Karl Bühler: Schriften zur Sprachtheorie

Einzelrezension
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Rezensiert von Janette Friedrich

Schriften zur SprachtheorieEinzelrezension
Mit dem von Achim Eschbach unter Mitarbeit von Jens Artelt herausgegebenen Band zu Karl Bühlers Schriften zur Sprachtheorie hat der Leser nun endlich einen einfachen Zugriff auf eine Reihe von Artikeln, die Bühler zwischen 1908 und 1936 in verschiedenen Zeitschriften, Festschriften und Schriftenreihen veröffentlicht hat. Damit wird er nicht nur der immer noch mühselig bleibenden Suche nach diesen Texten entbunden, sondern kann sich auch, der Auswahl des Herausgebers folgend, ein Bild von dem schon frühzeitig bei Bühler entstandenem Interesse an Sprache machen.

Bühler schreibt 1927 in Die Krise der Psychologie, dass die hier dargelegten Überlegungen zu sprachlichen Phänomenen “über zwei Jahrzehnte zurückreichen” und er fügt hinzu: “ich bin nicht ausgezogen, um die Psychologie zu reformieren, sondern um die Axiome der Sprachtheorie zu finden. Ein nahezu vollendetes Buch ‘Theorie der Sprache’ wird darüber genaue Rechenschaft ablegen” (Bühler 1987: 29). Kennt man Bühlers Werdegang, kann diese Behauptung verwundern, da letzterer in der Geschichtsschreibung der Psychologie vor allem für seine im Rahmen der Würzburger Schule der Denkpsychologie erarbeitete Habilitation (1907) und seine Forschungen zur Gestaltpsychologie Erwähnung findet. Diese Themen und das 1918 veröffentlichte Buch zur Geistigen Entwicklung des Kindes, das maβgeblich zu seiner Berufung an die Universität Wien als Professor für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Psychologie und experimentellen Pädagogik beigetragen hat, scheinen zwischen 1906 und 1922 den eigentlichen Mittelpunkt seiner Forschungen zu bilden. Aber auch wenn Darstellungen von fremden und eigenen Denkwegen oft das Vergangene im Lichte des Gegenwärtigen ‘verklären’, erweist es sich als äuβerst interessant, Bühlers Behauptung ernst zu nehmen. Die von Eschbach herausgegebenen Schriften liefern dazu das nötige Material.

Die Sammlung der Texte beginnt mit den beiden chronologisch ersten, der Sprache direkt gewidmeten Aufsätzen, dem Sammelreferat “Über das Sprachverständnis vom Standpunkt der Normalpsychologie aus” (1908) und Bühlers ausführlicher Rezension zu Anton Martys Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie (1909). In beiden Texten macht sich Bühler ein genaues Bild von dem, was in der Psychologie, Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft seiner Zeit diskutiert wird; er gibt wieder, interpretiert und hebt hervor. Schon hier skizziert er die Idee von der Darstellungsfunktion der Sprache, die er später als seinen eigenen originellen Beitrag zur Debatte charakterisiert.

Vier weitere in den Band aufgenommene Artikel seien in diesem Zusammenhang erwähnt: die “Kritische Musterung der neuern Theorien des Satzes” (1919), in dem Bühler den von ihm verwendeten “Darstellungsbegriff” mit Bezug auf die Mathematik definiert; “Das Ganze der Sprachtheorie, ihr Aufbau und ihre Teile” (1931) und die beiden in den Travaux du Cercle Linguistique de Prague erschienenen Arbeiten “Phonetik und Phonologie” (1931) und “Das Strukturmodell der Sprache” (1936). Man kann diese Texte als Vorstudien zu der 1934 erschienenen Sprachtheorie lesen, sie sind Etappen zu diesem Werk und Bühler stellt sie im Vorwort zu dieser so dar (vgl. Bühler 1982: XXVII). Aber jeder Text steht auch für sich und zeigt dadurch, wie sich der Blickwinkel Bühlers im Laufe der Jahre wandelt. Von den Fragen nach den psychischen Vorgängen des Sprachverstehens – Wie baut sich das akustische Wortbild im Bewusstsein auf? (2-9) Gibt es spezifische Bewusstseinsinhalte des Sprachverstehens? (13-20) – kommt er zu der 1931 formulierten Behauptung, dass “die linguistische Strukturbetrachtung […] allem, was man sonst noch betreiben mag in irgendeiner von den Wissenschaften, die sich um die Erkenntnis von Sprachlichem bemühen, logisch vorgeordnet” (173) ist . Erst die Strukturanalyse der Sprache ermögliche es, so Bühler, die für die Psychologie relevanten Fragen zur Sprache zu stellen.

Der Herausgeber hat den Band durch zwei weitere Gruppen von Texten bereichert. Es handelt sich zum einen um einzelne Kapitel aus Bühlers Büchern zur Krise der Psychologie, zur Geistigen Entwicklung des Kindes, zur Axiomatik der Sprachwissenschaften (1933) und zur Ausdruckstheorie (1933), die direkt oder indirekt sprachliche Phänomene diskutieren. Hier ergibt sich das Problem, dass die einzelnen Abschnitte aus dem Gesamtzusammenhang genommen ihre besondere, im jeweiligen Argumentationszusammenhang gespielte Funktion nur noch bedingt zeigen. Zum anderen wurden drei Texte aufgenommen, die auf den ersten Blick wenig mit Bühlers Sprachtheorie zu tun haben: zwei Übersichtsartikel, einer zum “Denken”, der andere zur “Aufmerksamkeit”, geschrieben 1912 für das Handwörterbuch der Naturwissenschaften, und ein Kapitel aus Bühlers Werk Die Gestaltwahrnehmungen (1913).

Was die ersten beiden Texte betrifft, muss man dem Herausgeber für seine Wahl dankbar sein. Denn obwohl Bühler betont, dass es sich hier nur um eine Zusammenfassung der aktuellen Forschungen handle und keine eigene originelle Position entwickelt sei, findet man im Artikel zum “Denken” eine ganz modern klingende Diskussion des Zusammenhanges von Denken und Wahrnehmen, die mehr über Bühlers Standpunkt verrät als er zugibt. Hier beschäftigt er sich mit der Existenz und dem Funktionieren von Schemata und behauptet: „fragmentarisch finden sie sich in fast jedem Denken, auch wo es sich um ganz unanschauliche Dinge handelt. Sie ersetzen da die Anschauung“ (84). Damit ist die Aufnahme dieses Textes in den Sammelband durch Bühler selbst legitimiert, denn er verortet im Vorwort zur Sprachtheorie die Anfänge seiner Konzeption in der Entdeckung der syntaktischen Schemata im Sprachdenken und diese Entdeckung macht er eben in seiner Habilitation zum Denken. Nun könnte man bedauern, dass letztere keinen Eingang in den vorliegenden Band gefunden hat, aber die schon vor Jahren vom Herausgeber angekündigte Gesamtausgabe von Bühlers Schriften wird wohl auch diese Lücke bald schlieβen.

Noch eine Bemerkung zum Vorwort des Herausgebers, das in knapper Form der Frage nach dem inneren Zusammenhang der so vielfältigen von Bühler behandelten Themen nachgeht. Eschbach verweist dabei auf Bühlers Projekt einer allgemeinen Zeichenlehre (Sematologie), das eindeutig über die 1934 veröffentlichte Sprachtheorie hinausgeht; ein Projekt, das Eschbach zufolge erst mit dem Aufkommen der Kommunikationswissenschaften und dem semiotic turn ab den siebziger Jahren ein wirkliches Interesse fand (IX).

Dem sollte jedoch hinzugefügt werden, dass dieses Projekt Bühlers bis heute noch nicht wirklich rekonstruiert wurde. Sowohl die von Bühler in Wien nach 1934 gehaltenen Vorlesungen wie auch seine nach der Emigration in den USA verfassten Manuskripte und die wenigen publizierten Texte zu diesem Thema warten noch immer auf eine genaue Aufarbeitung. Der dem Vorwort folgende, ebenfalls von Eschbach geschriebene Aufsatz zum Leben und Werk Karl Bühlers gibt mit sehr viel Detailtreue und bei Benutzung neuer Informationen einen lebendigen Einblick in die Lebens- und Arbeitsumstände Karl Bühlers und die seiner Frau Charlotte. Dass dabei auch die privaten Schwierigkeiten des Ehepaares erörtert werden, erscheint im Rahmen einer ausführlichen Lebensdarstellung durchaus legitim, sie mit Hilfe vielleicht auch anders interpretierbarer Fakten rational erklären zu wollen, ist weniger überzeugend. Dabei scheint die Frage, wie man sich den, die Moderne ernst nehmenden (Wissenschaftler-) Frauen nähert, auch heute noch ein interessanter Streitpunkt zu sein.

Der Band endet mit einem Verzeichnis der neueren Sekundärliteratur, das die Breite der Bühler-Rezeption anschaulich illustriert und ein wichtiges Hilfsmittel für alle Bühler-Forscher darstellen wird. Es versteht sich von selbst, dass dabei keine Vollständigkeit erreicht wurde. Schade ist dies trotzdem, denn so fehlen z. B. eine Reihe im Anschluss an die französische Übersetzung der Sprachtheorie (2009) erschienenen Arbeiten.

Literatur:

Karl Bühler: Die Krise der Psychologie. Frankfurt/M., Berlin, Wien [Ullstein] 1987

Karl Bühler: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Stuttgart, New York [Gustav Fischer] 1982

Links:

Über das BuchKarl Bühler: Schriften zur Sprachtheorie. Hrsg. v. Achim Eschbach, unter Mitarb. v. Jens Artelt. Tübingen [Mohr Siebeck] 2012, 261 Seiten, 49,- Euro.Empfohlene ZitierweiseKarl Bühler: Schriften zur Sprachtheorie. von Friedrich, Janette in rezensionen:kommunikation:medien, 21. August 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/13936
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Rezensent/in
Janette Friedrich ist Dozentin an der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften der Universität Genf. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. Geschichte der Psychologie und Sprachwissenschaft Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts und Wissenstheorien. Sie ist Mitherausgeberin der französischen Übersetzung von Karl Bühlers Sprachtheorie.