Bodo Rollka, Friederike Schultz: Kommunikationsinstrument Menschenbild

Einzelrezension
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Rezensiert von Morten Kansteiner

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Der ‘homo oeconomicus’ kommt nicht zur Ruhe. Gerade seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise zerren ihn seine Kritiker wieder und wieder ans Licht einer breiten Öffentlichkeit, Frank Schirrmacher sogar bis an die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste (Schirrmacher 2013). Klare Anzeichen, welche Bedeutung das “Kommunikationsinstrument Menschenbild” entfalten kann.

In Friederike Schultz’ Untersuchung zu ‘Menschenbildern in der Organisationskommunikation’, ihrem Beitrag zu der gemeinsamen Veröffentlichung mit Bodo Rollka, bildet der ‘homo oeconomicus’ einen entscheidenden Angelpunkt. Im 18. Jahrhundert mit der Nationalökonomie entstanden, zieht er rasch Kritik auf sich, die den ‘homo socialis’ als Gegenpart hervorbringt (vgl. 101ff.). Die Konkurrenz der beiden Figuren der Wirtschaftstheorie verknüpft Schultz mit zwei anderen Kontexten: einerseits der Gesellschaftstheorie und dort vor allem dem Gegenüber von Gesellschaft und Gemeinschaft bei Ferdinand Tönnies (vgl. 105f.); andererseits aktuellen Theorien der Unternehmenskommunikation (vgl. 109ff.). Konzepte der Corporate Social Responsability z.B. beruhten nämlich wiederum auf einer Kritik des ‘homo oeconomicus’, setzten ihm einen ‘homo moralis’ entgegen. Womit allerdings die Vorstellung verbunden sei, dass der gemeine Mensch diesem Ideal erst angepasst werden müsse, und – eine anregende Pointe – das Bild vom führungsbedürftigen Massenwesen eine neue Variation erfahre. Ein Bild, das, wie Schultz zuvor ausführt, Theorien der Public Relations oder der politischen Kommunikation bereits hinter sich gelassen hatten (vgl. 93ff.).

Gelegentlich zieht die Analyse noch weitere Kreise. So heißt es etwa, wirtschaftswissenschaftliche Gegenentwürfe zum ‘homo oeconomicus’ stünden mit gesellschaftlichen “Protagonisten sowie allgemeinen Mentalitätsströmungen in unmittelbarer Beziehung” (105). Doch wie solche Beziehungen aussehen könnten, bleibt leider außerhalb der Reichweite der Untersuchung. Die Autoren beschränken ihre Analyse weitgehend auf wissenschaftliche Konzepte – auf “Spezialdiskurse”, ließe sich mit Jürgen Link sagen, die eigenen, besonders strengen Regeln folgen (vgl. Link 2006: 410ff.). Welche Rolle die analysierten Menschenbilder in anderen diskursiven Praktiken spielen – etwa in massenmedialer Wirtschaftskritik, um nur ein Beispiel zu nennen – bleibt damit offen.

Der Anspruch der Autoren ist eigentlich ein anderer. In der Einleitung stellen Rollka und Schultz in Aussicht, ihr Band liefere “eine umfassende Perspektive, da er die Verwendung von Menschenbildern auf der Makroebene (gesellschaftliche Prozesse), der Mesoebene (Organisationskommunikation) und der Mikroebene (interpersonale Kommunikation) analysiert” (9). Mit seinem, dem ersten Teil des Bandes, beansprucht Bodo Rollka nicht nur zu zeigen, “dass Menschenbilder […] alle Kommunikationstheorien bestimmten” (68), sondern sein Resümee geht deutlich weiter: “Aus der Theoriebildung resultieren wiederum Handlungsanleitungen und normative Aufgabenstellungen für die Kommunikationspraxis, mit deren Hilfe Ordnungen und Verbote, Gratifikationen und Sanktionen in allen kommunikativen Subsystemen legitimiert und durchgesetzt werden” (69).

De facto beschränkt sich auch Rollka weitgehend darauf, die Ebene der Theoriebildung zu betrachten. Etwa wenn er beleuchtet, wie Kommunikationstheorien allgemeineren Gesellschafts- und Kulturtheorien verpflichtet sind: z.B. das Stimulus-Response-Modell der Massentheorie Le Bons, das Two-Step-Flow-Modell dem Glauben an die Berechenbarkeit des Menschen, Konstruktivismus oder Systemtheorie hingegen der Abkehr davon (vgl. 37ff.).

Rollka versucht zwar, solche Linien weiter zu verfolgen, etwa Spuren postmoderner Theoriebildung in der Praxis des Spin Doctoring wiederzufinden. Aber kann dann nur feststellen: “Ein wissenschaftliches Konzept ist nur in groben Umrissen erkennbar” (67). Und was nicht die Form theoretischer Konzepte annimmt, entzieht sich eben seiner Vorgehensweise.

So ist der Ertrag des Bandes für den Kommunikationswissenschaftler zwiespältig. Die schmeichelhafte Annahme, dass seine Theoriebildung – wie erwähnt – gravierende Konsequenzen “in allen kommunikativen Subsystemen” haben könnte, bleibt bis auf Weiteres unbewiesen. Umso mehr Raum bleibt jedoch, die Anregung aufzugreifen, dass Menschenbilder ein ergiebiges diskursanalytisches Raster abgeben.

Literatur:

  • Link, J.: Diskursanalyse unter besonderer Berücksichtigung von Interdiskurs und Kollektivsymbolik. In: Keller, R. u.a. (Hrsg.): Handbuch sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse. Bd. 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden [VS Verlag] 2006, S. 407-430.
  • Schirrmacher, F.: Ego. Das Spiel des Lebens. München [Blessing] 2013.

Links:

Über das BuchBodo Rollka, Friederike Schultz: Kommunikationsinstrument Menschenbild. Zur Verwendung von Menschenbildern in gesellschaftlichen Diskursen. Wiesbaden [VS Verlag] 2011, 180 Seiten, 24,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseBodo Rollka, Friederike Schultz: Kommunikationsinstrument Menschenbild. von Kansteiner, Morten in rezensionen:kommunikation:medien, 26. August 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/13988
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Rezensent/in
Morten Kansteiner arbeitet seit 2004 als Redakteur beim öffentlich-rechtlichen Hörfunk. 2009 promovierte er an der TU Dortmund mit einer diskursanalytischen Arbeit: Die Sagbarkeit der Heldin. Jeanne d'Arc in Quellen des 15. und Filmen des 20. Jahrhunderts.