Günter Helmes (Hrsg.): “Schicht um Schicht behutsam freilegen” – Die Regiearbeiten von Rainer Wolffhardt

Einzelrezension
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Rezensiert von Andy Räder

Schicht-um-SchichtEinzelrezension
Wissenschaftliche Studien über das bundesdeutsche Fernsehen oder das Fernsehen der DDR findet man leider noch viel zu selten. Gerade die werkmonografische Aufarbeitung einzelner Protagonisten der beliebtesten Freizeitaktivität der Deutschen stellt nach wie vor ein Forschungsdesiderat dar. Umso überraschender ist die Veröffentlichung dieses Sammelbandes über die Regiearbeiten eines der bedeutendsten Fernsehakteure der Bundesrepublik, Rainer Wolffhardt. Als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur prägte er über vierzig Jahre, zunächst mit Fernsehspielen, später mit Fernsehfilmen, Mehrteilern und Fernsehserien, das bundesdeutsche Fernsehen.

Günter Helmes, der Herausgeber des Sammelbandes, bezeichnet Wolffhardts Filmhandwerk als “wirkungsästhetisch durchdacht […]” (8). Es soll “aufklärend, bewusstseins- und stilbildend” wirken und “bei aller Differenz im einzelnen” darüber übereinstimmen, “einen politischen, zeitkritischen und/ oder historischen Hintergrund zu haben” (ebd.). Gelernt hat Wolffhardt sein Handwerk beim Theater. In den 1950ern Jahren arbeitete er als Schauspieler und Regieassistent an den Münchener Kammerspielen mit Hans Schweikart, Fritz Kortner und Bertolt Brecht. So verwundert es nicht, dass in den ersten anderthalb Jahrzehnten seiner Tätigkeit vor allem Adaptionen von Theaterstücken entstanden. Später drehte Wolffhardt überwiegend Fernsehfilme, die auf zeitgenössischen Texten beruhten. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen Sansibar (1961), Septembergewitter (1967), Die Berliner Antigone (1968) oder die Fernsehserie Löwengrube (1989-1992).

In Helmes’ viel zu kurzem Vorwort erfährt man mehr über die Entstehung des Sammelbandes. Im Jahre 2009 fand ein Workshop an der Universität Flensburg mit Studierenden statt, die unter der Regie von Rainer Wolffhardt einen Kurzfilm drehten. Anschließend wurde ein Symposium mit dem Titel „Schicht um Schicht behutsam freilegen“. Die Regiearbeiten von Rainer Wolffhardt durchgeführt. Anwesend waren neben Wolffhardt auch sein langjähriger Kameramann Rolf Romberg und der ehemalige Leiter der Abteilung Fernsehspiel (1969-1999) bei Radio Bremen, Jürgen Breest. Die Überschrift der Tagung ist titelgebend für den Sammelband, der alle Beiträge des Symposiums sowie ein Gespräch mit Rolf Romberg, ein Interview mit Rainer Wolffhardt selbst und einen Essay von Walter Löser beinhaltet. Die einzelnen Aufsätze sind produktionschronologisch sortiert, d.h. sie wurden einer “ebenfalls denkbaren thematischen oder gattungs- bzw. genrespezifischen Reihung vorgezogen” (10), so Helmes. Durch diese Abfolge und die fehlende inhaltliche Gliederung gelingt es dem Buch bedauerlicherweise nicht, ein stimmiges Gesamtbild der Bedeutung seines Oeuvres nachzuzeichnen. Ferner fehlt zu Beginn eine umfassende Einführung in Leben und Werk Rainer Wolffhardts. Fehlende Informationen muss sich der Leser mithilfe der Beiträge selbst zusammensetzen.

Die einzelnen Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität. Zu Beginn beschäftigt sich Rolf M. Bäumer kenntnisreich mit dem Verhältnis zwischen Theater und Fernsehspiel und verortet Wolffhardts Arbeiten im Rahmen fernsehtechnischer und -ästhetischer Entwicklungen der 1950er und 1960er Jahre. Sein Versuch der “Filmisierung des Fernsehspiels” (Hickethier 2008: 78) zeigt, dass der Fernsehregisseur früh die “differenzästhetische Qualität des Fernsehens” (17) erkannte, so Bäumer überzeugend.

Dieser fernsehanalytische Zugang geht im Verlauf des Sammelbandes jedoch zu oft verloren. Der Großteil der Beiträge widmet sich dem Untersuchungsgegenstand aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive und der analytische Blick auf die Filme Wolffhardts tritt leider in den Hintergrund. So untersucht Philipp Haack vornehmlich die Veränderungen, die bei der Adaption von Ludwig Thomas Komödie Moral vorgenommen wurden und reduziert die Regiearbeit auf “didaktische Intentionen” (43). Auch der Beitrag von Christian Riedel sucht nur nach Abweichungen der TV-Adaption vom Ausgangsmaterial, dem Roman Septembergewitter von Friedo Lampe. Die Bedeutung dieser beiden frühen Fernsehspiele für die Gattungs- und Programmentwicklung des bundesdeutschen Fernsehens wird leider außer Acht gelassen. Auch Günter Helmes‘ zweiter Beitrag über Wolffhardts Verfilmung Die Berliner Antigone preist insbesondere Co-Autor Leopold Ahlsen, ohne dabei auf die bedeutsamen filmgestalterischen Merkmale einzugehen.

Wie problematisch eine fehlende thematische Gliederung der Beiträge sein kann zeigt sich im sehr persönlichen Aufsatz von Jürgen Breest. Er beschreibt seine Zusammenarbeit mit Wolffhardt am Drehbuch zu Septembergewitter (1967) und bezeichnet sie als eine seiner “schönsten und wichtigsten” (146) Tätigkeiten. Mit dem von Jessica Grimm zusammengefassten Gespräch mit Rolf Romberg, dem Interview mit Rainer Wolffhardt und dem Essay von Walter Löser gehört dieser Beitrag in einen gesonderten Abschnitt, der sich mit Erinnerungen von Zeitzeugen beschäftigt. Ferner bleibt zu fragen, ob ein Beitrag wie der von Walter Löser über Wolffhardts Verfilmung Mandala (1973), der zahlreiche unwissenschaftlichen Äußerungen nutzt wie “In welchen Film bin ich denn da geraten?” (175) oder “Man muss als Zuschauer nicht in seinen eigenen Sehgewohnheiten von DNA-gesicherten und p r o f i l i n g-geleiteten [Hervorhebung im Original] Ermittlungen geprägt sein, um die filmische Umsetzung der kriminalistischen Handlungsebene als weitgehend misslungen zu betrachten” (180), Teil des Bandes sein muss. Diese subjektive Bewertung der Fernseharbeit Wolffhardts unter ausschließlicher Berücksichtigung zeitgenössischer Sehgewohnheiten, wird der Bedeutung seines Werkes nicht gerecht.

Ärgerlich sind das fehlende Autorenverzeichnis sowie der Verzicht auf Abbildungen. Auch gibt es kein Porträt von Rainer Wolffhardt. Abgesehen vom Titelfoto, das leider ohne Bildunterschrift auskommt, wird dem Leser die Hauptperson des Sammelbandes kaum näher gebracht. Dennoch bleibt zu hoffen, dass von diesem Buch eine Initialzündung ausgeht und weitere fernsehwissenschaftliche Publikationen über bedeutsame Akteure sowohl des bundesdeutschen als auch des DDR-Fernsehens folgen werden.

Literatur:

  • Hickethier, K.: Literatur als Starthilfe. Die Literaturverfilmung und das bundesdeutsche Fernsehen. In: Beutelschmidt, T.; H.-M. Hinz; R. Steinlein (Hrsg.): Das literarische Fernsehen. Beiträge zur deutsch-deutschen Medienkultur. Frankfurt am Main [Peter Lang] 2007, S. 65-82.

Links:

Über das BuchGünter Helmes (Hrsg.): "Schicht um Schicht behutsam freilegen" – Die Regiearbeiten von Rainer Wolffhardt. Hamburg [IGEL Verlag] 2012, 376 Seiten, 49,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseGünter Helmes (Hrsg.): “Schicht um Schicht behutsam freilegen” – Die Regiearbeiten von Rainer Wolffhardt. von Räder, Andy in rezensionen:kommunikation:medien, 11. März 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16153
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Rezensent/in
Andy Räder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienforschung an der Universität Rostock; davor war er Kurator der Dauerausstellung "Traumfabrik – 100 Jahre Film in Babelsberg" im Filmmuseum Potsdam und Büroleiter des Projekts "Potsdam 2011 – Stadt des Films". Promotionsprojekt an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ über die Regiearbeiten Ulrich Theins für das Fernsehen der DDR, gefördert von der DEFA-Stiftung. Zuletzt ist von ihm der Sammelband erschienen: DEFA international. Grenzüberschreitende Filmbeziehungen vor und nach dem Mauerbau. Wiesbaden [Springer VS Verlag] 2013.