Claudia Fraas, Stefan Meier, Christian Pentzold (Hrsg.): Online-Diskurse

Einzelrezension
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Rezensiert von Ines Engelmann

Online-Diskurse_onlineEinzelrezension
Die Diskursforschung ist ein sehr breites Feld sowohl in theoretischer als auch methodischer Hinsicht. Allein unter dem Begriff des Diskurses wird in den Sozial- und Geisteswissenschaften sehr Unterschiedliches verstanden. Noch mehr Diversität zeigt das Diskursverständnis in einzelnen Fachdisziplinen. Je nach disziplinärer Herkunft nähert man sich dem Forschungsbereich also bereits mit einem spezifischen Vorverständnis. Der vorliegende Sammelband widmet sich dem speziellen Forschungsgegenstand des Online-Diskurses. Insbesondere will er spezifische mediale Bedingungen von Online-Diskursen in den Blick nehmen. An diesem Gegenstand sollen interdisziplinäre Zugangsweisen – konkret aus dem soziologischen, kommunikationswissenschaftlichen und linguistischen Bereich – theoretischer und/oder methodischer Art zusammengeführt werden, um diesem speziellen Gegenstand gerecht zu werden.

Um es vorwegzunehmen, der selbst gesteckte Anspruch des Bandes ist hoch. Einerseits sollen die einzelnen Beiträge die interne Diskussion des Faches, in dem sie angesiedelt sind, theoretisch und/oder methodisch voranbringen. Andererseits müssen sie für andere Fachdisziplinen ihre Voraussetzungen, Annahmen und Zugangsweisen soweit ausführen und begründen, dass sie sowohl verständlich werden als auch zu einer interdisziplinär fundierten Online-Diskursanalyse beitragen können (Fraas/Meier/Pentzold: Zur Einführung). Der Schwerpunkt des Bandes liegt dabei auf methodischen Fragen und ihrer empirischen Umsetzung, weniger auf der theoretischen Weiterentwicklung.

Die einzelnen Beiträge spiegeln die Vielfalt der Online-Diskursanalyse unter anderem in unterschiedlichen theoretischen Ansätzen sowie diversen methodischen Zugängen wider. So werden diverse theoretische Ansätze zur Diskursforschung verwendet und miteinander kombiniert. Die Idee einer verfahrensbezogenen Diskursethik nach Habermas und daran anschließenden Öffentlichkeitstheorie verfolgt Schmidt mit der Unterscheidung in vier Öffentlichkeitsarenen. In empirischer Hinsicht fragt Albrecht nach den Einstellungen und Meinungen der Öffentlichkeit zur Nanotechnologie. Lübcke beschreibt Effekte politischer Online-Diskurse auf das politische System bzw. die politische Verwaltung am Beispiel eines städtebaulichen Projekts in der Stadt Hamburg. In der Tradition der Diskurslinguistik fragt Ziem nach den Vor- und Nachteilen der linguistischen Frame-Analyse und deren Integrationspotential zur kommunikationswissenschaftlichen Frame-Analyse. Tereick untersucht Argumente zur ‘Klimalüge’ auf YouTube aus diskurslinguistischer Sicht. Unter anderem aus einer gesprächsanalytischen Sicht fragt Wirtz nach den Verständigungsprozessen unter den Bedingungen einer Videokonferenz. Im Sinne der kritischen Online-Diskursanalyse untersuchen Dorostkar und Preisinger Ursachen und Effekte rassistischer, diskriminierender oder deliberativer Praktiken in Leser-Foren, wobei sie eine hohe Qualität von Leserkommentaren normativ für wünschenswert halten und diesbezüglich positive Anreize vorschlagen. Schließlich stehen in der Tradition der wissenssoziologischen Online-Diskursanalyse Beiträge von Fraas/Meier/Pentzold/Sommer, Sommer/Fraas/Meier/Pentzold und Albrecht. Sie untersuchen gesellschaftliche Praktiken und Prozesse der kommunikativen Konstruktion, Stabilisierung und Transformation symbolischer Ordnungen sowie deren Folgen. In dieser Hinsicht sind insbesondere die Beiträge interessant, die über eine reine Beschreibung hinausgehend nach Ursachen und/oder Effekten fragen und sie theoretisch erklären.

In methodischer Hinsicht ist die Vielfalt der Beiträge mindestens genauso groß, um Online-Diskurse empirisch zu fassen. So werden neben der herkömmlichen (Online‑)Inhaltsanalyse Methoden wie Netzwerkanalysen (Bucher, Eble, Albrecht) und Hyperlink-Analysen (Bucher) vorgeschlagen, um wechselseitige Bezugnahmen und Verweise abzubilden (Interaktivität, Hypertextualität). Korpuslinguistische Analysen (Ziem, Tereick) zielen darauf ab, aus großen Textmengen statistisch-induktiv Wissens- und Sprachstrukturen zu entdecken. Inhaltlich werden sie teilweise zur Identifikation von Frames verwendet (Ziem). Multimodalitätsanalysen unterschiedlicher Art (Bucher, Fraas/Meier/Pentzold/Sommer, Tereick) beziehen unter anderem auch visuelle Aspekte ein. Häufig werden auch verschiedene Methoden und Standardisierungsgrade kombiniert, um Fragestellungen angemessen beantworten zu können. Allerdings können diese Vorschläge für die Erfassung von Multimodalität, Interaktivität, Hypertextualität, Transmedialität und Dynamik nur ein Ausgangspunkt für weitere methodische Entwicklungen sein. So muss sich in der Validierung verschiedener Methoden im Vergleich zueinander erst noch herausstellen, was die einzelnen Methoden zur Erfassung einzelner medialer Bedingungen in verschiedenen Diskurskontexten leisten, wie sie sich voneinander abgrenzen oder ergänzen und wie sie kombiniert eingesetzt werden können bzw. müssen. Die Methodendiskussion steht hier erst am Anfang, insbesondere dann, wenn man Relationen (Interaktivität, Hypertextualität) und ihre Dynamiken kombiniert erfassen will.

Der Band liefert vielfältige Einsichten in die Analyse von Online-Diskursen und Anregungen insbesondere für methodische Weiterentwicklungen sowie ihre empirische Anwendung. Allerdings muss man gerade bei interdisziplinären Zugängen auch immer verdeutlichen, welchen Mehrwert eine bestimmte theoretische Perspektive für die Erforschung von Online-Diskursen erbringen kann. Dies ist meines Erachtens größtenteils, aber nicht in allen Beiträgen gelungen. Will man aber darüber hinaus Diskurspraktiken und/oder Diskursmuster themenübergreifend untersuchen, sind quantifizierende Methoden mehr als bisher weiterzuentwickeln. Nur dann lassen sich die vielfältigen Einzelbefunde in einen größeren Zusammenhang einordnen. Aber insgesamt dürfte der Band in verschiedenen Fachdisziplinen eine breite Rezeption erfahren.

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  • Verlagsinformationen zum Buch
  • Webpräsenz von Prof. Dr. Claudia Fraas an der Technischen Universität Chemnitz
  • Webpräsenz von PD Dr. Stefan Meier an der Technischen Universität Chemnitz
  • Webpräsenz von Christian Pentzold an der Technischen Universität Chemnitz
  • Webpräsenz von Dr. Ines Engelmann an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Über das BuchClaudia Fraas, Stefan Meier, Christian Pentzold (Hrsg.): Online-Diskurse. Theorien und Methoden transmedialer Online-Diskursforschung. Köln [Herbert von Halem] 2013, 430 Seiten, 29,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseClaudia Fraas, Stefan Meier, Christian Pentzold (Hrsg.): Online-Diskurse. von Engelmann, Ines in rezensionen:kommunikation:medien, 24. September 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/14387
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Dr. Ines Engelmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Journalismus (Theorie, Qualität), Politische Kommunikation (Wahlkampfkommunikation), Öffentlichkeitstheorie und empirische Methoden.