Michael Meyen, Nina Springer: Freie Journalisten in Deutschland

Einzelrezension
4094 Aufrufe

Rezensiert von Siegfried Weischenberg

meyen&springer2009Einzelrezension
Wie kann man in der Wissenschaft Aufmerksamkeit erregen, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, das eigentlich solide erforscht ist? Man baut einen Popanz auf und versucht, dessen Existenz wortreich abzusichern – auch wenn die eigene Studie dazu nicht so schrecklich viel hergibt. Im vorliegenden Fall wird der Entdeckungszusammenhang zur “Blackbox Freie” hochjazzt, wobei der Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker gleich im ersten Satz des Buches (9) als Kronzeuge (“sträfliche Lücken”) herhalten muss. Nachdem man den Forschungsstand – freilich auf recht schmaler (deutscher) Quellenbasis – geprüft hat, heißt es zwar etwas später, “ganz so schwarz” sei der “‘Kasten’ mit freien Journalisten dann doch nicht” (21). Gleichwohl gibt die Metapher den Argumentations-Ton des ganzen, mitunter locker vom Hocker formulierten Buches vor – und das bekommt seiner Qualität, alles in allem genommen, nicht gut.

Worum geht es überhaupt? 2005 wurde eine Replikation der Studie zum “Journalismus in Deutschland” (JouriD) durchgeführt, die auf der Basis einer mehrstufigen, präzisen Definition von journalistischen Akteuren beruhte. Im internationalen Vergleich wurde das Untersuchungsobjekt Journalismus dabei weit gefasst und eben nicht, wie die Autoren hier behaupten, “vergleichsweise rigide definiert” (18). Und: Im Unterschied zu anderen repräsentativen Studien gehörten die freien Journalisten mit zur Grundgesamtheit.

Wie bei Professionsstudien üblich, wurde als Kriterium für die Auswahl der Befragten ‘Hauptberuflichkeit’ zugrundegelegt – übrigens sogar großzügiger definiert als bei der ersten Untersuchung 1993. Dennoch setzten direkt nach der Veröffentlichung heftige Diskussionen über die ‘Realitätsnähe’ der Befunde ein, denn diese hatten innerhalb der zwölf Jahre eine Reduzierung der Freien von 18.000 auf 12.000 Personen zutage gefördert. Zentraler Vorwurf: Der (freie) Journalismus habe sich verändert und dem müsse die Wissenschaft mit ihren Kriterien Rechnung tragen. Dass die Betroffenen, die ihren Presseausweis lieben, und ihre Verbände, die um ihre Mitgliedszahlen fürchten, so argumentieren, ist nachvollziehbar; dass ihnen Wissenschaftler dabei geflissentlich zur Seite stehen, weniger.

Selbstverständlich aber lassen repräsentative Studien Raum für weitere (aber: eher qualitative) Forschung. Im vorliegenden Falle also die genauere Beschäftigung mit den (neuen?) Grenzgängern des Journalismus, ihren Merkmalen und Einstellungen, und insbesondere mit dem prekären Verhältnis von Journalismus und Public Relations in Fällen, wo Personen in beiden Feldern unterwegs sind. Im Wesentlichen handelt es sich hier jedoch um eine Online-Befragung von Mitgliedern des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes (DFJV), der auch das Geld gegeben hat. Aus seiner Kartei wurden 6.330 Personen angemailt; 1.543 Interviews (Dauer: rund zehn Minuten) waren verwertbar.

Welche Merkmale die Grundgesamtheit hat und wie sie von der Stichprobe abgebildet werden, weiß man so natürlich nicht. Deshalb macht es wenig Sinn, wenn die Autoren dann ziemliche Verrenkungen hinsichtlich der “eingeschränkten Repräsentativität” ihres Reports unternehmen (37f.). Gravierender aber ist, dass ausgerechnet der DFJV als Repräsentant des ‘freien Journalismus’ erscheinen soll, was nirgendwo im Buch hinreichend problematisiert wird; dass ‘Fachjournalismus’ und Public Relations schon definitorisch schwer zu trennen sind, dürfte sich doch herumgesprochen haben. Vor allem aber: An keiner Stelle wird die Gruppe der ‘nebenberuflichen Journalisten’ genauer definiert – also jene, die sich tatsächlich in einer ‘Blackbox’ befinden, während alle anderen, die hier vorkommen (“Bauchladen-Journalisten”, “Pauschalisten oder Feste Freie” und “Journalisten in Redaktionsbüros” [17]) und generell alle Hauptberuflichen vom Radar der JouriD-Kriterien prinzipiell erfasst wurden. 12 Prozent schieden 2005 als ‘Nebenberufler’ aus der Stichprobe aus (1993: nur 4 Prozent). Sich dieser Gruppe anzunehmen, wäre lohnenswert gewesen, um die Grenzen genauer zu bestimmen und die ‘neue Professionalität’ fassbar zu machen.

Dies gelingt in diesem Buch dann kursorisch durch Einsichten aus Tiefeninterviews mit 48 Journalisten und 34 Journalistinnen; sie beruhen zu einem wesentlichen Teil auf Seminarprodukten, die nach dem Verfahren der, so die Autoren, “theoretischen Sättigung” (46) gezielt ergänzt wurden. Hier lernen wir einige Dinge, die standardisierte, repräsentative Befragungen nicht in dieser Prägnanz leisten können. Dass es sich dabei nicht um Personen aus der ‘Blackbox’ handelt, muss freilich allein aufgrund der Merkmale der Befragten, die durchweg auf hauptberuflichen Journalismus deuten (45), vermutet werden.

Ein weiterer Widerspruch ist den Autoren in diesem Zusammenhang offenbar gar nicht aufgefallen: Sie attackieren den JouriD-Befund, wonach sich fast alle Befragten dem Ideal des Informationsjournalismus verpflichtet fühlten, mit Alltagserfahrung (“ein Blick in die Medienangebote Tag für Tag” [36]). Doch die eigenen Daten zum Selbstverständnis der freien Journalisten liefern kein anderes Bild (97), müssen gleichwohl als Basis für eine karg erläuterte Clusteranalyse herhalten – nachdem vorher so fulminant für qualitative Methoden gestritten wurde. Sorgt man so für helles Licht, wie am Ende (149) behauptet wird? Oder zeigen nicht gerade die angebotenen Typologien, die aus den Daten synthetisiert wurden, dass man statt Erleuchtung doch eher einen Eiertanz aufgeführt hat? Und dabei ist dann so einiges durcheinander geraten, wie die Autoren beim letzten Typ des “Grenzgängers” wohl selbst gespürt haben: “Streng genommen”, so schreiben sie, “gehören die Befragten, die diesem Typ zugeordnet wurden, nicht mehr in ein Buch über freie Journalisten.” (144)

Streng genommen wird man zum wissenschaftlichen Grenzgänger, wenn man so unkritisch mit dem Verhältnis von Journalismus und PR umgeht, wie es hier geschieht (z. B. 68), wenn man offenbar völlig übersieht, dass der Journalismus eine normative Basis hat, wenn man Leute, die sich um unsere Kommunikationsverhältnisse Gedanken machen, als “Ordnungshüter” verulkt (28), wenn man die prekären Beschäftigungsverhältnisse vieler Freier schönredet – und wenn man sich bei seinem Sponsor mit der netten Geste bedankt, einen Befragten (technischer Redakteur, Mitte 40) zu Wort kommen zu lassen, der die Ethikregeln des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes ausdrücklich lobt (95). Und damit sollte man den schwarzen Kasten wieder zumachen.

Links:

Über das BuchMichael Meyen, Nina Springer in Kooperation mit dem Deutschen Fachjournalisten-Verband: Freie Journalisten in Deutschland. Ein Report. Konstanz [UVK] 2009, 185 Seiten, 29,– Euro.Empfohlene ZitierweiseMichael Meyen, Nina Springer: Freie Journalisten in Deutschland. von Weischenberg, Siegfried in rezensionen:kommunikation:medien, 12. September 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/134
Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Ein Kommentar auf “Michael Meyen, Nina Springer: Freie Journalisten in Deutschland
  1. Michael Meyen sagt:

    Da das Online-Format geradezu auf Reaktionen drängt, seien wenigstens zwei sachliche Fehler korrigiert.

    Es handelt sich erstens keineswegs um “eine Online-Befragung von Mitgliedern des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes”. Die Journalistinnen und Journalisten, an die der Fragebogen verschickt wurde, kamen nicht aus der DFJV-“Kartei”, sondern stehen mit einer Mailadresse in den Branchenverzeichnissen Zimpel und MEDIAtlas (S. 38). Bei einem Rücklauf von knapp 25 Prozent ist die Studie für diese Gruppe (Freiberufler, die mit ihrer Mailadresse bei einem der Marktführer auftauchen) sehr wohl aussagekräftig.

    Zweitens: Die Tiefeninterviews “beruhen” nicht “zu einem wesentlichen Teil auf Seminarprodukten” (was, abgesehen von der Grammatik, auch an sich kein Problem wäre), sondern wurden in aller Regel von Studentinnen und Studenten für ihre Abschlussarbeiten geführt (Aufbaustudiengang Praktischer Journalismus, Magister Kommunikationswissenschaft, S. 45-46).

    Und sonst? Von den Befunden der Studie erfährt man in der Rezension so gut wie nichts. Dass die meisten freien Journalistinnen und Journalisten freiwillig auf eine Anstellung verzichten, mit sich und ihren Auftraggebern ziemlich zufrieden sind, gern Freiberufler bleiben möchten und die Regeln für professionellen Journalismus verinnerlicht haben, passt sicher nicht in das Bild der JouriD-Welt.

2 Pings/Trackbacks für "Michael Meyen, Nina Springer: Freie Journalisten in Deutschland"
  1. […] vorgelegt: gemeinsam mit Nina Springer eine Untersuchung über freie Journalisten in Deutschland (siehe r:k:m-Rezension von Siegfried Weischenberg vom September 2009) und kurz darauf mit seiner Mitarbeiterin Claudia Riesmeyer die hier angezeigte Veröffentlichung […]

Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Dr. Siegfried Weischenberg ist Professor am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg.