Marco Iacoboni: Woher wir wissen, was andere denken und fühlen

Einzelrezension
3845 Aufrufe

Rezensiert von Nadia Zaboura

Einzelrezension
Eine der letzten ungestürmten Bastionen der conditio humana ist der Andere: Was in unseren Freunden oder Feinden – also außerhalb unserer eigenen Gedanken- und Gefühlswelt – passiert, kann nur angenommen und mal mehr, mal weniger treffsicher antizipiert werden. Trotzdem sind unsere Annahmen über das Innenleben des Gegenübers nicht rein spekulativ: Mit oft erstaunlicher Präzision erkennen wir intuitiv und unmittelbar, aus welchen Motiven heraus der Andere handelt und welche Aktion er als nächstes ausführen wird. Zur Deutung dieser Präzision wurden in den 1990er Jahren mit der Entdeckung besonderer Nervenzellen – der so genannten Spiegelneurone – erstmals auch biologische Mechanismen herangezogen. Seitdem bringen diese speziellen Nervenzellen eine neue Dynamik in die Diskussion um zwischenmenschliche Einfühlung, Perspektivübernahme und Handlungsantizipation. Und damit befeuern sie zeitgleich die Debatte, ob und wie mentale Phänomene auf biologische Gehirnvorgänge rückführbar oder sogar: reduzierbar sind.

Früh in der neuen Publikation Woher wir wissen, was andere denken und fühlen. Die neue Wissenschaft der Spiegelneurone des Neurowissenschaftlers Marco Iacoboni wird diese dualistische Betrachtungsweise menschlicher Eigenschaften offenbar: Bereits der Klappentext des Buchs macht deutlich, dass Iacoboni mentale Prozesse durch naturwissenschaftliche Studien erklären will. Schließlich, so heißt es, “scheint es [nun] möglich, solche und andere ganz selbstverständliche menschliche Fähigkeiten biologisch zu erklären”. Mit diesem Credo zielt der Autor darauf ab, die gängige Theorie der Mentalisierung, also des bewussten Einfühlens in ein Gegenüber, durch eine rein neuronale Betrachtungsweise zu ersetzen.

Nach den ersten Kapiteln – einer sprachlich bilderreichen Schilderung und Zusammenfassung der vergangenen wie gegenwärtigen Forschung sowie themennahen Exkursen (Imitationslernen, Sprachentstehung, Selbsterkenntnis, Empathie) – bettet der Autor die spiegelneuronale Aktivität in größere Zusammenhänge ein und widmet sich Themen wie Neuromarketing, Neuropolitik, medial vermittelter Gewalt und dem freien Willen.

Die Komplexität der insbesondere letztgenannten Themen führt zu einer teils knappen, flachen Darstellung, die vor allem aus neuroreduktionistischer Sichtweise argumentiert. Exemplarisch degradiert Iacoboni den vernunftbegabten Mensch zum Opfer seiner Spiegelneurone, die “automatisch imitatorische Reaktionen hervor[rufen], deren wir uns großenteils nicht bewusst sind, und die unsere Autonomie mittels machtvoller Einflüsse auf unser Sozialverhalten beträchtlich einschränken” (220).

Zur Verdeutlichung dieser Annahme führt Iacoboni beispielsweise Gewaltdarstellungen in den Medien an. Diese verleiteten Menschen unbewusst zu der Überzeugung, dass Gewalt ein probates Mittel zur Lösung sozialer Probleme sei (222). Eine Beweisführung dieser Hypothese sowie einen einzigen Verweis auf den sozialen Kontext, in dem Gewalt sich unterschiedlich entwickeln kann, bleibt Iacoboni dabei – wie auch in den weiteren komplexen Themenfeldern – schuldig.

Auch sind Menschen als Konsumenten nicht die steuerbaren Marionetten, als die sie der Autor im neunten Kapitel gerne sähe. Denn: Verrät Neuromarketing tatsächlich, “was Menschen wirklich mögen” (234)? Vermögen bildgebende Verfahren die Komplexität von Kaufentscheidungen abzubilden? Oder liefern sie nicht eher grundlegende Hinweise, die in eine Marketing-Gesamtstrategie mit diversen weiteren Komponenten – wie Marktsegmentierung, Zielgruppe, Kommunikationsmaßnahmen etc. – eingebettet werden müssen?

Auffällig ist, wie explizit Iacoboni dem “Vater” der Spiegelneurone, Giacomo Rizzolatti1, für dessen Disziplinen übergreifendes Interesse Kredit zollt. Dabei versäumt Iacoboni selbst die Chance, sein Buch über die genannte Themenvielfalt hinaus auch in der wissenschaftlichen Herangehensweise grundlegend interdisziplinär auszurichten. Das gilt im Besonderen für die Kapitel 8 bis 10, die sich neben den bereits beschriebenen sozialen Phänomenen auch mit gesellschaftlich Institutionalisiertem (wie Sport und Politik) beschäftigen. Hier hätte dem Buch wie auch dem Leser eine Disziplinen übergreifende, holistischere Analyse gut getan, die neben der reinen Biologie auch die soziale Einbettung und den symbolischen Sprachgebrauch des Menschen thematisiert.

Zusätzlich verdeutlicht die Sprache Iacobonis einmal mehr, dass sich nicht alle geisteswissenschaftlichen und psychologischen Termini passgenau auf biologische Vorgänge übertragen lassen. Beispielsweise kann der Mensch seine Spiegelneurone nicht selbst aktiv steuern und feuern lassen, wie Iacoboni immer wieder formuliert. Schließlich handelt es sich – wie vom Autor selbst betont – um instantane, sub-bewusste und unvermittelte Prozesse. So birgt das Buch einige sprachliche Unschärfen, die die Tendenz aufweisen, Spiegelneurone zu anthropomorphisieren – so zum Beispiel in folgender Frage Iacobonis: “[…] wie sagen Spiegelneurone die Handlung, die der beobachteten folgen wird, denn nun eigentlich voraus?” (87).

Dank des leicht verständlichen, erzählenden Sprachgestus ist anzunehmen, dass Iacobonis Publikation neben Joachim Bauers Warum ich fühle, was Du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone gerade im populärwissenschaftlichen Segment einen Absatzerfolg erzielen wird. Der praktische Nutzwert für die Wissenschaftsgemeinde liegt vor allem in der breiten Sammlung und eingängigen Beschreibung der relevanten Forschungsergebnisse rund um Spiegelneurone. Gleiches gilt für Iacobonis Blick über den neurowissenschaftlichen Tellerrand hin zu komplexeren Zusammenhängen. Schließlich lebt die Spiegelneuronen-Forschung vom diskursiven Brückenschlag zwischen den beiden Bastionen Natur- und Geisteswissenschaft.

Literatur:

  • Bauer, J.: Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg [Hoffmann und Campe] 1995.
  • Rizzolatti, G. et al.: Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2009.

Links:

  1. Rizzolattis Publikation Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls (vgl. Rizzolatti 2009) fokussiert sich dabei auf die biologischen Gegebenheiten und ist als grundlegendes naturwissenschaftliches Werk zu den Spiegelneuronen ein wichtiger Literaturtipp.
Über das BuchMarco Iacoboni: Woher wir wissen, was andere denken und fühlen. Die neue Wissenschaft der Spiegelneuronen. Übersetzt von Susanne Kuhlmann-Krieg. München [Deutsche Verlags-Anstalt] 2009, 320 Seiten, 21,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseMarco Iacoboni: Woher wir wissen, was andere denken und fühlen. von Zaboura, Nadia in rezensionen:kommunikation:medien, 15. März 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1649
Getagged mit: , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Ein Kommentar auf “Marco Iacoboni: Woher wir wissen, was andere denken und fühlen
  1. Was für eine wunderbar differenziert, kritische Buchkritik die trotz der offensichtlich dargelegten Schwachpunkte des Werkes, dem Autor zum Schluß noch viel Erfolg wünscht!

    Wenn nur mehr Kritiken eine derartige Toleranz und dadurch einen echten Mehrwert lieferten.

    Danke an Nadia Zaboura!

Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Nadia Zaboura ist Kommunikationswissenschaftlerin und Autorin des Buches Das empathische Gehirn. Spiegelneurone als Grundlage menschlicher Kommunikation (VS Verlag).