Zsuzsanna Kondor (Hrsg.): Enacting Images

Einzelrezension
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Rezensiert von Tobias Schöttler

Kondor_Enacting ImagesEinzelrezension
Sammelbände ähneln oftmals Überraschungseiern. Zwar gibt es keine Schokolade, aber Spannung und Spiel. Die Spannung ergibt sich daraus, dass der Leser häufig nicht weiß, was ihn inhaltlich erwartet. Im Falle des Sammelbandes mit dem Titel Enacting Images. Representation Revisited wird sie noch durch die Verwendung notorisch vieldeutiger Ausdrücke wie ‘image’ und ‘representation’ im Titel gesteigert. Sieht man von ihren politisch-juristischen oder auch weltanschaulichen Bedeutungen ab, können sich die beiden Begriffe sowohl auf mentale Vorstellungen als auch auf extramentale (also öffentlich wahrnehmbare) Darstellungen beziehen. Der Sammelband adressiert sowohl mentale als auch öffentliche Bilder. Der originelle Beitrag zur Diskussion mentaler und öffentlicher Bilder ist vor allem im methodischen Ansatz des Bandes zu sehen. Wie im Klappentext und in der Einleitung hervorgehoben wird, soll für beide Arten von Bildern der Enaktivismus fruchtbar gemacht werden, der den aktivischen Charakter der Wahrnehmung und die Untrennbarkeit von Kognition, Handlung (einschließlich motorischer Fertigkeiten) und Umwelt betont.

Die ersten beiden Aufsätze fokussieren den Enaktivismus im Kontext der Wahrnehmungstheorie und bezogen auf mentale Bilder, vertreten dabei jedoch konträre Positionen. István Danka profiliert den Enaktivismus in Abgrenzung zu einem dualistischen Repräsentationalismus. Anders als dieser begreifen die verschiedenen Spielarten des Enaktivismus (etwa Noë 2004 und Hutto 2011) das Verhältnis zwischen Welt und mentaler Repräsentation als ein dynamisches und diese Repräsentationen – sofern es sie überhaupt gibt – eher als Produkte des Wissenserwerbs und eben nicht als dessen Ausgangspunkte (vgl. 38). Balogh und Tózsér kritisieren dagegen den Enaktivismus bzw. die embodied-mind-Perspektive – insbesondere die unterstellte Gleichsetzung des subjektiv wahrgenommenen Leibes und des objektiven Körpers – , um auf diesem Wege Dankas Kontrastfolie – eine ‘cartesianische’ Wahrnehmungstheorie – zu rehabilitieren, wobei der verteidigte Cartesianismus eine größere Nähe zu aktuellen intentionalistischen Wahrnehmungstheorien als zum historischen Descartes aufweist.

Die Gelenkstelle zwischen den wahrnehmungstheoretischen Überlegungen zu mentalen Bildern und den Analysen öffentlicher Bilder bildet der Artikel der Herausgeberin Zsuzsanna Kondor. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die Annahme, dass die verwendeten öffentlichen Medien unser Denken beeinflussen (vgl. 69 ff.). Mit Bezug auf Arnheims Gestaltpsychologie und besonders seine Konzeption der ›Wahrnehmungsbegriffe‹ (vgl. Arnheim 1978: bes. 49) diagnostiziert sie einen engen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, bildlicher Darstellung und Begriffen: “Representational concepts provide the ground for the technique of depiction; depiction, since it requires the knowledge of certain structures and makes them visible (sometimes transparent), can facilitate perception; and motor skills and perceptual apparatus provide the ground for all these processes.” (83)

Die letzten beiden Artikel konzentrieren sich auf öffentliche Bilder. Olga Kiss analysiert in ihrem Aufsatz die Rolle von Visualisierungen in der Mathematik, genauer: im Kontext des Verstehens mathematischer Entitäten und der mathematischen Problemlösung. Als wesentliche Bedingung für beides macht sie manipulierenden Umgang mit den mathematischen Diagrammen aus und betont damit ganz im Sinne des Enaktivismus den Zusammenhang von Handlung und Kognition. Angesichts der Nähe zu dem Gedanken der Operativität im Kontext der Diagrammatik (vgl. Stjernfelt 2007 und Krämer 2009), verwundert es, dass jeglicher Bezug auf die Diagrammatik fehlt. Roberto Casati und Valeria Giardino entwickeln in ihrem Aufsatz eine Klassifikation öffentlich wahrnehmbarer Bilder. Den Einteilungsgrund für ihre Klassifikation aus der Wahrnehmungstheorie, indem sie eine faktuale (auf den Darstellungsgehalt bezogene) von einer perspektivischen Dimension der Bilder unterscheiden. Damit beleuchten sie völlig andere Aspekte als die gängigen Klassifikationen wie etwa die an der Semantik und Syntax orientierte Einteilung Goodmans.

Wenn die vorliegende Rezension erfolgreich ist, dann reduziert sie die Spannung. In der Reihung des alten Werbespruchs bleibt jedoch noch das Spiel. Der Sammelband lädt zum Spielen ein, gerade weil sich die Artikel nicht zu einem geschlossenen Ganzen synthetisieren lassen. Darüber hinaus beziehen sich die beiden letzten Artikel über öffentlich wahrnehmbare Bilder nur noch sehr vage auf das Programm des Enaktivismus. Erwartet man, dass der Sammelband ein fertiges und abgeschlossenes Programm liefert, wird man enttäuscht. Aber diese Erwartung entspricht weder der Absicht noch dem Potential des Bandes. Das Potential des Sammelbandes ist gerade darin zu sehen, eine neuere wahrnehmungstheoretische Position überhaupt für Bilder fruchtbar zu machen und damit Perspektiven zu eröffnen, die der Leser spielerisch weiterentwickeln kann.

Literatur:

  • Arnheim, Rudolf: Kunst und Sehen. Eine Psychologie des schöpferischen Auges. Berlin / New York [de Gruyter] 1978.
  • Noë, A.: Action in Perception. Cambridge (MA) [MIT Press] 2004.
  • Hutto, D.D. Enactivism: Why be Radical? In: Bredekamp, H.; Krois, J.M. (Hrsg.): Sehen und Handeln. Berlin  [Akademie Verlag] 2011, S. 21-44.
  • Krämer, S. (2009): Operative Bildlichkeit. Von der ‘Grammatologie’ zu einer ‘Diagrammatologie’? Reflexionen über erkennendes ‘Sehen’. In: Heßler, M. und Mersch, D. (Hrsg.): Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Bielefeld [transcript] 2009, S. 94-122.
  • Stjernfelt, Frederik: Diagrammatology: An investigation on the borderlines of phenomenology, ontology, and semiotics. Dordrecht, Berlin, Heidelberg [Springer] 2007.

 

Links:

Über das BuchZsuzsanna Kondor (Hrsg.): Enacting Images. Representation Revisited. Köln [Herbert von Halem] 2013, 138 Seiten, 19,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseZsuzsanna Kondor (Hrsg.): Enacting Images. von Schöttler, Tobias in rezensionen:kommunikation:medien, 14. Juni 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16566
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Rezensent/in
Dr. Tobias Schöttler ist Postdoktorand am Graduiertenkolleg "Sichtbarkeit und Sichtbarmachung: Hybride Formen des Bildwissens". Seine Forschungsschwerpunkte sind Bildwissenschaft, Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie und Philosophie der frühen Neuzeit.
Ausgewählte Publikationen: Schöttler, Tobias: Von der Darstellungsmetaphysik zur Darstellungspragmatik. Eine historisch-systematische Untersuchung von Platon bis Davidson. Münster [Paderborn] 2012; Schöttler, Tobias: From Causes to Relations: The Emergence of a Non-Aristotelian Concept of Geometrical Proof out of the Quaestio de Certitudine Mathematicarum. In: Society and Politics 6(2), 2012. S. 26-42; Schöttler, Tobias: Perzeptualismus. In: Netzwerk Bildphilosophie (Hrsg.): Bild und Methode: Theoretische Hintergründe und methodische Verfahren der Bildwissenschaft. Köln [Halem] 2014, S. 80-94.