Søren Kjørup: Semiotik

Einzelrezension
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Rezensiert von Guido Ipsen

Einzelrezension
Die Semiotik als Wissenschaft, Institution und philosophische Tradition verfügt über eine nicht unerhebliche Einführungs- und Übersichtsliteratur. Einige hervorstechende (im Sinne der Bedeutung) wie auch – seltener – hervorragende (im Sinne der Qualität) Werke gehören dazu (vgl. Eco 1972). Im deutschsprachigen Raum dürfte das Handbuch der Semiotik von Winfried Nöth (2000) heute die wichtigste und qualitativ beste Einführung präsentieren. Vor dem Hintergrund der langen Entwicklungs-geschichte der Semiotik erscheint Semiotik von Søren Kjørup. 66 Textseiten, gefolgt von einem Glossar von 60 Begriffen und 30 Titeln Bibliografie sowie einem dreiseitigen Index, machen das Buch aus. Was kann man davon erwarten?

Nicht viel. Der Verlag hätte das Buch anders benennen oder aber mehrere Bände konzipieren sollen. Außerdem hätte das Buch in der gegebenen Kürze inhaltlich vollständig anders aufgebaut werden müssen. Die Tatsache, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Dänischen handelt (das Original erschien 2002), bietet dafür keine Entschuldigung. Generalisierungen, Verkürzungen, ein Verbiegen von Theorien und nicht zuletzt die fast ausschließliche Orientierung am strukturalistischen Paradigma sorgen für eine Serie von Schwächen, die für das Semiotikverständnis des mit der Thematik unvertrauten Lesers erhebliche Konsequenzen haben dürften.

Das Buch gliedert sich in ein einleitendes Kapitel (7-10), danach kommt der Hauptteil (11-66), der sich nicht etwa in Betrachtungen der Zeichentheorie und der Protagonisten der Semiotik gliedert, sondern in die Unterkapitel “Sprache”, “Sprachliche Systeme”, “Spuren und Dinge” sowie “Bilder”. Ein kurzer vergleichender Blick in das Handbuch der Semiotik reicht, um darüber aufzuklären, dass es sich bei Semiotik nicht um einen adäquaten Überblick handelt. Im Hinblick auf die Tatsache, dass sich der eine Einführung wünschende Leser natürlicherweise durch Inhaltsverzeichnis und Gliederung bereits thematisch orientiert, ist es grob fahrlässig, lediglich “Sprache” und “Bilder” als aussagekräftige Topoi in den Vordergrund zu stellen. Selbstverständlich kann von einer Miniübersicht nicht erwartet werden, dass sie einen so profunden Einblick gewährt wie das Handbuch von Nöth. Allerdings sollte sich auch eine kurze Einführung am Wesentlichen orientieren und nicht bereits beim Einstieg Teilbereiche als Fundamente darstellen. Das grenzt an Irreführung des Lesers – Semiotik ist mehr und kann mehr, als Kjørups Buch zu zeigen verspricht.

Bei inhaltlichen Aussagen verwundert Kjørup fortwährend. Um einige Beispiele zu nennen: Nein, der Begriff “Semiotik” wurde nicht “von […] John Locke […] eingeführt” (7; vgl. dazu Deely 2004), die Semiotik teilt Zeichen nicht in “zwei Arten” ein, nämlich “indexikalische” und “kommunikative” (8). Nicht “alle kommunikativen Zeichen beruhen auf Konvention” (14), und Peirces Definition des Zeichens “in Richtung der strukturalistischen oder sprechhandlungsorientierten Auffassungen” (19) zu deuten, stellt eine grobe Verzerrung dar – abgesehen davon, dass die Sprechakttheorie nicht strukturalistischen Ursprungs ist. Wir haben es also mit doppelter Verkürzung zu tun. Warum sich ein Band mit dem Titel Semiotik sodann exklusiv der Sprache und dem Bild widmen kann, bleibt schleierhaft. Gelegentliche Einsprengsel Peircescher Philosophie (z. B. Abduktion) machen das thematische Manko des Buches nicht wett. Wie im Inhalt, so überzeugt das Buch auch im Anhang nicht. Wesentliche Semiotiker wie Greimas fehlen; hinzu kommt, dass die Literatur vor allem andere einführende Werke umfassen könnte.

Gerade für Studierende ist dieses Buch als Einführung nicht empfehlenswert. Es ist tendenziell, vermittelt nur Ausschnitte und keinen echten Überblick. Obendrein verführt es zur Vervielfältigung verkürzter Aussagen. Von UTB hätte man mehr erwarten können. Es ist dem Verlag zu wünschen, dass er bei einer Neuauflage ein vollständig überarbeitetes Konzept mit einem anderen Autor präsentieren kann.

Literatur:

  • Deely, J.: Why Semiotics. Ottawa [Legas] 2004.
  • Eco, U.: Einführung in die Semiotik. München [Wilhelm Fink Verlag] 1972.
  • Nöth, W.: Handbuch der Semiotik. Stuttgart [Metzler] 2000.

Links:

Über das BuchSøren Kjørup: Semiotik. Aus dem Dänischen von Elisabeth Bense. Reihe: UTB Profile. München [Wilhelm Fink Verlag] 2009, 84 Seiten, 9,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseSøren Kjørup: Semiotik. von Ipsen, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 9. April 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1532
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Rezensent/in
Dr. Guido Ipsen ist Semiotiker und Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Semiotik.