Peter Geimer: Theorien der Fotografie zur Einführung

Einzelrezension
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Rezensiert von Jens Schröter

Einzelrezension
Peter Geimer ist ein schönes Buch gelungen. Es soll eine Einführung in die vielfältigen Theorien der Fotografie geben. Schon im 19. Jahrhundert stimulierte das damals neue Phänomen eines technischen Bildes, in dem sich “die Natur selbst zu zeichnen scheint” – so ein früher Gedanke zur Fotografie – eine lebhafte Diskussion, die (zum Teil durch technische und kulturelle Verschiebungen angefacht) bis in die Gegenwart andauert. Daher gibt es einen umfangreichen Bestand an Literatur zur Geschichte, Theorie und Ästhetik der Fotografie. Gerade in den letzten Jahren sind im deutschen Sprachraum eine Reihe wichtiger und vielbeachteter Anthologien erschienen: So etwa die beiden von Herta Wolf (2002, 2003) herausgegebenen Bände Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, der vierte Band der ursprünglich von Wolfgang Kemp edierten Reihe Theorie der Fotografie (Amelunxen 2000) und nicht zuletzt Geimers eigener Sammelband Ordnungen der Sichtbarkeit (Geimer 2002). Auch im anglo-amerikanischen Raum sind in den letzten Jahren neue Sammelbände zur Theorie der Fotografie erschienen, so zum Beispiel der von James Elkins herausgegebene Band Photography Theory (Elkins 2007).

Geimers Theorien der Fotografie zur Einführung hat in diesem weiten Feld eine Nische gefunden. Es gab bislang keinen Band, der den interessierten Laien oder Studierenden, aber auch Kunst- und Medienwissenschaftlern, die ihre Kenntnisse auffrischen wollen, in die verzweigte und oft hochkomplexe Diskussion einführt. Der Autor strukturiert die Theorien der Fotografie nicht chronologisch oder nach Autoren, sondern einleuchtend nach fünf, in der Diskussion zentralen thematischen Schwerpunkten: 1. “Bilder durch Berührung: Fotografie als Abdruck, Spur und Index”; 2. “Fotografie als Botschaft und Konstrukt”; 3. “Zeit im Bild – Bilder in der Zeit”; 4. “Fotografie im Plural: Serialität, Reproduktion, Zirkulation”; und schließlich 5. “Kunsttheoretische Bestimmungen: Die Fotografie im System der Künste”. Die wesentlichen Eckpfeiler der Diskussion werden vorgestellt – wobei manche Auslassung ein wenig wundert, so werden etwa in dem Kapitel zur “Fotografie im System der Künste” nicht die Schriften von John Szarkowski erwähnt, jenes Kurators, der ab 1962 die Nachfolge Edward Steichens am Museum of Modern Art antrat und maßgeblich für den Boom der Kunstfotografie seit den 1960er Jahren verantwortlich ist.

Geimer stellt die verschiedenen Positionen aber nicht nur additiv vor, sondern er bezieht sie aufeinander, etwa wenn er die unklare Verwendung von “Abdruck”, “Index” und “Spur” thematisiert (57). Wie dieses Beispiel zeigt, bezieht er auch kritisch zu dargestellten Ansätzen Stellung, so etwa zum latenten Essentialismus bei Sekula, der sich sonst um eine radikal nicht-essentialistische Beschreibung der Fotografie bemüht. Gerade an diesem letzten Beispiel kann man aber auch sehen, dass Geimer gelegentlich ruhig noch kritischer mit den von ihm besprochenen Autorinnen und Autoren hätte umgehen können: So wirft Sekulas Behauptung, dass Fotografien außerhalb des sie jeweils bestimmenden Diskurses “keine Eigenschaften besitzen” (92) die Frage auf, wie man zwei unterschiedliche Verwendungen der Fotografie überhaupt aufeinander beziehen kann, setzt das doch mindestens voraus, beide Fälle als Verwendungen von Fotografie überhaupt zu verstehen – eine Minimaldefinition der Fotografie muss also immer vorausgesetzt werden. Aber das sind Kleinigkeiten, die den guten Eindruck des klar geschriebenen und sehr flüssig lesbaren Buches kaum schmälern.

Bis auf einen Punkt, der leider ein wenig schwächer ausgefallen ist: In dem Teil über den Übergang von der analogen zur digitalen Fotografie (98-111) werden eine ganze Reihe wichtiger Positionen erwähnt, die bei allen verschiedenen Akzentuierungen doch immer gemeinsam haben, mit dem Aufkommen digitaler Bilder einen Verlust des Referenzcharakters fotografisch anmutender Bilder zu verbinden (102) – bestenfalls wird konzediert, dass es diese “Objektivität” ohnehin nie gegeben hätte (105). Jedoch werden computergenerierte und digitalisierte Bilder, wie es nötig wäre, nicht klar unterschieden (99), obwohl letztere noch immer als “Spur” oder “Abdruck” des Lichts verstanden werden können (auf Seite 99 deutet Geimer dies an), selbst wenn sie, “was sie halten, nur schwach fest[halten]” (Hagen 2001). Die leichtere Bearbeitbarkeit der digitalen Aufzeichnung bedeutet nämlich mitnichten immer einen Referenzverlust, sondern kann in bestimmten Praktiken den referenziellen Bezug des Bildes gerade stärken. Das war jedenfalls eines der zentralen Motive für die Entwicklung der Bearbeitungsverfahren digitalisierter Bilder in Militär und Naturwissenschaft. Manipulation und Referenz bilden keineswegs zwangsläufig einen Gegensatz – selbst wenn diese Dichotomie die fototheoretischen Diskussionen immer wieder grundiert hat. Das wusste schon Brecht (mit explizitem Bezug auf die Fotografie), was von Geimer aber leider nicht erwähnt wird. Er kommt am Ende seines Buches in ganz anderem Zusammenhang selbst darauf (206/207) – schade nur, dass er diese Erkenntnis nicht auch auf die digitale Fotografie bezogen hat.

Nichtsdestotrotz lässt sich abschließend festhalten: Ein ausgezeichnetes Buch, welches hiermit allen an der Theorie der Fotografie Interessierten empfohlen werden kann.

Literatur:

  • Amelunxen, H. v. (Hrsg.): Theorien der Fotografie IV: 1980-1995. München [Schirmer/Mosel] 2000.
  • Elkins, J. (Hrsg.): Photography Theory. New York u. a. [Routledge] 2007.
  • Geimer, P. (Hrsg.): Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2002.
  • Hagen, W. (2001): “Computer-Bild-Welten”, Vortrag Vaduz 2001, http://www.whagen.de/vortraege/UnschaerfeVaduz/CompBildWelt.htm, 16.03.2010.
  • Wolf, H. (Hrsg.): Paradigma Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, Bd. 1. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2002.
  • Wolf, H. (Hrsg.): Diskurse der Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, Bd. 2, Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2003.

Links:

Über das BuchPeter Geimer: Theorien der Fotografie zur Einführung. Hamburg [Junius Verlag] 2009, 229 Seiten, 14,90 Euro.Empfohlene ZitierweisePeter Geimer: Theorien der Fotografie zur Einführung. von Schröter, Jens in rezensionen:kommunikation:medien, 20. April 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1401
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Rezensent/in
Dr. Jens Schröter ist Professor für "Theorie und Praxis multimedialer Systeme" an der Universität Siegen.