Ursula Amrein (Hrsg.): Das Authentische

Einzelrezension
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Rezensiert von Susanne Knaller

Einzelrezension
Der von der Zürcher Germanistin Ursula Amrein herausgegebene Sammelband Das Authentische. Referenzen und Repräsentationen geht zurück auf eine im April 2006 im Centro Stefano Franscini auf dem Monte Verità bei Ascona veranstaltete Tagung unter dem Titel “Das Authentische. Zur Konstruktion von Wahrheit in der säkularen Welt”. Der Tagungsband bietet einen neuen Untertitel. Mit den Begriffen “Referenz” und “Repräsentation” ist dem ontologisch aufgeladenen Haupttitel ein semiotisches Moment an die Seite gestellt, das die dem Problemfeld “authentisch/Authentizität” inhärente Ambivalenz zwischen Konstruktivität und Transzendenz betont. Die einzelnen Artikel aus den Bereichen Philosophie, Kunst, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Soziologie, Theologie, Psychoanalyse, Neurologie, Übersetzungs- und Editionswissenschaft sind unterschiedlich positioniert. Dabei fällt auf, dass der titelgebende Begriff “das Authentische” in der Regel durch “Authentizität” ersetzt wird.

Sehr anschaulich zeigt Peter Sprengel in seinem Beitrag “Der Authentizitätsdiskurs der literarischen Moderne. Von Heinrich Heine bis Hubert Fichte, mit einem einleitenden Diskurs zum ‘Literarischen Quartett'”, dass Authentizität vielfach als ein nicht weiter erläuterungsbedürftiger Argumentationsstoppbegriff verwendet wird. Nicht zwischen referenzieller  Bezugnahme und ästhetischer Wertzuschreibung unterschieden, verliert der Begriff jede Analysekraft.

Den begrifflichen Klärungsversuchen von Peter Sprengel stehen Beiträge gegenüber, die jene Facetten von Authentizität, die erst im 20. Jahrhundert entwickelt worden sind, retrospektiv auf das 18. und 19. Jahrhundert übertragen. Erklären lässt sich dieser häufig anzutreffende Ansatz damit, dass die gegenwärtig konstanten Bedeutungen von “authentisch/Authentizität” – wahrhaftig, eigentlich, unvermittelt, unverstellt, unverfälscht, verbürgt, verbindlich – als Zusammenspiel zweier Entwicklungen begriffen werden müssen: Zum einen handelt es sich um eine Synonymisierung von “authentisch/Authentizität” mit Begrifflichkeiten aus der Philosophie und Ästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts (sincerité, naivité, vrai etc.), zum anderen um eine Metaphorisierung oder Abstrahierung der Bedeutungsfacetten aus juridischen und theologischen Diskursen (“auf einen Urheber bezogen”, “beglaubigt”). In diesem Komplex sind Realitäts- und Subjektkonzepte enthalten, die es schließlich im 20. Jahrhundert ermöglichen, mit Authentizität einen Geltungs- und Wertbegriff zu installieren, der als Vermittlungsbegriff zwischen Empirischem, Form und Transzendenz fungieren kann (vgl. Knaller 2007: 19f.).

So postuliert auch die Herausgeberin zunächst Echtheit als entscheidende semantische Facette: “Was als authentisch qualifiziert wird, trägt das Siegel der Wahrheit, gilt als echt, steht ein für eine nicht hintergehbare Realität” (9). Dass der Begriff weit darüber hinausgeht, wird wenig später eingestanden, wenn von nahezu uneingeschränkter Anwendbarkeit die Rede ist (10).

Authentizität lässt sich deshalb auch auf die Bilder der neuen Medien beziehen, wie der Beitrag Villö Huszais anhand der künstlerischen Arbeiten von Monica Studer und Christoph van der Berg zeigt. Die im Zusammenhang mit der Originalitätsfrage oftmals diskutierte Appropriation Art und das changierende Verhältnis zwischen Original und Kopie, Echtheit und Fälschung/Reproduktion analysiert Kornelia Imesch unter anderem am Beispiel von Urs Lühti, Sherrie Levine und Richard Prince. Kunst würde trotz ihrer Ambiguitäten auch hier einen Wahrheitscharakter und Beglaubigungsvorgang voraussetzen, der sich schon in den mittelalterlichen Verwendungsweisen finden lässt. Tatsächlich meint in der mittelalterlichen Theologie “Echtheit” im Sinne von “authenticus” nicht “original”, sondern einfach “wahr”, “autoritativ beglaubigt”. Zu fragen wäre allerdings, aus welcher Beglaubigungsperspektive die Arbeiten von Cindy Sherman oder Richard Prince zu authentischen im Sinne von wahrhaftig künstlerischen/auratischen werden. Anders ausgedrückt: Offen bleibt, wer bzw. welche Institution wie Authentizität zuspricht.

Das Transzendenzpotenzial  des Begriffs diskutiert ebenfalls der Beitrag von Cornelia Herberich “Ereignis und Wahrheit. Authentisierungsstrategien inspirierter Rede in Mechthilds von Magdeburg ‘Das fließende Licht der Gottheit'”. Auf überzeugende Weise kann die Verfasserin demonstrieren, dass die Beglaubigungsinstanzen Schrift und Gott in der mystischen Literatur auf eine stark performative Form zurückgreifen müssen, um den Rezeptionsvorgang zur Beglaubigungsinstanz werden zu lassen. Auf diese Weise wird einerseits die Nachträglichkeit der Darstellung in Präsenz überführt, andererseits die Verschriftlichung transzendiert, indem das Ereignis der Schauung wiedererfahrbar wird.

Generell lässt sich feststellen, dass authentisch in mehrfacher Weise als realistisch verstanden werden kann: im referenziellen Sinn, indem der Begriff auf eine vorgängige Sache verweist. Unmittelbarkeit und Präsenz drückt er in Verfahren eines “effet de réel” (in realistischen Formen etwa), als manipulativ einsetzbarer Persuasionsakt (in den Medien), als ‘autonomer’ Erfahrungsakt (in der Kunst) aus. Diese realistischen Authentizitätsstrategien sind in der Kunst ebenso wie in den Medien zu finden.

Der Beitrag von Martin Lunginbühl schildert die Entwicklung von Authentizitätsstrategien in den Fernsehnachrichten der USA und in Europa. Dabei führt er aus, inwieweit innerhalb der neueren Nachrichtenformate durch die Instanz des Augenzeugen oder das Mittel des Vor-Ort-Seins Präsenzeffekte erzeugt werden, die ein wesentliches Beglaubigungsmoment darstellen.

Diesem semiotischen Ansatz entgegengesetzt, erkennt Ursula Amrein in ihrem Beitrag eine “Wiederkehr des Realen” (349). Über Botho Strauss’ Vorstellung einer sich in der Literatur ereignenden Wahrheit, die gleich der Kraft eines Blitzes Präsenz garantiere, findet sich Authentizität als sakrale Figur wieder, mithilfe der es gelingen soll, einer Zeit entgegenzuwirken, die das Sakrale, den Mythos und die Nation preisgegeben habe (348). Der Gefahr dieses Modells, nämlich unverkennbar “antidemokratischen, voraufklärerischen und sakralen Denkfiguren einer aus der Moderne gegen die Moderne gerichteten Kulturkritik verpflichtet” zu sein (ebd.), entgeht in der Auffassung der Verfasserin der Text, indem er sich als Dokument einer verdrängten Tradition zu erkennen gebe. Die im Modus der Autobiografie präsentierte Erzählung greife zurück “auf das Archiv einer sich um 1900 ausdifferenzierenden Kulturkritik sowie der vormodernen Idyllendichtung” und stelle sich “im Gestus der Konservativen Revolution gegen ihre Zeit” (349). Damit werden im Kontext der sich abzeichnenden Konjunktur der Rede vom Authentischen und der Wiederkehr des Realen Bilder einer anderen und besseren Welt erzeugt, die in ihrem Verheißungsanspruch selbst nach kritischer Befragung verlangen (ebd.).

Nun stehen diesem kulturkonservativen utopischen Ansatz viele Hindernisse im Wege – Diskurse der Moderne selbst, kulturelle, wissenschaftliche und philosophische Leistungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die medialen Entwicklungen seit den 1980er Jahren. Das zeigt Hugo Aust, indem er versucht, Realitätsbegriffe auf unterschiedliche Bild- und Kunstarbeiten zu beziehen.

Trotz interessanter Artikel, die unter den Kapiteln “Wirklichkeiten”, “Autorschaft”, “Glaubwürdigkeit”, “Schrift und Offenbarung” sowie “Kulturkritik” geordnet sind, bleiben Desiderata bestehen. So verzichtet die Herausgeberin auf jegliche Diskussion der Forschungssituation. An keinem Punkt findet eine explizite Auseinandersetzung mit klassischen (Lionel Trilling, Charles Taylor) wie neuen Texten der Authentizitätsforschung (Jan Berg, Susanne Knaller, Harro Müller, Eberhard Ostermann, Michael Wetzel und andere) statt, auch werden Übernahmen von Konzepten nur sehr unzulänglich vermerkt, wie überhaupt nur wenige Arbeiten genannt werden. Texte, die nach 2006 erschienen sind, wurden nicht mehr zur Kenntnis genommen. Insofern ist auch die Feststellung, man würde sich mit der Frage nach Referenzen und Repräsentationen zwei Aspekten widmen, die in der Forschung noch nicht als Kategorien reflektiert worden seien, eine pure Behauptung und angesichts der Forschungslage schlichtweg falsch.

Ärgerlich ist, dass sich ein Sammelband, der sich einer Begriffsdiskussion verschreibt, diese an keiner einzigen Stelle der Einleitung ernsthaft betreibt: “Das Authentische” wird umstandslos mit “Authentizität” synonym gesetzt. Weder wird die Differenz zwischen “das Authentische” und “Authentizität” bestimmt noch der Begriff “Authentizität” einer genauen Begriffsanalyse unterzogen. Überraschend ist auch die Tatsache, dass gerade die stark eingeforderte kulturkritische Frage nur oberflächlich behandelt wird. Auch dazu liegen einige wichtige Schlüsseltexte vor, die nicht genannt, geschweige denn diskutiert werden (etwa Theodor W. Adorno, Christopher Lasch, Richard Sennett, Daniel Bell, Jürgen Habermas oder Alessandro Ferrara).

Literatur:

  • Knaller, S.: Ein Wort aus der Fremde. Geschichte und Theorie des Begriffs Authentizität. Heidelberg [Universitätsverlag Winter] 2007.

Links:

Über das BuchUrsula Amrein (Hrsg.): Das Authentische. Referenzen und Repräsentationen. Zürich [Chronos Verlag] 2009, 360 Seiten, 31,– Euro.Empfohlene ZitierweiseUrsula Amrein (Hrsg.): Das Authentische. von Knaller, Susanne in rezensionen:kommunikation:medien, 26. Februar 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1525
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Rezensent/in
Dr. Susanne Knaller ist Professorin für Romanistik und Allgemeine Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Graz.