Christian Hißnauer, Bernd Schmidt: Wegmarken des Fernsehdokumentarismus

Einzelrezension
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Rezensiert von Karl N. Renner

Fernsehdokumentarismus_onlineEinzelrezension
Schon immer haben einzelne Publikationen der Reihe Close Up, die vom Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart herausgegeben wird, Themen behandelt, die im Grenzgebiet von Kino und Fernsehen, von Dokumentarfilm, Fernsehdokumentarismus und Fernsehjournalismus anzusiedeln sind. Der Band Wegmarken des Fernsehdokumentarismus. Die Hamburger Schulen, den Christian Hißnauer und Bernd Schmidt nun in dieser Reihe vorlegen, ist die Pilotstudie eines größeren Projekts, das den deutschen Fernsehdokumentarismus aus einer mediengeschichtlichen Perspektive untersucht und insgesamt auf fünf Bände angelegt ist.

Dieses Vorhaben verdient sowohl wegen seiner Zielsetzung als auch wegen seiner Realisierung Beachtung. Zwar nehmen in den letzten Jahren die Veröffentlichungen zum Fernsehdokumentarismus zu; doch wie Hißnauer und Schmidt in einem Forschungsüberblick 2012 zeigen, bestehen nach wie vor empfindliche Lücken, die allzu oft durch die unkritische Übernahme von Fernseh-Mythen aufgefüllt werden (vgl. Hißnauer/Schmidt 2012). Dem wollen sie mit den Wegmarken des Fernsehdokumentarismus Abhilfe schaffen. Sie stützen sich hier auf eine systematische und philologisch exakte Bestandsaufnahme, bei der sie sich zunächst einmal an den filmischen Werken orientieren und erst danach Selbstzeugnisse, Programmangaben, Rezensionen und Ausführungen der Fachliteratur heranziehen. Auch wollen sie dieses Projekt dadurch verwirklichen, dass dabei die Ergebnisse einschlägiger Masterarbeiten des Studiengangs Fernsehjournalismus an der Hochschule Hannover einfließen. Beide Vorhaben sind in der Publikation über die Hamburger Schulen exemplarisch und überzeugend umgesetzt; so baut die gelungene Darstellung von Horst Königstein im letzten Teil des Bandes auf der Masterarbeit von Joanna Jambor auf.

Bereits der Titel dieses Bandes, der den geläufigen Begriff der ‘Hamburger Schule’ in den Plural setzt, verspricht einen neuen Blick auf diese wichtige Traditionslinie des deutschen Fernsehdokumentarismus. Denn wie Hißnauer und Schmidt aufzeigen, ist diese pauschale Bezeichnung zu undifferenziert, um die komplexen thematischen, darstellungsmethodischen und ästhetischen Traditionslinien zwischen den drei Generationen zu erfassen, die den Hamburger Fernsehdokumentarismus prägten (vgl. 27f.).

Zur ersten Generation, die sich in den 1950er Jahren zusammenfindet, gehören u.a. Rüdiger Proske, Carsten Diercks und Peter von Zahn. Diese Fernsehschaffenden sind dezidiert journalistisch orientiert. Ihre bevorzugte Darstellungsform ist das Feature, das sie von der BBC übernehmen, und nach der NS-Zeit und dem Krieg suchen sie nun ihre Themen in der Ferne. Ihre Sendereihen über die USA und deren Militärpolitik im Pazifik, über Ostasien und über Afrika begründen die Auslandsberichterstattung des Deutschen Fernsehens. Viele dieser Filme sind zeitgebunden und befremden heute durch ihre Nähe zum Kalten Krieg und zum Spätkolonialismus. Aber bereits in der ersten Hamburger Schule gibt es mit Peter Schier-Gribowsky auch einen Autor, der mit seinen Filmen über Judenverfolgung und Konzentrationslager gegen die Verdrängung der Nazi-Verbrechen ankämpft. Heute vergessen, widmen ihm Hißnauer und Schmidt zu Recht ein eigenes Kapitel.

Zur zweiten Generation, die sich in den 1960er Jahren herausbildet, zählen Egon Monk, Dieter Meichsner, Rolf Hädrich sowie Klaus Wildenhahn und Eberhard Fechner. Diese Fernsehschaffenden konzentrieren sich auf zeitkritische Themen wie die Studentenbewegung, den Alltag der Arbeitswelt und die Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit. Mit dem dokumentarischen Fernsehspiel entwickeln sie eine frühe Hybridform des Fernsehdokumentarismus. Wildenhahn und Fechner machen wiederum das direct cinema und den Interview-Dokumentarismus für das deutsche Fernsehen fruchtbar. Die dritte Generation, für die Horst Königstein und Heinrich Breloer stehen, greift die medienkritischen Ansätze der 1970er Jahre auf und setzt sich mit dem politischen und kulturellen Zeitgeist der Bonner Republik auseinander. Ihre zentrale Leistung ist die Etablierung des Doku-Dramas als eine neue hybride Form der Geschichtsvermittlung im Fernsehen.

Den Kern der einzelnen Kapitel bilden informative Filmanalysen, die durch Protokolle, durch grafisch aufbereitete Statistiken der verwendeten Stilmittel sowie durch Szenen- und Produktionsfotos ergänzt werden. Davon ausgehend werden die Entwicklungszusammenhänge aufgezeigt, in die die verschiedenen Autoren eingebunden sind. Besonders hervorzuheben sind die beiden umfangreichen Kapitel zu Wildenhahn und Fechner. Sie vermitteln neue Einsichten zur Weiterentwicklung des ‘direct cinema’ bei Wildenhahn und binden unter Verweis auf die Interview-Filme von Erika Runge und Hans-Dieter Grabe den Interview-Dokumentarismus von Fechner erstmals in die größere Entwicklungslinie dieses Genres ein.

Wünschenswert wäre es gewesen, wenn Hißnauer und Schmidt ebenso systematisch die institutionellen Zusammenhänge untersucht hätten, in die gerade Fernsehschaffende eingebunden sind. Was bedeutet es für die Entwicklung der Hamburger Schulen, wenn Rüdiger Proske Chefredakteur wird, in dieser Funktion das Politmagazin Panorama gründet und dort Klaus Wildenhahn als Realisator beschäftigt wird? Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Skandal, den 1978 Wildenhahns Film Im Norden das Meer auslöste und den politischen Machtkämpfen um den NDR, die 1978 in der Kündigung des NDR-Staatsvertrags durch Schleswig-Holstein gipfelten? Die sehr exakt gearbeiteten Angaben zu den einzelnen Filmen und Personen regen immer wieder zu solchen Fragen an. Dass es dazu noch keine Antworten gibt, schmälert jedoch nicht die Qualität dieser Studie über die ‘Hamburger Schulen’ und man darf mit großem Interesse die weiteren ‘Wegmarken des Fernsehdokumentarismus’ erwarten.

Literatur:

  • Hißnauer, C.; B. Schmidt: Die Geschichte des Fernsehdokumentarismus in der Bundesrepublik Deutschland. Forschungsdefizite und Forschungstrends. Ein Überblick. In: Rundfunk und Geschichte, Juli 2012.

Links:

Über das BuchChristian Hißnauer, Bernd Schmidt: Wegmarken des Fernsehdokumentarismus. Die Hamburger Schulen. Konstanz [UVK] 2013, 360 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseChristian Hißnauer, Bernd Schmidt: Wegmarken des Fernsehdokumentarismus. von Renner, Karl N. in rezensionen:kommunikation:medien, 6. Februar 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/15723
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Rezensent/in
Dr. Karl N. Renner ist Professor für Fernsehjournalismus am Journalistischen Seminar der Universität Mainz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Fernsehjournalismus, Journalistische Darstellungsformen, Service-Journalismus, Erzähltheorie und Text-Bild-Semiotik.