Thomas Wiedemann, Michael Meyen: Pierre Bourdieu und die Kommunikationswissenschaft

Einzelrezension
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Rezensiert von Martin R. Herbers

Wiedemann_Pierre Bourdieu und die KommunikationswissenschaftEinzelrezension
In Zeiten, in denen sich die deutsche Kommunikationswissenschaft um Fragen der Methodenausbildung ihrer Studierenden kümmert, methodologische Aspekte in den Blick nimmt und – wie von Lance W. Bennett in der Keynote zur Jahrestagung der DGPuK 2013 in Mainz gefordert wurde – sich nun der Analyse von Big Data annimmt, scheint eine Beschäftigung mit theoretischen Aspekten eher nachrangig. Der Band von Thomas Wiedemann und Michael Meyen bildet zu dieser Mode eine wohltuende Ausnahme. Sie wollen werben, so geben sie es in der Einleitung an (vgl. 7), werben für mehr Theorie, vor allem für die theoretische Perspektive des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Bourdieus Arbeiten, so führen sie an, können bei der Klärung verschiedener kommunikationswissenschaftlicher Problemstellungen von Nutzen sein, in dem sie etwa ein neues Licht auf Fragen der Journalismusforschung, der PR-Theorie oder der politischen Kommunikation werfen. Mit dieser Ansicht stehen die Herausgeber nicht allein und präsentieren Befunde nationaler wie internationaler Wissenschaftler, die Bourdieu zu diesem Zweck heranziehen.

Die Anwendbarkeit der Arbeiten von Bourdieu demonstrieren die Herausgeber in einer beeindruckenden Sammlung von Studien, welche nicht nur die oben genannten, sondern auch weitere Felder der Kommunikationswissenschaft bearbeiten. Hierbei handelt es sich teils um bereits publizierte Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum, teils um Publikationen aus dem anglophonen Raum, die erstmals in deutscher Übersetzung erscheinen. Die eigentliche Besonderheit des Bandes sind allerdings die von den Herausgebern aus dem Französischen übersetzten Aufsätze, welche hier zum ersten Mal einem größeren deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden.

Die vorgestellten Arbeiten sind in drei Gruppen gebündelt. Die erste Gruppe zum Thema “Forschungsfelder” besteht aus fünf Beiträgen, die eher theoretischer Natur sind. Neben Arbeiten zu Nachrichtenmedien (Rodney Benson), Public Relations (Lee Edwards) und der Mediennutzungsforschung (Helmut Scherer) finden sich zwei Aufsätze, die das ‘Klärungsvermögen’ und den Mehrwert der Bourdieu’schen Theoriebildung offenbaren. So beschreibt Erik Neveu wie Mediendiskurse analysiert werden können und David W. Park wirft einen Blick auf die Fachentwicklung der Kommunikationswissenschaft. Im Abschnitt “Anwendungen” lassen die Herausgeber die oben erwähnten französischen Kollegen zu Wort kommen und stellen Studien vor, die sich etwa mit dem Zusammenhang zwischen Sozialraum und journalistischem Angebot in Frankreich beschäftigen (Julien Duval) oder Arkanbereiche der deutschen Politik ins Blickfeld nehmen (Nicols Hubé). Adrienne Russell legt eine Fallstudie zur Rolle sozialer Medienangebote im Zuge der Unruhen in Frankreich im Jahre 2005 vor. Den letzten Abschnitt zum Thema “Entgrenzungen” bilden drei Aufsätze, welche Bourdieu weiterdenken, indem sie zum Beispiel neue Kapitalsorten vorschlagen oder die bereits bestehenden um mediale Aspekte erweitern (Øyvind Ihlen; Klaus Beck, Till Büser und Christiane Schubert). Benjamin Krämer wendet die Ideen Bourdieus schließlich auf die politische Urteilsbildung an.

Trotz der offensichtlichen Stärken der versammelten Aufsätze hinsichtlich ihrer Diversität lässt der vorliegende Band Wünsche offen. Zwar diskutieren die Autoren unterschiedliche (medien-)soziologische Fragen mit Bezug auf Bourdieu, dennoch bleibt ungeklärt, inwiefern Bourdieus Werk als Ausgangspunkt einer Mediensoziologie gelesen werden kann. Hieran schließen sich weitere Fragen an: Wie verknüpft sich die postmarxistische Soziologie Pierre Bourdieus mit anderen Entwürfen dieses Paradigmas? Ist vielleicht eine Verbindung zu den Theoriebeständen der Cultural Studies oder gar der Kritischen Theorie möglich? Letztlich bleibt auch die Frage offen, wie sich Bourdieus Erkenntnisse im Lichte weiterer ‘etablierter’ Theoriebestände der Kommunikationswissenschaft lesen lassen. Mit Blick auf die Systemtheorie liegt bereits ein Band vor, dessen Beiträge hier erwähnenswert wären (Nassehi/Nollmann 2004). Auf inhaltlich-struktureller Ebene findet sich neben der Einleitung durch die Autoren kein weiterer ‘Begleittext’, der die einzelnen Befunde des Bandes rahmt. Ein abschließendes Kapitel, welches die verschiedenen Positionen miteinander verbindet oder gegeneinander abgrenzt, würde helfen, die in der Einleitung aufgeworfenen hochinteressanten Fragen zu beantworten.

Wiederum anders gewendet lässt sich diese ‘Wunschliste’ auch als Aufforderung an die Leser des Bandes verstehen. Sie werden aufgefordert, die eigene Position zu reflektieren und aus ihrer eigenen Warte heraus die aufgezeigten Leerstellen zu füllen. Das Buch wirbt daher nicht nur für Bourdieu, sondern auch für einen neuen Umgang mit Theorie im Allgemeinen. Jenseits der aktuell verhandelten Themen ergibt sich so die Möglichkeit, Probleme zu behandeln “die das Fach sonst vollkommen ausblendet” (7). Dieser Band liefert hierzu die nötige Inspiration.

Literatur:

  • Nassehi, A.; G. Nollmann (Hrsg.): Bourdieu und Luhmann. Ein Theorienvergleich. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 2004.

Links:

Über das BuchMichael Meyen, Thomas Wiedemann: Pierre Bourdieu und die Kommunikationswissenschaft. Internationale Perspektiven. Reihe: Theorie und Geschichte der Kommunikationswissenschaft, Band 13. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2013, 296 Seiten, 28,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseThomas Wiedemann, Michael Meyen: Pierre Bourdieu und die Kommunikationswissenschaft. von Herbers, Martin R. in rezensionen:kommunikation:medien, 15. Februar 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/15632
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Rezensent/in
Martin R. Herbers, M.A., Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Medien- und Kommunikationswissenschaft der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Arbeitsgebiete: Phänomene der politischen Öffentlichkeit, Politische Unterhaltungskommunikation, Visuelle Kommunikation.