Tomáš Lipták, Jurij Murašov (Hrsg.): Schrift und Macht

Einzelrezension
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Rezensiert von Ulrich Schmid

Schrift und Macht_onlineEinzelrezension
Der von den Konstanzer Literaturwissenschaftlern Tomáš Lipták und Jurij Murašov herausgegebene Sammelband beschäftigt sich mit einem wichtigen Kapitel der sowjetischen Kulturgeschichte. Im frühen Stalinismus festigte der Diktator nicht nur seine Macht, sondern baute auch ein totalitäres Mediensystem auf, das der Kommunikation seiner Macht diente. Die stalinistische Herrschaft gründete nicht zuletzt auf einer fast magischen Semiotik, in deren Fluchtpunkt der demiurgische Herrscher selbst als letzter Sinnstifter stand.

In seiner Einleitung geht Murašov auf das stalinistische Schriftparadox ein: Auf der einen Seite ist das Machtsystem auf eine schriftliche Proliferation der eigenen Ideologie angewiesen, auf der anderen Seite muss es den individualisierenden Effekten der Schriftproduktion misstrauen. Deshalb kommt es vor allem beim führenden Sprachideologen der 1930er Jahre, Nikolaj Marr, zu einer Fetischisierung der Mündlichkeit. Institutionell und technisch spiegelt sich diese Tendenz in der frühsowjetischen Radiobegeisterung. Die Schrift erscheint zwar als Motiv in der bildenden Kunst und im Film, sie ist aber unleserlich und statisch – der ultimative Herr über die Schrift ist natürlich Stalin selbst. Gerade weil die Schrift so heikel ist, muss sie auch pädagogisiert werden. Murašov hebt hier vor allem Maksim Gor’kijs Anstrengungen hervor, der sich an den Stilprinzipien des Sozialistischen Realismus abarbeitete.

Il’ja Kalinin (Moskau) rekonstruiert in seinem Beitrag Viktor Šklovskijs Verfremdungsbegriff als technische Kategorie. Der Künstler erscheint aus dieser Perspektive als Handwerker, der wie jeder andere Arbeiter in einem Produktionsverhältnis zu seinem Text steht.

Sergej Žuravlev (Moskau) analysiert Gor’kijs umfassendes Dokumentationsprojekt Geschichte der Fabriken und Betriebe. Hier ging es darum, dass Arbeiter ihre eigene Arbeitssituation beschreiben und dokumentieren. In Redaktionssitzungen sollte ein neues kollektives Schreibprinzip ins Werk gesetzt werden, dass auch vor den Gefahren individueller literarischer Stilisierungen gefeit wäre. Allerdings musste Gor’kij bald selbst einsehen, dass diese hohen Ansprüche nicht zu halten waren. Auch praktische Schwierigkeiten behinderten das Projekt: Im Zuge der Säuberungen wurden viele Akteure, die kurz zuvor noch als Helden des sozialistischen Aufbaus gegolten hatten, zu Unpersonen, die aus dem Text gestrichen werden mussten.

Hans Günther (Bielefeld) zeichnet die Diskussionen in den dreißiger Jahren um die russische Literatursprache nach, die sich immer mehr dem Stilideal der Klassik annäherte. 1923 hatte Grigorij Vinokur noch das Gegenteil gefordert: Er hoffte auf eine innovative Sprache, die sich von den ideologischen Klischees der Revolutionsparolen emanzipieren könnte. Allerdings erwies sich bald, dass in stilistischer Hinsicht der Klassiker Puškin den Sieg über den Meister der gesprochenen Sprache Gogol’ davontrug.

Marina Balina (Illinois Wesleyan University) untersucht Maksim Gor’kijs Interesse für Kinderliteratur. Auch hier hoffte Gor’kij, dass Kinder selbst zu Autoren werden würden und so ihr eigenes Erziehungsprogramm inkorporieren könnten.

Catriona Kelly (Oxford) zeigt auf, wie Shakespeare zu einem der wichtigsten Autoren im sowjetischen Schulprogramm wurde – sogar noch nach den ‘Säuberungen’ der Lektürelisten der frühen dreißiger Jahre. Shakespeare erschien in diesem Kontext als Vorkämpfer der Sowjetideologie und wurde gemeinsam mit Puškin als literarisches Vorbild gefeiert.

Tomáš Lipták beschäftigt sich mit der Umfrage unter Schriftstellern in der Zeitschrift Auf dem Literaturposten aus dem Jahr 1931. Dabei wurden den Autoren Fragen zum Unterschied zwischen alter und neuer Literatur, zum sozialistischen Aufbau oder zu ihrem persönlichen Arbeitsalltag gestellt. Allerdings verloren solche Umfragen bald ihren informativen Charakter und gingen in eine radikale ideologische Kontrolle der Schriftsteller über.

Evgenij Dobrenko (Sheffield) zeigt, wie im Vorfeld des 1. Schriftstellerkongresses 1934 die Kategorien der Professionalität und Meisterschaft dominant wurden. Man nahm Abstand vom Ideal des schreibenden Arbeiters und forderte ein hohes künstlerisches Niveau. Wortführer dieser Position war einmal mehr Maksim Gor’kij, der sich hier durchaus sehr nah bei Stalin bewegte.

Katerina Clark (Yale) zeichnet nach, wie Moskau in den dreißiger Jahren über Umbenennungen von Straßen und Plätzen ‘literarisiert’ wurde. Literatur und Politik bildeten eine enge Verbindung, wie sich etwa in der Kombination der 20-Jahr-Feiern der Revolution und des 100. Todestags Puškins im Jahr 1937 zeigte.

Thomas Lahusen (Toronto), Robin LaPasha (Duke University) und Tracy McDonald (Toronto) verweisen auf die Wichtigkeit des Akkordeons als eines ‘Volksinstruments’ in Literatur und Film der dreißiger Jahre. Dieser prominenten Repräsentation vorausgegangen war im Jahr 1926 eine ‘Akkordeon-Debatte’, in der das Akkordeon wechselweise als depressives Überbleibsel der alten Zeit kritisiert oder als volkstümlicher Arbeitsmotivator gefeiert wurde.

Konstantin Bogdanov (St. Petersburg) untersucht die Ritualisierung der politischen Kultur in der Stalinzeit. Im Rückgriff auf Richard Dorsons Begriff der Fakelore verweist Bogdanov in diesem Zusammenhang auf die Komposition ideologischer Volkslieder und die Produktion volkstümlicher Palech-Schatullen mit Revolutionsmotiven.

Der Sammelband Schrift und Macht weist auf viele Aspekte der Stalinkultur hin, die bislang von der Literaturwissenschaft und der Osteuropäischen Geschichte zu wenig berücksichtigt worden sind. Die Autoren betrachten die totalitäre Gesellschaftsordnung als mediales Kommunikationsphänomen, das mit hoher poetischer Reflexion ins Werk gesetzt wurde. Die einzelnen Beiträger hätten in ihren Texten noch etwas mehr aufeinander eingehen können – so wäre es z.B. interessant gewesen, die Diskussionen um die Literatursprache enger mit den Debatten um die Professionalisierung des Schreibhandwerks und mit der Kanonisierung von Shakespeare zu verbinden.

Auch erscheint Gor’kij in den meisten Beiträgen als Meinungsführer und Herr des literaturpolitischen Diskurses. Möglicherweise ist das eine zu einfache Sichtweise: Nach seiner Rückkehr aus dem Exil wurde Gor’kij selbst für die Installierung eines stalinistischen Literaturkonzepts instrumentalisiert und konnte kaum mehr souveräne Entscheidungen treffen.

Im Ganzen bietet der Band aber einen wichtigen Beitrag zur Stalinismusforschung – ähnliche Fragestellungen würden auch für die späte Sowjetzeit zu interessanten Resultaten führen.

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Über das BuchTomáš Lipták, Jurij Murašov (Hrsg.): Schrift und Macht. Zur sowjetischen Literatur der 1920er und 1930er Jahre. Wien, Köln, Weimar [Böhlau] 2012, 282 Seiten, 34,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseTomáš Lipták, Jurij Murašov (Hrsg.): Schrift und Macht. von Schmid, Ulrich in rezensionen:kommunikation:medien, 18. Juni 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/13322
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Rezensent/in
Ulrich Schmid ist Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen. Seine Hauptforschungsgebiete sind Politik und Medien in Russland sowie Nationalismus in Osteuropa.