland ebenso beliebten wie letztlich unproduktiven Gretchenfrage zu formulieren – mit dem “Medienbegriff” in diesen Publikationen? Oder anders gefragt: Welche Gegenstandsbereiche werden in den hier veröffentlichten Beiträgen behandelt?

Die Gesellschaft für Medienwissenschaft, welche die Zeitschrift für Medienwissenschaft (ZfM) herausgibt, ist hervorgegangen aus der Gesellschaft für Film- und Fernsehwissenschaft, sodass Leinwand- und Bildschirmmedien naturgemäß eine zentrale Rolle spielen. Im ersten Heft der Zeitschrift, das sich als Themenschwerpunkt mit dem komplexen Begriff “Motive” auseinandersetzt, liegt der Akzent vor allem auf dem Film und dem Internet, das Fernsehen findet in der vorliegenden Nummer nur am Rande Erwähnung. Angesichts der Polysemie des Begriffs “Motiv” überrascht die enorme Bandbreite der Beiträge kaum. Das Spektrum der Artikel reicht von Untersuchungen zu Bildmotiven im Film (André Wendler/Lorenz Engell sowie Georges Didi-Huberman) zur Analyse von “Motivational Lectures” im Internet (Sybille Peters), von Problemen der Bildersuche im Internet (Martin Warnke) zu digitalen Entscheidungsbäumen (Dirk Scheuring) bis hin zum Nachleben von Motiven in der Wissenschaftsgeschichte (Thomas Brandstetter). Ebenfalls zum Themenschwerpunkt gehören drei Reflektionen über die Motive der Medienwissenschaften selbst: Gertrud Koch befasst sich mit dem “Schicksal der Filmwissenschaft”, der amerikanische Medien- und Kommunikationswissenschaftler John Durham Peters diskutiert “Geschichte als Kommunikationsproblem” und Friedrich Kittler berichtet im Gespräch mit Christoph Weinberger über das akademische Umfeld, in dem seine medientheoretischen Arbeiten in den 1980er Jahren entstanden sind.

Außerhalb des Schwerpunkts präsentiert die ZfM eine von OHIO (Uschi Huber und Jörg Paul Janka) gestaltete Bildstrecke, die – wie überhaupt die Illustrationen des Hefts – einen gelungenen visuellen Kontrapunkt zum wissenschaftlichen Diskurs setzt. Außerdem enthalten ist ein Laborgespräch von Ute Holl mit dem Klangkünstler Martin Rumori; dazu Besprechungen von Claudia Breger (“Sonderweg” der deutschen Medienwissenschaft), Vinzenz Hediger (Kultur- und Medienökonomik), Andrea Seier (Actor-Network-Theory) und Michael Wedel (Affekt und Empathie), die sich jeweils mit für die Medienwissenschaft relevanten Debatten auseinandersetzen.

Das Prinzip des Themenschwerpunkts erlaubt es einerseits, die Hefte in einen die Beiträge verbindenden Rahmen zu stellen, andererseits aber wird die Redaktion sehr aufpassen müssen, dass der Interessensvielfalt innerhalb der Gesellschaft für Medienwissenschaft dabei auch tatsächlich Rechnung getragen wird. Insofern birgt die Entscheidung, eine Zeitschrift herauszubringen, auch ein gewisses Risiko, denn letztlich müssen sich vor allem die Mitglieder in dem im Namen ihrer Gesellschaft herausgegebenen Organ auch wiedererkennen können.

Der Gegenstandsbereich, den die an das Internationale Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie in Weimar angebundenen Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung bearbeitet, ist noch etwas breiter aufgefächert. Die nun vorliegende “Null-Nummer” gliedert sich in drei Sektionen. Neben Aufsätzen, die aus der Arbeit des IKKM hervorgegangen sind, findet man Studien zu einem Themenschwerpunkt sowie ein kommentiertes “Archiv”-Dokument.

Sammelrezension
Das Heft wird eingeleitet durch die Festrede, die Sigrid Weigel im Sommer 2008 zur Eröffnung des IKKM hielt, wo sie die Kultur- und Medienwissenschaften als “dritte Wissenskultur” neben oder zwischen den traditionellen Geistes- und Naturwissenschaften programmatisch positionierte. Die hierauf folgenden Beiträge von Thomas Macho (zum Motiv des “laughing man” von Victor Hugo bis zum jüngsten Batman-Film), Mirjam Schaub (zu einem Gelehrtenstreit im 18. Jahrhundert über Gespenster) und Leander Scholz (zum Begriff des “Dings” im Spannungsfeld zwischen klassischer Philosophie und neueren Sozialtheorien) dokumentieren dann gewissermaßen die enorme Bandbreite der Themen, derer sich diese “dritte Wissenskultur” annehmen will.

Der Themenschwerpunkt des Heftes widmet sich dem Begriff der “Angst”, eröffnet von Überlegungen Jacques Lacans aus dem zehnten Buch seines Seminars, das sich mit eben diesem Phänomen auseinandersetzt. Der Text fungiert gleichzeitig als “Archiv”-Dokument, kommentiert von Bernhard Siegert. Aus dem Editorial der Nullnummer wird nicht deutlich, ob auch in der Zukunft Dokument und Schwerpunktthema ähnlich eng miteinander verkoppelt sein werden, im vorliegenden Fall ist dies jedenfalls eine produktive Kombination.

Acht sehr unterschiedliche Beiträge bilden den Schwerpunkt des Hefts: Den komplexen psychoanalytischen Angstbegriff erhellen Samuel Weber und Peter Widmer in ihren Beiträgen. Tobias Nikolaus Klass unternimmt es, das Phänomen des modernen Terrorismus einerseits im Anschluss an die philosophische Unterscheidung von Angst und Furcht bei Heidegger und Kierkegaard und andererseits in Rekurs auf die politische Philosophie Hobbes’ zu deuten. Einen in diesem Zusammen eher unerwarteten Zugang zum Thema bietet der Artikel “Angsthasen” von Sebastian Vehlken, der das Verhalten von Schwärmen im Tierreich erläutert. In allen übrigen Beiträgen werden Filme zum Ausgangspunkt der jeweiligen Überlegungen. Georges Didi-Hubermans Betrachtungen sind dem “Tanz der Angst und des Konflikts” bei Pasolini gewidmet, der Konstellation der abgioia, wie der Regisseur es nennt und die Didi-Huberman an Szenen aus Accatone und einigen Kurzfilmen erläutert. Vor allem aber befassen sich diese Beiträge mit Filmen, in denen Angst und Schrecken jeweils zur narrativen und affektiven Ökonomie gehören. Manfred Riepe untersucht Michael Powells Peeping Tom in einer medientheoretischen Perspektive, die bei dem Skandal anknüpft, den der Film seinerzeit auslöste Die Verbindung technischer und spiritistischer Medien in dem japanischen Horrorfilm ringu ist Gegenstand einer sowohl intertextuellen wie intermedialen Bezügen nachspürenden Analyse von Mathias Bickenbach. Den Abschluss des Heftes bildet eine Betrachtung der anthropologischen Angst vor der Verwischung der menschlichen Gattungsgrenzen in neueren Science-Fiction-Filmen. Jörn Ahrens beschreibt, wie damit nicht mehr die Invasion von außen, sondern der drohende Verlust des Menschseins als Erzählmotiv das Genre dominiert.

Gerade an diesen Texten zeigt sich das Spezifische der kulturwissenschaftlichen Perspektive, für welche die neue Zeitschrift steht. Die genannten Beiträge sind letztlich weder im engeren Sinn filmhistorisch noch filmtheoretisch ausgerichtet, sondern beschäftigen sich vornehmlich mit der kulturellen Dimension der hier behandelten Phänomene. Fragestellungen also, die für die Geisteswissenschaften, das heißt eigentlich ja für die von Sigrid Weigel postulierte “dritte Wissenskultur”, neue Gegenstandsbereiche erschließen. Hier wird der Begriff “Medien” deutlich weiter gefasst als die Summe der verschiedenen institutionell etablierten Einzelmedien.

Beide Publikationen, die Zeitschrift für Medienwissenschaft wie die Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, können sicher auch gesehen werden als Teil oder gar Ausdruck des “Sonderwegs” der deutschen Medienwissenschaft, der ja vor nicht allzu langer Zeit Gegenstand einer Tagung war (einer Frage, der, wie erwähnt, auch ein Beitrag von Claudia Breger in der ZfM nachgeht). In jedem Fall wäre es nicht ganz einfach, anderswo vergleichbare Periodika zu finden. Gewiss aber sind sie eine Bereicherung der gegenwärtigen intellektuellen Landschaft, wobei sie erfreulicherweise nicht in Konkurrenz stehen zu etablierten Zeitschriften wie Montage AV, Maske & Kothurn oder Frauen und Film, sondern eben einen eigenen Weg gehen wollen. Und wenn dieser Weg auch über den deutschsprachigen Raum hinausführt, wie die vorliegenden Hefte ja andeuten, und zudem der Breite des Fachs Rechnung trägt, so werden diese Initiativen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Medienwissenschaft in Deutschland in ihren verschiedenen Formen leisten können.

Links:

Über das BuchLorenz Engel; Bernhard Siegert (Hrsg.): Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Heft 0 (2009), Schwerpunkt: Angst. Hamburg [Felix Meiner Verlag], 208 Seiten, 28,– Euro.

Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hrsg.): Zeitschrift für Medienwissenschaft. Heft 1 (2009), Schwerpunkt: Motive. Berlin [Akademie Verlag], 144 Seiten, 29,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseMedienwissenschaftliche Fachzeitschriften in Deutschland. von Kessler, Frank in rezensionen:kommunikation:medien, 25. Mai 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1659
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Rezensent/in
Dr. Frank Kessler ist Professor für Film- und Fernsehgeschichte an der Universität Utrecht.