Martin Sturmer: Afrika!

Einzelrezension
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Rezensiert von Andrea Czepek

Afrika_onlineEinzelrezension
Wirtschaftlicher Aufschwung, eine wachsende Mittelschicht, neue Geschäftsmodelle dank weit verbreiteter mobiler Technologie – auch das ist Afrika. Warum bekommen wir in deutschsprachigen Nachrichtenmedien kaum etwas davon mit? Lutz Mükke hat 2009 in seinem umfangreichen Werk Journalisten der Finsternis herausgearbeitet, dass das deutsche Afrikabild nach wie vor von den negativen K-Themen (Krisen, Kriege, Krankheiten, Korruption, Katastrophen) dominiert wird. Mükke hat auf die geringe Präsenz deutschsprachiger Korrespondentinnen und Korrespondenten in Afrika hingewiesen und die geringe Beachtung, die die Länder des Kontinents in deutschen Medien erhalten.

Der österreichische Journalist Martin Sturmer knüpft in seinem Buch Afrika! nun daran an und zeigt Alternativen auf: Was könnte getan werden, um mehr Aufmerksamkeit für Themen aus Afrika zu erzielen? Wie können die Länder Afrikas und ihre Themen differenzierter, sachlich richtig, im Kontext und mit Hintergrund dargestellt werden? Wie ist eine Berichterstattung überhaupt möglich angesichts knapper Ressourcen für Korrespondenten, Reisen und geringer Relevanz für afrikanische Themen aus europäischer Perspektive?

Die Lösung, die Sturmer vorschlägt, lautet: Afrikanische Journalistinnen und Journalisten schreiben selbst für deutschsprachige Medien. Bisher scheiterte das unter anderem an Sprachbarrieren; afrikanische Journalisten schreiben für ausländische Medien auf Arabisch, Englisch und Französisch; eine weitere Hürde für die Akzeptanz in deutschen Redaktionen.

Sturmer stellt den deutschsprachigen Dienst der Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS) vor. Für sie arbeiten hauptsächlich einheimische Journalistinnen und Journalisten in Lateinamerika, Afrika und Asien, der deutsche Dienst übersetzt etwa fünf Berichte täglich für den deutschen Nachrichtenmarkt. Die Vorteile seien offensichtlich, zählt Sturmer auf: Es müssten keine teuren Korrespondentenbüros unterhalten werden, und die einheimischen Journalisten verfügten über große Ortskenntnis und Hintergrundwissen.

Aber wie ist die Resonanz auf so ein Angebot in Europa? Kann eine kleine, stets mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfende Agentur wie IPS zu einem realistischeren Afrikabild beitragen? Um das herauszufinden, hat Sturmer eine Medienresonanzanalyse unternommen. Er vergleicht den Input der IPS in einem Zeitraum von drei Jahren mit dem Output daraus in den Salzburger Nachrichten. Die Zeitung wählte er, weil sie als eine der wenigen überhaupt nennenswert oft Beiträge von IPS übernimmt. Das Input ist nach seiner Untersuchung jedenfalls vielversprechend: IPS deckt ein breiteres Länderspektrum ab als dies laut den Untersuchungen von Mükke (2009) und Alexander Glodzinski (2010) in den dort untersuchten Leitmedien der Fall ist, es werden weniger Krisenthemen und mehr Gesundheit, Entwicklung und Umwelt behandelt, die Berichte stehen in der Regel in einem Kontext und der Schwerpunkt liegt nicht immer auf reiner Politik. Allerdings sind die Erhebungen von Sturmer mit denen von Mükke und Glodzinski nur sehr bedingt vergleichbar, da alle drei ganz unterschiedliche Kategorien verwenden. So fragt sich, ob nicht etwas, was bei Sturmer unter ‘Gesundheit’ erfasst wurde, bei den anderen nicht unter ‘Krankheit’ codiert worden wäre, und ob ‘Entwicklung’ und ‘Umwelt’ nicht auch politische Themen sind.

Sturmer fehlt teilweise eine kritische Distanz zu seinem Untersuchungsgegenstand. Er betreibt selbst einen Afrika-Nachrichtendienst, mit dem er unter anderem IPS-Nachrichten weiter verbreitet. Er verschweigt das nicht, aber sein Wunsch, die Leistungen von IPS möglichst erfolgreich darzustellen, ist etwas zu offensichtlich. Einige interessante Ergebnisse seiner Untersuchung erwähnt er zwar, geht aber in der Interpretation kaum darauf ein. Beispielsweise hat sich bei der Output-Untersuchung herausgestellt, dass bei den von den Salzburger Nachrichten veröffentlichten Artikeln doch wieder die Krisen-Themen an zweiter Stelle stehen, dass Westafrika – trotz des Angebotes der IPS aus dieser Region – genauso wenig beachtet wird wie in anderen Zeitungen und dass die von IPS so stark in den Vordergrund gerückte afrikanische Bevölkerung (häufigste Hauptakteure in IPS-Berichten) in den Salzburger Nachrichten als Hauptakteure kaum noch vorkommen. Allein das Angebot einer differenzierteren Berichterstattung durch eine Agentur scheint nicht auszureichen, um festsitzende Klischees, Routinen und zugeschriebene Nachrichtenwerte in den Redaktionen zu durchbrechen.

Auch die Abhängigkeiten, in denen sich IPS befunden hat bzw. bis heute befindet, stellt Sturmer zwar in einem historischen Abriss dar, problematisiert sie aber nicht. IPS arbeitet für UN- und Unesco-Projekte sowie verschiedene Hilfsorganisationen und finanziert sich überwiegend dadurch. Sturmer hat aber nicht untersucht, ob die IPS solchen Projekten gegenüber eigentlich unabhängig und kritisch berichtet – was ein wichtiges Element gewesen wäre, um den Wert der IPS-Berichterstattung zu untermauern.

Keine Frage, die afrikanischen Journalisten und IPS im Besonderen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass überhaupt eine differenzierte Berichterstattung in deutschsprachigen Medien stattfindet. Die Idee, verstärkt auf authentische Berichte von Autorinnen und Autoren aus den Ländern selbst zu setzen, ist richtig; soziale und mobile Medien haben hier besonders für Afrika viele neue Möglichkeiten eröffnet. Eine gewisse kritische Distanz hätte die Glaubwürdigkeit und Relevanz des Ansatzes von Sturmer aber durchaus gestärkt. Für sein nächstes Buch wünsche ich mir, noch mehr zu erfahren über die afrikanischen Journalistinnen und Journalisten selbst: Wer sind sie, wie und unter welchen Bedingungen arbeiten sie, wie entstehen ihre Geschichten? Ihre eigenen Stimmen sollten auch in einem Buch über sie stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.

Literatur:

  • Glodzinski, A.: Raumbild Afrika. Die Konstruktion des afrikanischen Kontinents in den deutschen Printmedien. München [GRIN] 2010.
  • Mükke, L.: Journalisten der Finsternis. Akteure, Strukturen und Potenziale deutscher Afrika-Berichterstattung. Köln [Herbert von Halem] 2009.

Links:

Über das BuchMartin Sturmer: Afrika! Plädoyer für eine differenzierte Berichterstattung. Konstanz und München [UVK] 2013, 192 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseMartin Sturmer: Afrika!. von Czepek, Andrea in rezensionen:kommunikation:medien, 4. Oktober 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/14304
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Rezensent/in
Andrea Czepek ist Professorin für Journalismus und Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Journalismus und Gesellschaft, Printmedien, Pressefreiheit, Internationale Kommunikation sowie Europäische Öffentlichkeit.