Gerda Baumbach: Schauspieler

Einzelrezension
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Rezensiert von Nic Leonhardt

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Was ist Schauspielen? Was macht ein Schauspieler? Was macht Schauspieler aus? Diese Fragen beschäftigen seit Jahrhunderten nicht nur Theaterpraktiker, sondern auch Theoretiker, Philosophen, Literaten. In den vergangenen Jahren erfuhren sie eine erfreuliche Renaissance innerhalb der Theaterwissenschaft (Roselt 2005; Stegemann 2010; Rey, Kurzenberger, Müller 2011; u.a.). Nun hat Gerda Baumbach, Professorin für Theaterwissenschaft an der Universität Leipzig, den ersten von zwei Bänden zu Schauspieler. Historische Anthropologie des Akteurs veröffentlicht und damit einen differenzierten theateranthropologischen Blick auf die Schauspiel-Geschichte(n) vorgelegt. Der erste Band ist mit Schauspielstile überschrieben, der zweite mit dem Untertitel Historien angekündigt.

Gleich der erste Satz dieser Studie ist ein Statement: “Die Frage nach dem Schauspieler ist für mich keine unter vielen anderen, sie ist die zentrale Frage” (8). Baumbachs Arbeitsschwerpunkt ist historische Theateranthropologie in Europa; seit Jahren markiert sie damit und in der Fortführung der Idee eines “anderen Theaters” (Münz 1979) ein ansonsten wenig repräsentiertes Feld der Theatergeschichte. Diesen Ansatz verfolgt sie auch im vorliegenden Band, den sie in zwei große, miteinander verbundene Teile gliedert: Schauspielen – was ist das? und Mensch und Schauspieler. Schauspielstile. Viele Teilüberschriften versieht Baumbach mit einem Fragezeichen: Schiller und Goethe?; Komische Schauspieler?; Das Schauspielerische, eine ‘Arte histrionica’?, womit deutlich wird, dass sie nicht vorrangig Antworten zu liefern, sondern in bester wissenschaftlicher Manier vermeintlichen Antworten Fragwürdiges zu entlocken beabsichtigt.

Baumbach kritisiert an den rezenten Publikationen zum Schauspielen, dass sie zu oft “die bürgerliche Übereinkunft vom Schauspielen” (27) zum allgemeinen Ausgangspunkt nähmen; sie vermisst im Studium historischer Schauspielkonzepte (und in der Theaterwissenschaft) die eingehende Beschäftigung mit “umfassendere[n] historische[n] Zusammenhänge[n]”, die “einen differenzierten Blick auf die […] Gegenwart” schärfen (23). Dieses Desiderat ist ihr Programm, auch für ihre Studie, und sie erkundet es mit all ihrer Erfahrung, Ausbildung, ihrem Kenntnisschatz, bohrend fragend, durch synchrone und diachrone Wechselblicke durch die Geschichte(n) des Schauspielens, der Schauspielstile und ihrer jeweiligen Historizität (vgl. 86). Voller Verve betont sie dies als “eines der spannendsten Felder einer historischen Anthropologie des Akteurs und des Agierens” (ebd.).

Im ersten Teil rückt sie bekannte Schriften zu Schauspielkunst und -theorie (Baumbach beäugt diese Begriffe kritisch) ins Zentrum, angefangen mit August Wilhelm Iffland, gefolgt von Hegels Vorlesungen, Goethes und Schillers Ausführungen zu Schauspielern und schließlich Vsevolod E. Meyerholds “Rückgewinnung des Schauspielerischen im Sinne der Histrionica” (vgl. 114ff.). Baumbach will diese Schriften nicht als Kanon vermitteln, sondern liefert Re-Lektüren, Kontexte und Gegendiskurse (satirische Abhandlungen etwa (J. F. Schütze, 1800)), Einblicke in die Praxis, Berichte von Theoretikern über ihre Aufführungsbesuche, denen oft das gefiel, was sie in ihren eigenen präskriptiven Schriften verurteilten (so etwa bei Hegel, vgl. 72). Diese Exkurse ebenso wie die begriffliche Penibilität, mit der Baumbach sich dem Schauspielen und der Begriffsgeschichte des Schau-Spielers nähert, sind erhellend.

Mit der seit dem 18. Jahrhundert virulenten Anforderung an den Schauspieler, Menschen und ‘Natur’ nachzuahmen, wird er auch zum ‘Problemfall’. Der Darsteller ist als Mensch unvollkommen, die träge Masse Körper verträgt sich nicht mit den Idealen der Zeit. Schauspieler zu sein, heißt, sich in einem stets veränderlichen Geflecht aus Konventionen, Menschenbildern, anatomischen Erkenntnissen, einer Hierarchisierung der Künste zu gerieren (vgl. auch Košenina 1995; Heeg 2000). Baumbach wendet sich diesem Komplex im zweiten Teil zu, ebenso wie den anthropologischen Voraussetzungen von Leib und Körper, Körper und Seele im historischen Vergleich, kenntnisreich erweitert durch einschlägige Referenzen auf anatomische Studien und Atlanten seit dem 16. Jahrhundert.

Großes Gewicht legt Baumbach auf Bilder als Quellen mit je eigenen ikonographischen Konventionen, die es nachgerade verbieten, sie nur als bloße Illustrationen gelten zu lassen. Die zahlreichen Abbildungen, sämtlich von einer stechend klaren Qualität, legt sie auf einen gedanklichen Lichttisch, um Vergleiche zu ziehen. ‘Doppelte Orte’ des Spiels, von Fiktion und Realität, von Schauspieler und Darsteller, diskutiert sie anhand bekannter Bildmaterialien etwa von Jacques Callot, Franciscus Lang, Antoine Watteau, Daniel Chodowiecki, aber auch von weniger bekannten Künstlern.

Baumbachs Historische Anthropologie des Akteurs ist eine Bereicherung für den theaterwissenschaftlichen Diskurs ums Schauspielen und auch für Kulturhistoriker und -anthropologen sowie Kunsthistoriker empfehlenswert. Die dichten Ansätze und Beschreibungen und die sprachliche Eloquenz zeugen von der Reflexionsgabe der Autorin und machen die Studie zu einem intelligenten Gegengewicht zu der ‘bachelorisierten’ Form vieler Handbücher, die, das sei hier ausdrücklich betont, durchaus ihre eigene Berechtigung haben, aber oft zu einer ‘short-cut-History’ verkommen. Baumbachs zahlreiche Beispiele, Querverweise, Materialien und das Personenregister laden zu Exkursen in der Lehre ein.

Am Ende lenkt Baumbach ein, die Frage nach dem “eigentümlich ‘Schauspielerischen'” sei noch immer nicht beantwortet. Schauspielen lässt sich eben nicht rein programmatisch vorschreiben. “Wir werden nicht umhin können, zu den Malas Artes […] vorzudringen”, merkt sie im vollen Bewusstsein der historisch-diskursiven Bedingtheit solcher Zuschreibungen an (275). So endet sie mit einem Ausblick auf den zweiten Band, Historien, für den sie ein Vorwagen “in unbekanntere Gefilde” verspricht und eine differenzierte An-Schau des ‘Langzeitthemas’ Schauspieler, der Histriones.

Literatur:

  • Heeg, G.: Das Phantasma der natürlichen Gestalt. Körper, Sprache und Bild im Theater des 18. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. [Stroemfeld] 2000.
  • Košenina, A.: Anthropologie und Schauspielkunst: Studien zur „eloquentia corporis“ im 18. Jahrhundert. Tübingen [Niemeyer] 1995.
  • Münz, R.: Das ‘andere’ Theater. Studien über ein deutschsprachiges teatro dell’arte der Lessingzeit. Leipzig [Henschel] 1979.
  • Rey, A.; H. Kurzenberger; S. Müller (Hrsg.): Wirkungsmaschine Schauspieler – Vom Menschendarsteller zum multifunktionalen Spielemacher. Berlin, Köln [Alexander] 2011.
  • Roselt, J.: Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock- bis zum postdramatischen Theater. Berlin [Alexander Verlag] 2005.
  • Stegemann, B.: Schauspielen. Theorie. Berlin [Theater der Zeit] 2010.

Links:

Über das BuchGerda Baumbach: Schauspieler. Historische Anthropologie des Akteurs. Band I. Schauspielstile. Leipzig [Leipziger Universitätsverlag] 2012, 296 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseGerda Baumbach: Schauspieler. von Leonhardt, Nic in rezensionen:kommunikation:medien, 13. Juni 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/13338
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Rezensent/in
Nic Leonhardt (Dr. phil.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theaterwissenschaft München der Ludwig-Maximilians-Universität München und stellvertretende Leiterin des DFG-Projekts 'Global Theatre Histories' ebenda. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Theater- und Mediengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Visual Culture, Soziologie von Theater, Theater im urbanen Kontext und Globale Theatergeschichte.