Guido Bröckling: Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog

Einzelrezension
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Rezensiert von Sonja Yeh

Bröckling_Das handlungsfähige SubjektEinzelrezension
Die Dissertation von Guido Bröckling bietet einen Theorierahmen, um über unsere aktuelle Mediengesellschaft kritisch zu reflektieren und dabei die Rolle der Medien für unsere Identitäts- und Wirklichkeitskonstruktion sowie das Potenzial unserer eigenen Handlungsfähigkeit in und mit Medien zu überdenken. Bröckling orientiert sich dabei vornehmlich an Vilém Flussers kommunikationstheoretischen Überlegungen und führt diese mit Ansätzen aus der Medienkompetenzforschung, Medienpädagogik, Mediennutzungs- und Rezeptionsforschung sowie (medien-)philosophischen Denkanstößen zusammen. Abschließend wird ein Vorschlag zur Medienbildung als Weiterführung von Flussers Kommunikologie vorgelegt.

Bröckling erläutert zunächst Flussers Kommunikologie eingehend hinsichtlich der Schlüsselbegriffe, um schließlich zwei idealtypische Szenarien gegenüberzustellen: Den einseitig massenmedialen TV-Diskurs und den dialogisch-partizipativ ausgerichteten Netz-Dialog. Dabei wird die Veränderung des politischen Bewusstseins, der politischen Partizipation und Meinungsbildung in den Fokus genommen. Sehr deutlich wird dadurch der normative Impuls des Autors, Mediennutzer grundsätzlich zu mehr Partizipation in Form von Dialogfähigkeit anzuregen, um Verantwortung für die Konstruktion von politischen Öffentlichkeiten zu übernehmen und an einer demokratisierten Meinungsbildung aktiv teilzuhaben. Das “Ideal intersubjektiver politischer Kommunikation” (166) müsse demnach eine “symmetrische Interaktions- und Reflexionsbeziehung im Wirklichkeitsintegral individueller, politischer, medialer und sozialer Wirklichkeiten” (ebd.) sein.

Bröckling beschreibt weiterhin den Wandel des handlungsfähigen Subjekts und der Medienaneignung in einer Multioptionsgesellschaft zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog. Hierbei stellt er insbesondere den Wechsel heraus von echter, para-sozialer hin zu quasi-sozialer Interaktion sowie die Bedeutung der Inbeziehungsetzung durch und mit anderen für die Identitäts- und Wirklichkeitskonstruktion in und mit Medien. Schließlich legt der Autor einen Vorschlag vor, wie sozio- und medienkulturelle Kompetenz zu entwickeln sei und was dann Medienbildung bedeute. Das selbst- und verantwortungsbewusste Subjekt müsse bewusste Entscheidungen und Handlungen in und mit Medien treffen. Das heißt, dass neben dem souveränen Gebrauch von Medienapparaten, -techniken und -inhalten auch insbesondere die kommunikativ-dialogischen Fähigkeiten entwickelt werden müssten. Gleichzeitig hebt Bröckling die Ausbildung einer sozio- und medienkulturellen Kompetenz als grundlegende Bedingung einer demokratischen Öffentlichkeit zugrunde. Er plädiert insofern für eine “handlungsorientierte[.] Medienerziehung” (228), die Grundlage dafür sei, die eigenen Interessen auszudrücken und an der Lebenswirklichkeit mitgestaltend teilzunehmen. Diese Art der Medienerziehung müsse dann in einer Medienkompetenzpädagogik münden, die Medienbildung als zentralen Baustein in eine allgemeine (Schul-)Bildung integriere.

Zunächst einmal eignet sich das Buch als Relektüre von Flussers Kommunikologie. Bröckling rekonstruiert Flussers kommunikationstheoretische Überlegungen ausführlich und kennerhaft, führt diese außerdem mit zahlreichen theoretischen Positionen aus der Medienkompetenzforschung, Medienpädagogik, Mediennutzungs- und Rezeptionsforschung sowie (Medien-)Philosophie zusammen und bringt diese in einen aktuellen medienpädagogischen Kontext. Er bleibt dabei sehr stark in Flussers Theoriegebäude und Terminologie sowie dessen normativer Haltung verhaftet.

Weiterhin ist das vorliegende Buch auf einer politisch-normativen Ebene als Plädoyer für Medienbildung zu verstehen. Um handlungsfähige Subjekte ausbilden zu können, müsse das aktive Aneignen von Medienapparaten und -techniken, Reflektieren und Strukturieren von Medienangeboten sowie das eigene Gestalten und Ausschöpfen des kreativen Potenzials in und mit Medien als Bedingung für eine emanzipatorische, intersubjektivierte und demokratisierte Medienkulturgesellschaft anerkannt und entwickelt werden. Bröcklings Dissertation hat demnach auch einen hochgradig gesellschaftskritischen, politischen und erzieherischen Anspruch und versteht sich als Aufruf an jeden Mediennutzer, selbstständig und -bewusst in und mit Medien zu agieren. Jedoch endet die Dissertation eher in einem allgemeinen Plädoyer anstatt konkrete Praxis- und Handlungsanweisungen anzubieten. Der zu Beginn formulierte Anspruch, ein Medienbildungskonzept vorzulegen, wird daher nicht gänzlich eingelöst.

Die Forderung nach Eigenständigkeit im Umgang mit Medien stellt Bröckling ebenso an seine Leser. Die Dissertation folgt nicht dem typischen systematischen Aufbau einer Qualifikationsarbeit und ist insofern ungewöhnlich. Der vom Autor als ‘unkonventioneller Stil’ beschriebene Aufbau des Textes ermöglicht ein Springen zwischen Kapiteln und ein nicht-lineares Lesen, so dass das Buch – ganz im Sinne von Flusser – als essayistische Ansammlung von Überlegungen zum Themenfeld Medienbildung, Identitäts- und Wirklichkeitskonstruktion in der aktuellen Medienlage genutzt werden kann. Dem Leser fehlen dadurch jedoch häufig eine klare Argumentationslinie und ein systematischer Textaufbau, um die einzelnen Kapitel sinnvoll miteinander zu verknüpfen und leichter nachvollziehbar zu machen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass insbesondere Flusserforscher und -fans sich bei der Lektüre von Guido Bröcklings Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog über ein Revival, eine Re-Aktualisierung und Re-Kontextualisierung von Flussers Theorieansätzen freuen können. Die Dissertation folgt nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch einer ‘flusserschen Schule’ und zeigt die Anwendbarkeit Flussers auf aktuelle Theoriediskurse auf. Eine Hommage an einen im Mainstream der Kommunikations- und Medientheorie wenig beachteten Theoretiker.

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Über das BuchGuido Bröckling: Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog. Vilém Flusser und die Frage der sozio- und medienkulturellen Kompetenz. München [kopaed] 2012, 276 Seiten, 18,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseGuido Bröckling: Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog. von Yeh, Sonja in rezensionen:kommunikation:medien, 19. Januar 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/15430
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Rezensent/in
Sonja Yeh (Dr. phil.) hat Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Kulturwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studiert und am Institut für Kommunikationswissenschaft promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medienkultur, Medienphilosophie, Medien- und Kommunikationstheorien. Aktuelle Publikation: Anything goes? Postmoderne Medientheorien im Vergleich. Die großen (Medien-)Erzählungen von McLuhan, Baudrillard, Virilio, Kittler und Flusser. Bielefeld [transcript] 2013