Clemens Zimmermann, Rainer Hudemann, Michael Kuderna (Hrsg.): Medienlandschaft Saar von 1945 bis in die Gegenwart

Einzelrezension
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Rezensiert von Ilka Desgranges

Saar_onlineEinzelrezension
Gerade ist die Zahl der Saarländer unter die Millionengrenze gerutscht. Somit wohnen im Saarland jetzt weniger Menschen als in der Stadt Köln. Seine Besonderheiten hatte das kleinste Bundesland, das an Frankreich, Luxemburg und Rheinland-Pfalz grenzt, schon immer. Ebenso seine eigene ‘Medienlandschaft’, die seit einiger Zeit bestens erforscht ist. Clemens Zimmermann, Professor für Kultur- und Mediengeschichte an der Universität des Saarlandes, der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität des Saarlandes, Rainer Hudemann, sowie der Politikredakteur des Saarländischen Rundfunks, Michael Kuderna, haben ein dreibändiges Werk herausgebracht, das von den Medien im Land handelt und damit auch von der wechselvollen Politik und Geschichte des Landes: Medienlandschaft Saar von 1945 bis in die Gegenwart.

Dem Erscheinen der dreibändigen Ausgabe vorausgegangen ist ein Forschungsprojekt der Lehrstühle von Professor Zimmermann und Professor Hudemann in Zusammenarbeit mit der Landespressekonferenz, deren Vorsitzender der dritte Herausgeber, Dr. Michael Kuderna, ist. Erarbeitet werden sollte eine “grundlegende Gesamtdarstellung der Presse- und Rundfunkgeschichte”. Geforscht wurde von 2007 bis 2009. Die drei Bände Medienlandschaft Saar sind im Januar 2010 erschienen. An ihr mitgeschrieben haben mehr als 20 Autoren, viele davon junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Medien sind schnelllebig. Drei Jahre nach Erscheinen der “ersten Gesamtdarstellung von Medienpolitik, medialen Angeboten und Organisationsformen eines einzelnen Bundeslandes”, wie es im Klappentext heißt, wären bereits ein paar Fakten zu ergänzen. Zum Beispiel, das die einzige Tageszeitung des Landes, die Saarbrücker Zeitung, nicht mehr mehrheitlich dem Holtzbrinck-Konzern gehört, sondern seit 2013 der Rheinischen Post. Die Ergänzung wäre allerdings wohl zunächst nicht mehr als eine Fußnote angesichts des Umfangs und der Fülle an Informationen, die die Medienlandschaft Saar liefert.

Ein Land – ein Sender und eine Tageszeitung – und dafür drei Bände Mediengeschichte? Die Frage stellt sich, hat sich aber beim Lesen der Inhaltsverzeichnisse bereits beantwortet. Erstens gibt und gab es über die Jahre mehr an Medien und zweitens hat nicht nur das Land eine bewegte Zeit hinter sich. Man betrachte allein den französischen Einfluss und den Wechsel der Nationalität, den das Saarland, seine Einwohner und seine Medien zu verkraften hatten.

Heute geht es den ‘Großen’ im Land, dem Saarländischen Rundfunk (SR) und der Saarbrücker Zeitung, auch darum, das Wir-Gefühl zu stärken. Das lässt sich aus ihren Werbebotschaften ablesen: ‘Meine Heimat’ heißt es bei der Saarbrücker Zeitung, ‘ein Land ein Sender’ beim SR. Das ist das Hier und Jetzt, in der Medienlandschaft Saar geht es auch ausführlich um das Früher.

Frankreich spielt dabei eine entscheidende Rolle. Einer der Herausgeber, Professor Rainer Hudemann, ist ein profunder Kenner des Landes, hat einen Lehrstuhl an der Sorbonne und wurde gerade erst bei einer Saarbrücker Tagung besonders geehrt, unter anderem durch die Anwesenheit seines Mentors, des großen französischen Historikers und Publizisten, Alfred Grosser.

Frankreichs Rolle für die Medienlandschaft Saar ist vor allem nachzulesen im ersten Band. Darin erfährt man unter anderem, warum 1946 im Saarland das Sport-Echo herausgebracht wurde. Dahinter steckte die Überlegung des damaligen Militärgouverneurs Gilbert Grandval: Für eine Wirtschaftsunion mit Frankreich brauche es eine völlige Unabhängigkeit des Saarlandes. Das Ziel war somit die Trennung des Saarsportes von Deutschland.

An ihrem Einfluss auf die saarländische Presse wollten die Franzosen auch dann noch festhalten, als die Verantwortung für die Pressepolitik 1948 in saarländische Hände überging. So sollte französische Kultur an der Saar verbreitet werden und “ein Wiedererstarken des deutschen Nationalismus an der Saar verhindert werden” (Band 1, 328). In dieser Zeit sollte der französische Architekt Pinguisson für Grandval eine französische Botschaft entwerfen. Das Haus wurde 1954 auch gebaut, allerdings nie als Botschaft genutzt. Heute ist es Kultusministerium und einer der Orte, an dem das Frankreich noch immer verbundene Saarland sich mit Veranstaltungen an 50 Jahre Elysée-Verträge erinnert.

An Geschichte und Zustand der Medien damals denkt heute kaum einer mehr. Umso höher ist neben dem wissenschaftlichen Wert auch der Erinnerungswert vor allem des ersten Bandes der Medienlandschaft Saar anzusetzen. Vieles, was in der Zeit, der sich der erste Band widmet, begann, hat bis heute Gültigkeit: Noch immer setzt die Saarbrücker Zeitung mit ihren Lokalredaktionen im ganzen Land auf “regionale Vernetzung” (Band 1, 327), noch immer berichtet sie selbstverständlich über Frankreich, französische Kultur – und gibt mehrmals im Jahr eine zweisprachige deutsch-französische Beilage heraus, in der junge Deutsche und junge Franzosen zu Wort kommen.

Noch immer wird in der Saarbrücker Zeitung auch über den 14. Juli, den französischen Nationalfeiertag, berichtet. Der kommt auch in der Medienlandschaft Saar vor, mit dem Hinweis, dass 1947 “die Euphorie auch in der Berichterstattung der Saarbrücker Zeitung der Ernüchterung wich” (365). Die Zeit von 1945 bis 1955 ist besonders erklärungsbedürftig, vielfach werden dazu im ersten Band der Trilogie Interviews mit Zeitzeugen genutzt.

Im Hier und Heute, nämlich in dem Bundesland Saarland angekommen, dreht sich vieles um den Saarländischen Rundfunk und um die Saarbrücker Zeitung, die ‘Großen’ im Land. Spannend zu lesen, sicherlich nicht nur für Journalisten oder Medienwissenschaftler.

Band zwei handelt von Medienpolitik und mediale Strukturen (1955-2005). Zu den beherrschenden Themen den SR betreffend zählt wohl das Ringen um die Eigenständigkeit, denn immer wieder musste und muss der Sender “seine Existenzberechtigung als eigenständige ARD-Anstalt unter Beweis […] stellen” (Band 2, 63).

Die Saarbrücker Zeitung wiederum muss sich daran erinnern lassen, dass sie nicht zimperlich mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (SPD) umgegangen sei. Der wiederum war auch nie sonderlich zimperlich im Umgang mit Journalisten: Die so genannte Lex Lafontaine, eine Einschränkung der Journalistenrechte bei der Gegendarstellung, rief unter anderem 1994 den Deutschen Presserat auf den Plan, der sich gegen die darin enthaltene Einschränkung der Pressefreiheit wandte. Lafontaines Nachfolger Peter Müller (CDU) hat den Eingriff in das Pressegesetz des Saarlandes im Jahr 2000 wieder rückgängig gemacht.

Die Medienlandschaft Saar ist gut erforscht, aufgearbeitet und zusammengefasst. Ausführlich und umfangreich. Allerdings nicht ganz vollständig, wie Harald Loch in seiner Rezension in der Saarbrücker Zeitung direkt nach Erscheinen der Trilogie anmerkt: Es gebe keine betriebswirtschaftlichen Untersuchungen, keine Angaben also zu Werbeeinnahmen, Vertriebskosten und anderen Fakten. Die fehlen in der Tat, und man mag sie vermissen. Aufschlüsse über den saarländischen Zeitungsmarkt geben aber auch einzelne Texte, zum Beispiel der über den (gescheiterten) Versuch, eine zweite Tageszeitung zu etablieren. Der Werbekuchen, von dem sich Zeitungen zwingend ernähren, reichte noch nie für zwei große Zeitungen im Land.

So schmal die betriebswirtschaftlichen Daten in der Medienlandschaft Saar sein mögen, so breit wird über die Entwicklung der Berufsbilder in den verschiedenen Sparten Presse, Funk und Fernsehen berichtet. Berufsbilder in den Medien haben sich jedoch nicht nur speziell im Saarland verändert; sie haben es generell getan und tun es noch; folglich sind diese Entwicklungen kein ureigenes Zeichen der Medienlandschaft Saar, wenngleich sie sich selbstverständlich auch hier belegen lassen.

Das eine, die fehlenden betriebswirtschaftlichen Angaben, müssen nicht als Mangel gesehen werden, das andere, die Erläuterungen zum Berufsbild, bedeuten nicht unbedingt ein Plus. Den Wert der dreibändigen Ausgabe schmälert beides nicht. Sie besticht durch ihre historische und politische Dimension. Genau hier ist Vollständigkeit wichtig und gegeben. Die Medienlandschaft Saar wird so auch zum Nachschlagewerk zur Geschichte des Landes. Und sie bietet noch mehr: Geschichten über Menschen, die sich von 1945 bis heute in der Medienlandschaft Saar bewegen. Einflussreich zumeist, den Einfluss haben ja Politiker und Journalisten gleichermaßen.

Da sich nicht nur das Berufbild der Journalisten, sondern auch die Gewohnheiten der Leserinnen und Leser über die Jahre gewandelt haben, hätte man sich für mehr als 1.500 Seiten Lesestoff, der auch von Visualisierungsprozessen handelt, jedoch eines gewünscht: Ein paar Fotos mehr!

Links:

Über das BuchClemens Zimmermann, Rainer Hudemann, Michael Kuderna (Hrsg.): Medienlandschaft Saar von 1945 bis in die Gegenwart. München [Oldenbourg Verlag] 2010, 3 Bände, 1.529 Seiten, 49,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseClemens Zimmermann, Rainer Hudemann, Michael Kuderna (Hrsg.): Medienlandschaft Saar von 1945 bis in die Gegenwart. von Desgranges, Ilka in rezensionen:kommunikation:medien, 9. August 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/13803
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Rezensent/in
Dr. Ilka Desgranges ist Ressortleiterin bei der Saarbrücker Zeitung und Lehrbeauftragte an der Universität des Saarlandes. Sie ist zudem in der Journalistenausbildung tätig. Von 1995 bis 2012 war sie Mitglied des Deutschen Presserates, von 2004 bis 2006 dessen Sprecherin. Journalistische Schwerpunkte: Stadtentwicklung, Baukultur, Migration. Regelmäßige Kolumne in der Fachzeitschrift Message über Entscheidungen des Deutschen Presserates.