Thomas Wiedemann: Walter Hagemann

Einzelrezension
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Rezensiert von Erik Koenen

Hagemann_onlineEinzelrezension
Unter den tragenden, ja treibenden Wissenschaftlerpersönlichkeiten, die nach 1945 die im NS-Staat in jedweder Weise diskreditierte, ramponierte und vernutzte Vorläuferdisziplin der heutigen Kommunikationswissenschaft, die Zeitungswissenschaft, entideologisierten und als Wissenschaft von der Publizistik in die Nachkriegsgesellschaft hinüberretteten, spielte Walter Hagemann (1900-1964) eine herausragende Rolle. Nicht bloß institutionell, mit dem Wiederaufbau des Instituts an der Universität Münster, sondern genauso ideen- und sozialgestaltlich entfaltete der vormalige Praktiker Hagemann einen enormen, wenn nicht sogar in vielerlei Hinsicht den entscheidenden Einfluss auf die “Entideologisierung und Rekonstruktion” (Averbeck/Kutsch 2002: 63f.) des Fachs als Publizistikwissenschaft im ersten Nachkriegsjahrzehnt. In dieser Sache war er, heißt es in dieser aus Sicht der Fachgeschichte der Kommunikationswissenschaft ersten umfassenden Studie zu Hagemann, “hoch produktiv und schuf innerhalb weniger Jahre ‘aus dem Nichts’ ein Werk, das die Publizistikwissenschaft theoretisch und begrifflich begründete, ein Vorbote der sozialwissenschaftlichen Wende des Fachs in den späten 1960er-Jahren war und für gehöriges öffentliches Aufsehen sorgte” (17).

Vor diesem Hintergrund widmet sich die von Thomas Wiedemann verfasste ‘wissenschaftliche Biographie’ Hagemanns in historisch-systematischer Perspektive dezidiert disziplinhistorischen Erkenntnisproblemen, die über das personenzentrierte, bloße chronologische Nacherzählen der Lebensgeschichte dieser “Jahrhundertpersönlichkeit” (14), aber auch über das Fach Kommunikationswissenschaft hinausweisen.

Praktisch heißt das, dass wir es hier nicht mit einer dem Paradigma des Historismus verpflichteten konventionellen Individualbiographie zu tun haben. Vielmehr orientiert sich Wiedemann an der jüngeren, nicht zuletzt sozialwissenschaftlich inspirierten und in diesem Sinne reformulierten Neukonzeption des biographischen Genres. Demnach verknüpft eine modern konzipierte Biographie “Gesellschaftlichkeit, Kultur und Subjektivität, da sie das Individuum ins Verhältnis zu den Strukturen setzt, in denen es lebte, die es prägten und auf die es einwirkte” (31). Trotz der Renaissance der Biographie unter dem Vorzeichen “einer leistungsfähigen ‘kleinen Synthese großer Geschichte'” (32, zitiert nach O. Hähner) kursiert noch immer der Vorwurf ihrer weitgehenden Theorielosigkeit. Sie verführe die meisten Biographen dazu, im Nachhinein eine lineare, möglichst in sich stimmige “biographische Illusion” (33) zu erzeugen, so prominent Pierre Bourdieu, der demgegenüber mit dem originären ‘Konzept der sozialen Laufbahn’ “für eine differenziertere lebensgeschichtliche Darstellung plädiert, die dem hohen Stellenwert des Kontextes Rechnung trägt” (34).

Darin liegt quasi der Schlüssel für Wiedemanns originellen biographischen Zugang, wenn er die Potentiale des Bourdieu’schen Theoriegebäudes diskutiert und dessen Theorie der sozialen Praxis für das Schreiben von (Wissenschaftler-)Biographien operationalisiert (vgl. 34ff.): “So wird die Theorie sozialer Praxis als Antwort auf die Forderung verstanden, die historische Persönlichkeit nicht als isoliertes Subjekt zu betrachten, sondern in den gesellschaftlichen Kontext einzubinden und damit der Interdependenz von Individuum und Struktur Rechnung zu tragen” (38). Resultat ist ein als heuristisches Instrument die biographische Forschung leitendes und strukturierendes, vielschichtiges Kategoriensystem entlang der Theoriedimensionen Feld, Habitus, Kapital (vgl. 58ff.). Um die einzelnen Kategorien mit Leben zu füllen, wurde ein reichhaltiger Quellenkorpus unterschiedlicher Provenienzen (z.B. Archivmaterial, Experteninterviews, Presseberichterstattung) herangezogen, mit dem ebenso anschaulich wie gründlich Hagemanns Laufbahn als ein “kontinuierliches Auf und Ab in den Hierarchien der für ihn relevanten Felder” (79) nachgezeichnet wird.

Nach dem Studium der Geschichte, Literatur, Philosophie und der erfolgreichen Promotion als freier Publizist und Schriftsteller rund um den Globus unterwegs, erwarb er sich den Grundstock kulturellen Kapitals, mit dem er 1927 bei der zentrumsnahen Germania als Auslandsredakteur journalistisch reüssierte. Herausgefordert durch die sich Anfang der 1930er rasant verschärfende politische Krise der Weimarer Republik, nahm er bis in die entscheidenden Tage der politischen Machtübergabe an Hitler unentwegt zugunsten Weimars öffentlich Stellung – der Grund, dass man ihn zunächst im Frühjahr 1933 wegen so genannter ‘politischer Unzuverlässigkeit’ entließ. Doch er “war zu Zugeständnissen an das Regime bereit” (120) und nahm nach “reiflicher Überlegung” (123) das Angebot an, nun als Chefredakteur die Germania zu leiten: “Er glaubte, es sei ihm in dieser Position im journalistischen Feld möglich, ‘wenn nicht der NS-Politik, so doch der NS-Weltanschauung entgegenzutreten'” (ebd.).

Trotz eines “gewissen Sonderstatus in der weitgehend gleichgeschalteten Presse” (362) war sein “Ansinnen, die Zeitung wieder auf ihren ursprünglichen Kurs zu bringen” (124), vielerlei Konzessionen und Restriktionen unterworfen. Als dies “in keinem Verhältnis mehr zur äußerst geringen Macht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen” (136), stand, kündigte er knapp zwei Monate vor der Schließung des Blattes Ende 1938. Per Erlass ‘von oben’ weiterer größerer Wirkungsmöglichkeiten beraubt, verbrachte er mit dem “Ruf als Oppositioneller” (363) die Jahre bis 1945 “in einer Nische” (124). Nach Kriegsende nun passten jedoch seine in der NS-Zeit so gut wie wertlos gewordenen Kapitalien “hervorragend zu den veränderten Strukturen des sozialen Raums” (147). Nationalsozialistisch unbelastet profitierte er von der “umfassenden Kapitalumwertung” (363) in der Nachkriegsgesellschaft: erst journalistisch und publizistisch u.a. als erster deutscher Redakteur der von der US-amerikanischen Militärbehörde in München herausgegebenen Neuen Zeitung; bald wieder politisch als Mitbegründer der CSU; schließlich bei dem Sprung von der Praxis in die Wissenschaft, und hier startete 1946 seine für die jüngere Fachgeschichte der Kommunikationswissenschaft im Engeren relevante Wirksamkeit, als Zeitungswissenschaftler an der Universität Münster.

“Die Disziplin, deren vormalige Strukturen durch die Abwicklung der meisten Institute und die Entlassung des belasteten Personals kaum noch erkennbar waren, nahm den im Nationalsozialismus nicht kompromittierten Seiteneinsteiger mit offenen Armen auf. […] Über genuin wissenschaftliches Kapital verfügte er als Fach- und Universitätsfremder nicht. Stattdessen übertrug er sein Kapital aus Journalismus und Politik erfolgreich ins wissenschaftliche Feld” (364). Mit “dem unbedingten Willen, sich selbst und dem ums Überleben kämpfenden Fach die nötige Anerkennung zu verschaffen” (ebd.), verhalf er dem Münsteraner Institut zu neuem institutionellen Kapital. Im Sinne von nomen est omen verabschiedete er alsbald dann auch die überholte, gegenstandsbeschränkende Fachbezeichnung und weitete es erkenntnisperspektivisch und kognitiv zur Publizistikwissenschaft aus. Sein Engagement für die Publizistik als “Lehre von der öffentlichen Aussage aktueller Bewusstseinsinhalte” (177) wurde theoretisch, methodisch, aber auch in Lehre und Forschung zum weithin öffentlich wahrnehmbaren, kognitiven Fluchtpunkt der (Re-)Konstituierung des Fachs an den Universitäten in den 1950er Jahren, er “stand am Machtpol des publizistikwissenschaftlichen Feldes” (366), was nicht zuletzt seine Vernetzungsinitiativen zu einer Fachgesellschaft und einer Fachzeitschrift unter diesem Titel eindrucksvoll belegen.

Umso gravierender waren die Folgen, als er sein so erworbenes Kapital Stück für Stück im politischen Feld verspekulierte. Sein “sozialer Absturz im Kalten Krieg” (268) setzte ein, als er den Vorsatz aufgab, “nur noch der Wissenschaft zu dienen” (269). Sein engagiertes Wirken als eine der “bedeutendsten Figuren der Protestbewegung gegen Adenauers außenpolitischen Kurs” (283) der Westbindung der Bundesrepublik, vor allem dann seine Rede vor dem Nationalrat der Nationalen Front der DDR 1958 “provozierte ein ausgesprochen unnachgiebiges Vorgehen” (368) gegen ihn. Erst der Ausschluss aus der CDU, ein Disziplinarverfahren seitens der Universität, das Hinausdrängen aus der publizistikwissenschaftlichen Fachgemeinde, der Verlust des akademischen Titels und die Suspendierung, schließlich ein Strafverfahren wegen moralischer Entgleisungen zeigen, wie drastisch man ihm zu Leibe rückte. Mit der Flucht in die DDR war er endgültig zur Unperson geworden und stürzte damit nicht zuletzt sogar “das mit seiner Person identifizierte Fach in eine tiefe Krise” (370). Seine Publizistik, die vielerlei sozialwissenschaftliches Potential enthielt, war moralisch entwertet und wurde nicht weiter verfolgt.

Mit der hier vorgelegten Biographie Walter Hagemanns gelingt Thomas Wiedemann ein facettenreiches und quellengesättigtes Porträt zu einer der Schlüsselfiguren der Publizistikwissenschaft, die jedoch zugleich als eine um die Person Hagemann gesponnene Fachgeschichte der ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte gelesen werden kann. So zeigen sich trotz der grundsätzlich hohen sozialen Kontextsensitivität moderner Wissenschaft eindrucksvoll die großen Spielräume und Einflüsse eines Einzelnen, noch dazu eines Praktikers und wissenschaftlichen Quereinsteigers, in der kognitiven und sozialen Ressourcenmobilisierung für das wiederentstehende, gesellschaftlich diskreditierte, institutionell und personell zurechtgestutzte Fach. Wer sich in den 1950er Jahren mit publizistischen Gegenständen beschäftigen wollte, kam um die zuallererst mit dem Namen Hagemann verknüpfte Publizistik nicht herum.

Jedoch stand und fiel dieses Fach- und Forschungsprogramm mit seiner Person, was unmittelbar im raschen Wertverfall seines originären wissenschaftlichen Zugangs deutlich wird, der mit seinem heißköpfigen politischen Wirken im Kalten Krieg einsetzte. Hierfür liefert die von Wiedemann fachhistorisch als ‘Konzept der sozialen Laufbahn’ adaptierte Soziologie Bourdieus einen originellen Erkläransatz, der auch über den Fall Hagemann hinaus noch einiges verspricht. Insgesamt schließt Wiedemann mit dieser Studie nicht einfach nur eine Forschungslücke, sondern schreibt ein spannend zu lesendes Stück Fach- und Zeitgeschichte, das nicht zuletzt, wie vom Herbert von Halem Verlag gewohnt, sorgsam verlegt wurde.

Literatur:

  • Averbeck, S.; A. Kutsch: Thesen zur Geschichte der Zeitungs- und Publizistikwissenschaft 1900-1960. In: Medien & Zeit, 2-3, 2002, S. 57-66.

Links:

Über das BuchThomas Wiedemann: Walter Hagemann – Aufstieg und Fall eines politisch ambitionierten Journalisten und Publizistikwissenschaftlers. Köln [Herbert von Halem] 2012, 448 Seiten, 32,- Euro.Empfohlene ZitierweiseThomas Wiedemann: Walter Hagemann. von Koenen, Erik in rezensionen:kommunikation:medien, 4. September 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/14052
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Rezensent/in
Erik Koenen, M.A. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Kommunikationsgeschichte und Medienwandel am Institut für historische Publizistik, Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bremen.