Wissenschaftliches Publizieren im Online-Zeitalter

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Das Internet übt auf unsere Gesellschaft einen Einfluss aus, der weit über das bequeme Bestellen eines Buches oder das schnelle Sichten der Nachrichtenlage hinausgeht. Sowohl im privaten als auch im beruflichen Feld bestimmen Computer und Internet in einem immer stärkeren Maße, wie wir unseren Alltag organisieren, mit anderen kommunizieren und zusammenarbeiten.

Das wissenschaftliche Arbeiten und Publizieren ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Nicht nur ist es für viele Wissenschaftler heutzutage selbstverständlich, bei ihren Recherche- und Schreibarbeiten auf einen Computer und das Internet zurückzugreifen; auch ist es inzwischen insbesondere in den Naturwissenschaften immer öfter üblich, neueste Forschungsergebnisse online zu publizieren.

Dieser Umstand bringt auf der einen Seite eine Vielzahl von Möglichkeiten mit sich, die noch vor einer Forschergeneration nahezu undenkbar gewesen sind – man denke etwa an die Chance zu neuartigen Formen des kollaborativen Schreibens und Publizierens. Auf der anderen Seite stellt das Internet sowohl die Verlagsbranche als auch die wissenschaftlichen Akteure vor Herausforderungen, deren Ausmaße Herbert von Halem am vergangenen Montag auf der Premierenfeier von “r:k:m” im Essener Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) mit Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierte.

Dass das Internet einen Bedeutungswandel des wissenschaftlichen Arbeitens und Publizierens impliziert – darüber bestand zwischen den Diskutanten einhelliger Konsens. Wie sich dieser konkret auswirkt, wurde hingegen ebenso unterschiedlich beurteilt wie die Frage, in welcher Weise der Eintritt der digitalen Medien in das Feld der Wissenschaft insgesamt zu bewerten ist.

Achim Eschbach (Professor für Semiotik an der Universität Duisburg-Essen) hob hervor, dass der Wissensspeicher des Internets besonders in Bezug auf Recherchearbeiten enorme zeitökonomische Vorteile mit sich bringe. Zugleich wies er darauf hin, dass die Wissenschaft auch im Internetzeitalter etablierte Qualitätsansprüche bewahren müsse. So sei es nach wie vor notwendig, klassische Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens an die Studierenden zu vermitteln.

Demgegenüber erörterte Claus Leggewie (Direktor des KWI), inwieweit die im Online-Zeitalter weit verbreitete Erwartung, permanent erreichbar zu sein, die von Achim Eschbach aufgeführten zeitökonomischen Vorteile in vielerlei Hinsicht aufwögen. Gleichwohl äußerte Leggewie den Wunsch, dass das Internet nunmehr auch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen dazu animieren würde, in ähnlicher Weise von den interaktiven Möglichkeiten des World Wide Web Gebrauch zu machen, wie es in weiten Teilen der Naturwissenschaften der Fall sei. Die etwa in der Chemie etablierte Gepflogenheit, neuere wissenschaftliche Erkenntnisse in Form eines Autorenkollektivs vorzustellen, sei deshalb auch in den Geisteswissenschaften zu begrüßen, weil sich durch sie zum Ausdruck bringen ließe, was in den Naturwissenschaften durch die Akzeptanz der Co-Autorschaft schon längst einen Gemeinplatz darstelle: dass Wissenschaft stets das Resultat einer Kommunikation zwischen Forschern ist.

Daniel Hornuff (Betreiber des Bildwissenschafts-Blogs www.bildfaehig.de) machte darauf aufmerksam, dass die Vorteile, die das Internet mit sich bringe, in einen Nachteil umschlagen könnten, falls sich den Möglichkeiten der Online-Kommunikation zu unreflektiert hingegeben werde. Zwar sei durch das Internet die Chance gegeben, auf gesellschaftliche, politische oder wissenschaftliche Ereignisse schnell publizistisch zu reagieren. Allerdings berge dieser Vorteil immer auch die Gefahr, das Gebot der sorgfältigen Recherche von journalistischen und wissenschaftlichen Texten zu vernachlässigen.

Wolfram Burckhardt (Leiter des Berliner Kadmos-Verlags) zeigte sich davon überzeugt, dass das Online-Zeitalter keine Gefahr für das traditionelle Verlagswesen bedeuten müsse, sofern sich die Verlage wieder zunehmend auf diejenigen Kernkompetenzen besännen, die in jüngerer Zeit aufgrund von arbeitsökonomischen Erwägungen und zugunsten des schnellen Profits zu kurz gekommen seien. Nur wenn die Verlage ihren Autorinnen und Autoren, wie einst üblich, durch ein professionelles Lektorat und die Herstellung eines ansprechenden Satzes behilflich seien, lasse sich das physische Buch weiterhin als ein Publikationsmedium von besonderer Qualität begreifen. In diesem Zusammenhang wies Burckhardt darauf hin, dass einer seiner erfolgreichsten Titel, ein Interview-Band mit Niklas Luhmann, vor der Buchpublikation lange Zeit online frei zur Verfügung gestanden habe – dies allerdings in einer unlektorierten und unkommentierten Fassung, die sich für eine seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung nur bedingt geeignet habe.

Burckhardt wertete diesen Fall als Beleg dafür, dass der Aspekt der freien Verfügbarkeit nicht zwangsläufig eine Verdrängung der klassischen Buchpublikation nach sich ziehen müsse. In Übereinstimmung mit Daniel Hornuff merkte er zudem an, dass das Internet und das physische Buch zwei unterschiedlichen Rezeptionshaltungen entgegenkämen: Während sich das Internet dadurch auszeichne, einen schnellen Überblick über eine Vielzahl von Themen bereitstellen zu können, lade das Buch dazu ein, sich über einen längeren Zeitraum intensiv mit einem konkreten Thema auseinanderzusetzen.

Foto: berwis/pixelio.de

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