Alla G. Bespalova, Evgenij A. Kornilov, Horst Pöttker (Hrsg.): Journalistische Genres in Deutschland und Russland

Einzelrezension
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Rezensiert von Wolfgang Mühl-Benninghaus

Einzelrezension
Der Journalismus wie auch die Medien generell in Russland stehen in der aktuellen deutschen Berichterstattung allgemein unter dem Verdacht von Zensur und der Beeinflussung durch Oligarchen und andere einflussreiche Kräfte des Landes. Dieser zum Teil berechtigte Vorbehalt hat offensichtlich in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit dazu geführt, sich grundsätzlich nicht näher mit Fragen des Journalismus in Russland zu beschäftigen.

Die vorhandene Abstinenz hat das vorliegende Handbuch nun erstmals grundsätzlich durchbrochen. Diese Tatsache ist außer den drei Herausgebern mehr als 20 weiteren deutschen und russischen Wissenschaftlern zu danken, die in der Mehrzahl gemeinsam mit ihrem Kollegen/ihrer Kollegin aus Russland bzw. Deutschland die einzelnen Aufsätze erstellten. Nur wenige Texte wurden von jeweils einem Wissenschaftler erarbeitet. Dabei handelt es sich, wie etwa beim Thema “Moderation” von Christina Kiesewetter oder “Kurznachricht” von Alla G. Bespalova um nachgeordnete Begriffe bzw. um solche, die nur für ein Land typisch sind. Dazu zählt etwa von russischer Seite der Begriff der “Rundschau”. Sie werden im Gesamtkontext relativ kurz abgehandelt.

Unabhängig von den jeweiligen Autoren sind alle Beiträge einschließlich des ausführlichen Anhangs, der neben der Zuordnung der Begriffe auch eine sehr umfangreiche Bibliographie enthält, durchweg zweisprachig angelegt, die linke Seite in Deutsch, die rechte in Russisch. Ein Sprachvergleich zeigt, das hier ebenso wie bei der Erstellung aller Aufsätze mit einem sehr hohen Maß an Akribie gearbeitet wurde, so dass inhaltlich in beiden Sprachen keinerlei Abstriche an den Textinhalten erkennbar sind.

Das Buch ist in zwei aufeinander bezugnehmende Teile gegliedert. Nach einer längeren Einleitung beschäftigt sich der erste mit insgesamt 30 Fachbegriffen aus dem Themenfeld journalistische Genres. Der zweite versammelt fast ebenso viele Textbeispiele aus der Presse und den audiovisuellen Medien beider Länder, die den jeweiligen Begriff illustrieren. Auf diese Weise erhält der Leser neben der Theorie auch Hinweise aus der journalistischen Praxis zu den jeweiligen Fachbegriffen, die die Beispiele in hervorragender Weise illustrieren und vertiefen.

Die meisten sind sowohl der deutschsprachigen wie auch der russischen Presse entnommen worden. Die ältesten Beiträge stammen aus dem 19. Jahrhundert, die jüngsten vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Ein Beispiel ist aus der Schweizer Boulevardzeitung “Blick” entnommen. Entsprechend der Vielfalt journalistischer Genres wurde zwangsläufig auch auf Wochenzeitungen und Zeitschriften zurückgegriffen. Drei Genres wurden mit Hilfe audiovisueller Medienbeiträge illustriert. Ein Beitrag wurde dem Programm der ARD entnommen und mehrere Ausschnitte aus Hörfunkbeiträgen von Matthias Degen belegen die Formen unterschiedlicher journalistischer Stellungnahmen. Ein dritter stammt von Radio Rostov. Er fasst anhand eines panoramaartigen Überblicks über die Hinrunde der 1. russischen Fußballliga im Jahr 2005 die wichtigsten Ergebnisse zusammen und stellt am Ende einen gelungenen regionalen Bezug her. Der Rückgriff auf den Regionalsender mag den deutschen Leser auf den ersten Blick verwundern. Er ist der Tatsache geschuldet, dass die beiden russischen Kollegen, die mit Horst Pöttker an diesem Buch gearbeitet und es herausgegeben haben, am journalistischen Institut an der Südlichen Föderalen Universität in Rostov am Don forschen und lehren.

Die Hinweise auf die Beispiele unterstreichen ein offensichtliches Anliegen des Buches. Journalismus wird hier nicht nur als aktuelle Wissenschaft sondern explizit auch als historische Disziplin gefasst. Die journalistische Genretheorie wird so in ihren Bezügen zum journalistischen Handwerk historisch kontextualisiert und verweist zugleich auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Journalismus zwischen Russland und Deutschland. Dieser breite Ansatz offeriert also ein länderübergreifendes mehrdimensionales Bild des Journalismus, ein historisches und ein multimediales.

Die Begründung für dieses Vorgehen fasst einer der ersten Sätze der Einleitung zusammen: “Die journalistischen Genresysteme entwickeln sich nicht abgesondert, sondern im Zusammenhang und Zusammenwirken von Kulturen nicht nur beider Länder, sondern auch im Kontext der europäischen und der Weltkultur” (16). Diese konsequente Darstellung journalistischer Genres als historische Produkte, die sich ihrerseits durch internationale Einflüsse herausgebildet haben, verleiht dem Buch als Ganzes eine Vielschichtigkeit mit einem sehr hohen Lehr- und Aufklärungscharakter. Hier liegt neben den einzelnen Aufsätzen und der ersten vollständigen Behandlung aller journalistischen Genres auch für die absehbare Zukunft der besondere Wert des vorliegenden Kompendiums.

Die allgemeinen Beschreibungen geben bereits Hinweise auf den Aufbau des Handbuches. An dessen Beginn werden zentrale Begrifflichkeiten definiert und die entscheidenden Kategorien Genre und Genresystem beschrieben. Im Ergebnis werden die daraus resultierenden Klassifikationsprinzipien diskutiert. Im Buch werden drei Genrekategorien vorgestellt: informierende, dazu zählen etwa Nachricht/Meldung, Bericht und Reportage, argumentierende wie Kommentar, Kritik oder Stellungnahme sowie künstlerisch-publizistische z. B. Essay, Satire und Glosse. Die Darstellung der einzelnen Genres folgt stets dem gleichen Schema: Dem jeweiligen Stichwort folgt eine etymologische Begriffsbestimmung, daran schließt die Definition und die Funktionsbeschreibung des Genres an, dessen Geschichte und der gegenwärtige Forschungsstand sowie Angaben zu wissenschaftlichen Quellen. Dieses einheitliche Vorgehen erlaubt es interessierten Lesern, das Buch als reines Nachschlagewerk zu nutzen.

Das uneingeschränkt zu empfehlende Handbuch hat insofern einen Schönheitsfehler, als Teile des Anhangs seitenverkehrt eingebunden wurden.

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Über das BuchAlla G. Bespalova, Evgenij A. Kornilov, Horst Pöttker: Journalistische Genres in Deutschland und Russland. Hanbuch. Reihe: Journalismus International, Band 4. Köln [Herbert von Halem] 2010, 424 Seiten, 36,- Euro.Empfohlene ZitierweiseAlla G. Bespalova, Evgenij A. Kornilov, Horst Pöttker (Hrsg.): Journalistische Genres in Deutschland und Russland. von Mühl-Benninghaus, Wolfgang in rezensionen:kommunikation:medien, 28. März 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/12033
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Rezensent/in
Dr. Wolfgang Mühl-Benninghaus ist Professor für Theorie und Geschichte des Films am Institut für Medienwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin. Er ist deutscher Vorsitzender des Unabhängigen Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik an der Südrussischen Universität Rostov.