Holger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien

Einzelrezension
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Rezensiert von Holger Noltze

Einzelrezension
Musik und Medien: Das sind schon für sich genommen schwer überschaubare Größen. Die Angelegenheit wächst ins Riesenhafte, wenn man das Verhältnis von Musik und Medien als symbiotisch auffasst. So tut es der Herausgeber, und es ist ihm nicht zu widersprechen. Tatsächlich war und ist Musik von ihren Anfängen an und heute mehr denn je von ihren medialen Voraussetzungen, Wirkungsweisen und Speicherungsmöglichkeiten nicht zu trennen. Schon der Steinzeitmensch, der auf einer Knochenflöte blies, bediente sich eines Mediums – und war selbst eines. Um wieviel verwickelter sind die Verhältnisse der technischen, digitalisierten Gegenwart mit der annähernd unbegrenzten Verfügbarkeit von Musik aller Art schon auf einem Mobiltelefon.

Damit erhellen bereits auf den ersten Blick die Wünschbarkeit eines “Handbuchs Musik und Medien”, aber auch die Risiken des Unternehmens, sich (selbst auf dem großzügig bemessenen Raum von über sechshundert Seiten) zu verlieren, in der Fülle des Materials unterzugehen. Wenn Wissenschaft der Versuch ist, ein wenig Ordnung in die Welt zu bringen, muss anerkannt werden: Der Herausgeber hat sich bemüht, der Uferlosigkeit Herr zu werden. Er ordnet das Feld, indem er “Musik in auditiven und audio-visuellen Medien” (Hauptteil II) von der “Musik in nicht-auditiven Medien” (Hauptteil III) unterscheidet; Musik auf Tonträgern, im Radio, im Hörspiel, Film, Internet usw. also vom “Print”-Sektor (gedruckter Musikjournalismus, Musik und Literatur, Plattencover). So wird zunächst der klassische Medienbetrieb insgesamt plausibel durchdekliniert, in Einzelbeiträgen allerdings stark schwankender Qualität.

Nützlich ist etwa Peter Wickes historischer Überblick “Der Tonträger als Medium der Musik”, zu kurz greift schon Holger Schramms “Musik im Radio”, und allenfalls als Materialsammlung mag man Hans-Jürgen Krugs Beitrag über “Musik im Hörspiel” gelten lassen. Peinlich die Schludrigkeiten, wenn der Kölner Klangtüftler Holger Czukay falsch geschrieben wird und zwei Zeilen später das Independent-Label “Rough Trade” ein Plural-s zuviel angehängt bekommt. Insgesamt finden sich im ganzen Buch viel zu viele Fehler und Schlampereien. Gleich im ersten Beitrag, der der Notation von Musik gewidmet ist (damit die “Anfänge der medialen Übermittlung von Musik” also an deren Aufschreibemöglichkeit knüpft), kann man durchgehend “Lithurgie” und “lithurgisch” lesen – gab es keine Redaktion, nicht einmal einen Korrekturdurchgang?

Kaum wirklich abgrenzbar ist, was im anschließenden Hauptkapitel “Komposition und Produktion von Musik unter dem Einfluss von Medien” an Aspekten versammelt ist. “Unter dem Einfluss von Medien” steht ja nun irgendwie alles, fraglos also auch das Musiktheater. Julia Franzrebs und Anno Mungens “Vorschlag einer Systematisierung”, ausgehend von der “engen Bezüglichkeit im Dreieck von Medien-, Theater- und Musikgeschichte” (441) geht aber sehr schief, nämlich im aufgeblasenen medienwissenschaftlichen Jargon verloren.

Das Muster, nach dem hier verfahren wird, ist hinlänglich bekannt. “Ein medienorientierter Zugriff auf das Musiktheater schafft methodologische Voraussetzungen, die den Spezifika des Musiktheaters in besonderer Weise gerecht werden” (442). Das ist die Sprache von Akkreditierungsanträgen, freiwillig mag man das nicht lesen. Auf das Erkenntnisversprechen folgt die allfällige Bemerkung, dass die Arbeiten zu einem “medienorientierten Musiktheaterverständnis” natürlich noch “in den Kinderschuhen” stecken, natürlich wegen der “oben benannten Berührungsängste” (442) der traditionellen, gattungsorientierten Wissenschaft. Hier tut sich also ein “großes Desiderat” (443) auf, dem nun, Franzreb & Mungen sei dank, endlich entsprochen wird. Was dann aber folgt, sind überraschend dünne Einlassungen vor allem über die Bedeutung des Einsatzes von Filmen in der Oper wie in Krěneks “Jonny spielt auf” oder Alban Bergs “Lulu”: “Oper ohne Film und Film ohne Oper sind nicht vorstellbar” (456), postulieren die Autoren, bleiben den Nachweis dieser Behauptung aber schuldig. Es werden nämlich nur die Unterschiede zwischen Film und Oper dargelegt. Dass sich das Musiktheater, seit es das Medium Film gibt, dessen bedient, bis hin zu Schlingensiefs  Bayreuther “Parsifal” und Bill Violas “Tristan” (Paris)-Installationen, ist wenig überraschend. Die Oper hat immer schon alle Möglichkeiten genutzt.

Interessanter wäre ein Blick auf die besonderen Wirkungsweisen des Films in der Oper gewesen, Schlingensief und Viola werden aber nur erwähnt, nicht einmal im Ansatz analysiert – der Vergleich aber hätte erst substantielle Aussagen erlaubt. So wird immerzu “verwiesen”, aber nichts gezeigt. Dass das “Second life” das Aussterben der Oper verhindern soll, wie eine Kolumne der “Welt” behauptet, wird beifällig zitiert, aber nicht hinterfragt, und über das Fazit, dass die Oper “im Laufe der Geschichte nicht verdrängt” wurde, “weil sie gerade mit den ‘neuen’ Medien ihrer Zeit in Interaktion getreten ist” (466), ließe sich trefflich streiten. Der Artikel ist ein gutes Beispiel für die Gefahren des hermeneutischen Zirkels, Erkenntnis stiftet er darüber hinaus nicht.

Die neue Musik als Medienkunst untersucht Helga de la Motte-Haber, Albrecht Schneider widmet sich dem Verhältnis technischer Medien auf die “U”-Musik, indem er vor allem auf Begriffsklärungen setzt. Marion Saxers Artikel über “Medienkonstellationen zeitgenössischer Musik- und Klangkunstformen” kann gar nicht anders als punktuell bleiben, bevor dann am Ende interkulturelle und intermediale Ausblicke gewagt werden.

Sollte Wissenschaft der Versuch sein, die Dinge nicht nur zu ordnen, sondern in ihrer Komplexität zu reflektieren, wird man vom “Handbuch Musik und Medien” enttäuscht. Denn eine tiefere Auseinandersetzung mit all den vielen Feldern und Aspekten findet kaum statt, es wird gesammelt, nicht ergründet. Das schließt nicht aus, dass man hier brauchbare Überblicksartikel – wie etwa den von Günter Reus über die Geschichte des Musikjournalismus – lesen kann. Man wird künftig dankbar den Wegweisern der ausführlichen Literaturlisten folgen, in der Hoffnung, dort mehr zu finden. Dem Grundlegungsanspruch eines Handbuchs wird dieses wohl mit allzu heißer Nadel fabrizierte Werk nicht gerecht. Schade, wir hätten es brauchen können.

Links:

Über das BuchHolger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien. Konstanz [UVK] 2009, 629 Seiten, 98,– Euro.Empfohlene ZitierweiseHolger Schramm (Hrsg.): Handbuch Musik und Medien. von Noltze, Holger in rezensionen:kommunikation:medien, 8. Februar 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1536
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Rezensent/in
Dr. Holger Noltze ist Professor am Institut für Musik und Musikwissenschaft an der Technischen Universität Dortmund.