Alexander Filipović, Michael Jäckel, Christian Schicha (Hrsg.): Medien- und Zivilgesellschaft

Einzelrezension
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Rezensiert von Johanna Haberer

Medien- und Zivilgesellschaft_onlineEinzelrezension
Der Sammelband Medien- und Zivilgesellschaft ist das erste Projekt in der Schriftreihe Kommunikations- und Medienethik, die, nach Angaben der Reihenherausgeber Alexander Filipović, Christian Schicha und Ingrid Stapf, “dem erstarkenden medienethischen Diskurs einen adäquaten Publikationsort zur Verfügung stellen” (5) wollen. Nachdem die Tagungen des Netzwerks Medienethik zuvor hauptsächlich in der Zeitschrift für Kommunikationsökologie und Medienethik (ZfkM) herausgegeben wurden, dokumentiert der Band nun erstmals als Tagungsband die Tagung des Netzwerks Medienethik 2011 zum Thema Medien- und Zivilgesellschaft, die zusammen mit der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik der DGPuK, sowie der Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie der deutschen Gesellschaft für Soziologie veranstaltet wurde.

Damit eröffnet – neben der Schriftenreihe Medienethik (seit 2002 herausgegeben von Rafael Capurro und Petra Grimm) – eine zweite wissenschaftliche Reihe zur Medienethik den wissenschaftlichen Diskurs darüber, wie Medien zum Gelingen des Lebens von Individuen und der Gesellschaften beitragen und/oder wie sie dieses Gelingen gefährden können.

Diese neueröffnete Schriftenreihe und ihre breite interdisziplinäre Vernetzung markiert den Bedarf und das Erstarken der Medienethik als neues akademisches Fach in den Diskursen der Medien-, Kommunikations- und Publizistikwissenschaften ebenso wie die Neuerrichtung zweier Lehrstühle für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München, sowie im Department Medienwissenschaften und Kunstgeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Der Tagungsband bringt die Konzepte Mediengesellschaft und Zivilgesellschaft in unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven in ein produktives Gespräch. Er befragt diese Konzepte nach ihrer Bedeutung für das freiwillige gemeinschaftliche Handeln von Bürgerinnen und Bürgern, fragt nach ethischen Ansprüchen, die an die Massenmedien, das Internet und die Kommunikationsberufe gestellt werden können und danach, ob die Massenkommunikation dem Ethos der Zivilgesellschaft genügen und damit Demokratie ermöglichen, fördern, verändern oder behindern kann.

Besonders das Phänomen Wikileaks eröffnet ein breites Feld philosophischer, politik- und kommunikationswissenschaftlicher Erörterung in medienethischer Perspektive und wird in diesem Band unter unterschiedlichen Blickwinkeln verhandelt (Christian Schicha, Friedrich Krotz, Matthias Rath u. a.).

Erhellend sind insbesondere die begrifflichen Klärungen im ersten Teil des Bandes, wenn der Duisburger Politikwissenschaftler Manfred Mai die Idee der Zivilgesellschaft aus dem Verständnis der Aufklärung und der bürgerlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts in die aktuellen Fragestellungen von Partizipation und Verantwortung in der Mediengesellschaft einträgt. Er weist hier in der Koinzidenz von Nutzer, Produzent und Konsument die Grenzen der zivilgesellschaftlichen Zuschreibungen von Verantwortung auf. Aufschlussreich ist es auch, wenn der Trierer Soziologe Michael Jäckel die Kantsche Idee des sich selbst aufklärenden Publikums auf die Netzgesellschaft überträgt. Oder wenn der Friedrichshafener Kulturwissenschaftler Marian Adolf in seinem sehr scharfsinnigen Aufsatz zwei Stränge der begrifflichen Bedeutung von Öffentlichkeit herausarbeitet und diese einträgt in die Diskurse über Zivilgesellschaft; hellsichtig und weiterführend ist auch der Ausblick von Bernhard Debatin auf künftige Herausforderungen der Mediengesellschaft, welche neue personale, kommunikative und handlungsrelevante Kompetenzen auf unterschiedlichen Bildungsebenen erfordert, ergänzt durch die Kompetenz, die digitale Technik zu reflektieren.

Die Philosophin und Medienwissenschaftlerin Larissa Krainer erörtert am Beispiel zweier zivilgesellschaftlicher Konflikte in Österreich die Eignung solcher Verfahren zur Konfliktregelung in der Mediengesellschaft, die sowohl in einer prozessethischen, wie in einer diskursethischen Dimension betrieben werden können. Man hätte sich hier eine noch stärkere medienethische Zuspitzung gewünscht.

Im zweiten Teil sind die Beiträge der beiden Philosophinnen Claudia Paganini und Ingrid Stapf hervorzuheben. Claudia Paganini macht den produktiven Versuch, die Prinzipien der ebenfalls sehr technikgesteuerten Medizinethik – Nichtschädigung, Selbstbestimmung, Fürsorge und Gerechtigkeit – in die medienethischen Debatten einzutragen. Und Ingrid Stapf reflektiert die Wahrheitsnorm als medienethischen Grundwert sowie als Vorbedingung für Freiheit. Erwähnenswert ist auch der Ansatz des Journalistikprofessors Horst Pöttker im dritten Teil, der sich den Verfahren von Medienregulierung und -Kontrolle widmet und empfiehlt, nach dem Prinzip der Transparenz das Konzept der ‘Medienselbstkontrolle’ den Bedingungen der digitalen Gesellschaft anzupassen, d. h. auf verschiedenen Verantwortungsebenen breitere Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen.

Der Versuch, die Visionen einer partizipativen Mediengesellschaft mit den Öffentlichkeitskonzepten der kritischen Theorie und den Idealen der Zivilgesellschaft diskursiv zu verbinden, eröffnet eine Reihe neuer Perspektiven auf die Chancen und Grenzen medialen bürgerschaftlichen Engagements und straft den Einwurf des Technikexperten Karsten Weber Lügen (“Zivilgesellschaft und Medienethik: Eine unbegründete Hoffnung”, 179), der mit einer sehr pessimistischen und enggeführten Phänomenologie das Konzept der Zivilgesellschaft, medienethisch buchstabiert, für unbrauchbar erklärt.

Nachdenkenswert ist im letzten Teil der Appell des Philosophen Matthias Rath, der angesichts globaler Veröffentlichung staatlicher Geheimnisse mit dem sozialphilosophischen Begriff des ‘Naturzustands’ die gesetz- und vertragslosen Beziehungen im digitalen Raum beschreibt und – unter bestimmten Bedingungen – ein Selbstbestimmungsrecht des Staates anmoderiert.

Ein inspirierender Auftakt für eine Reihe, die wesentliche Impulse erwarten lässt und helfen wird, medienethische Diskurse wissenschaftlich validiert zu etablieren. Für nachfolgende Bände sollte man mit einer stärkeren Einbindung internationaler Expertise rechnen können.

Links:

Über das BuchAlexander Filipović, Michael Jäckel, Christian Schicha (Hrsg.): Medien- und Zivilgesellschaft. Weinheim und Basel [Beltz Juventa] 2012, 318 Seiten, 29,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseAlexander Filipović, Michael Jäckel, Christian Schicha (Hrsg.): Medien- und Zivilgesellschaft. von Haberer, Johanna in rezensionen:kommunikation:medien, 9. September 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/14071
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